
Vivantes Klinikum Am Urban
Dieffenbachstraße 1
10967 Berlin
(030) 130 21 0
Rettungsstelle
(030) 130 22 9530

| 1862 | Fräulein Wilhelmine Eleonore Ottilie Beschort gibt am 14.2. ihren letzten Willen zu Protokoll: Sie stiftet 400.000 Mark für den Bau eines Krankenhauses. |
| 1878 | Beschluss des Magistrats zur Errichtung eines städtischen Krankenhauses auf dem Urban |
| 1881 | Nach dem Tod von Fräulein Beschort am 14.4. steht die Stiftungssumme (durch Verzinsung über 600.000 Mark) zur Verfügung. |
| 1887 | Magistratsvorlage am 12.5. für die Errichtung des dritten städtischen Krankenhauses |
| 1887 - 1890 | Bau des Krankenhauses Am Urban. |
| 1889 | Wahl der beiden ärztlichen Direktoren Werner Körte und Albert Fraenkel. Die Eröffnung des Krankenhauses erfolgte mit der Aufnahme der ersten Patienten am 10. Juni 1890, 9.00 Uhr. Die Gesamtzahl der Betten betrug 574. Davon standen den inneren Abteilungen 192 Männer- und 166 Frauenbetten (insgesamt 358) und für die chirurgischen Abteilungen 120 Männer- und 96 Frauenbetten (zusammen 216) zur Verfügung. |
| 10.6.1890 | Inbetriebnahme des Krankenhauses; Aufnahme der ersten Patientin. Übernahme von 18 ausgebildeten Viktoria-Schwestern vom Krankenhaus im Friedrichshain. |
| 11.6.1890 | Übernahme von Patienten aus dem Krankenhaus im Friedrichshain |
| 1895 | Anwendung von Röntgenstrahlen im Krankenhaus Am Urban, drei Jahre nach ihrer Entdeckung. |
| 16.12.1897 | Ehemalige Frauen-Siechenanstalt in der Gitschiner Straße 104/105 wird zur Entlastung des Krankenhauses Am Urban von diesem mitverwaltet und ab 1898 eigenständig als viertes städtisches Krankenhaus geführt (1931 wird der Betrieb dort endgültig eingestellt). |
| 12.3.1902 | Krankenhaus Am Urban übernimmt die Verwaltung über das ehemalige Erziehungshaus in der Urbanstraße 23. Während der Weimarer Republik dient es als Gesundheitshaus mit sozialmedizinischen Einrichtungen, 1933-45 als SA-Sanitätsschule. Wegen der schweren Kriegsschäden wird es nach dem Krieg abgerissen, auf dem Gelände befindet sich heute das Gesundheitsamt Kreuzberg. |
| 1907 | Lina Schliemann wird als erste Volontärärztin eingestellt. |
| 1908 | Beginn des Versuchs der Einstellung weiblicher Ärzte. |
| 1910 | Dienstaufnahme eines Zahnarztes im Krankenhaus. |
| 1912 | Alfred Döblin muss seine Arztstelle im Krankenhaus wegen Heirat aufgeben, da Assistenzärzte im Krankenhaus wohnen und unverheiratet bleiben mussten. Erweiterung durch die Zwischenbauten Häuser 3/5 (Apotheke) und 5/7 (Ärztehaus) 1913 Soziale Krankenhausfürsorge wird im Krankenhaus Am Urban - zunächst auf privater Basis - eingeführt und ab 1920 in die städtische Verwaltung übernommen. |
| 1914 | Nutzung von 240 Betten durch die Militärbehörde für Verletzte des 1.Weltkrieges. Viele Assistenzärzte melden sich freiwillig zum Kriegsdienst und müssen z.T. durch niedergelassene Ärzte ersetzt werden. |
| 1915 | Diphterie-Epidemie in Berlin, Einrichtung einer Diphteriestation. |
| 1917 | Nach Rückgang der Diphterie-Epidemie Nutzung der Betten für Infektionskrankheiten (Malaria) |
| 20.3.1920 | Beginn der sozialen Krankenfürsorge |
| 1.10.1923 | Bestellung der ersten Krankenpflegeleiterin |
| 1.11.1924 | Einrichtung einer eigenen Krankenpflegeschule |
| 1929 | Erweiterung durch 5 Baracken auf dem Gelände Urbanstraße 23, Einrichtung einer HNO-Abteilung |
| 10.3.1933 | Besetzung des Krankenhauses durch SA-Leute. Die beiden jüdischen Leiter sowie mehrere jüdische Ober- und Assistenzärzte werden aus dem Amt getrieben. Verhaftung und Vertreibung jüdischer Mitarbeiter. |
| 1933 | Einrichtung einer gynäkologischen Abteilung im Krankenhaus. Gemäss Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses werden ab 1933 im Krankenhaus Am Urban Zwangssterilisationen und Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. |
| 30.8.1937 | Einführung von Auswahlessen für Patienten. |
| 1938 | Einrichtung einer Baracke für Klein- und Schulkinder auf dem Grundstück Urbanstraße 10/11 (Infektionskrankheiten) |
| 11.12.1938 | Eröffnung des Infektionskrankenhauses Graefestraße |
| 1.4.1940 | Übernahme der 1906 erbauten Entbindungsanstalt Möllendorffstraße |
| 22.9.1941 | Hilfskrankenhaus Bergmannstraße 60/65 mit 116 Betten für Infektionskrankheiten eröffnet |
| 1942 | Übernahme des Hilfskrankenhauses Graefestraße, Haus a (Berufsschule) mit 25 Betten für Scharlachkranke. Übernahme des Hilfskrankenhauses Graefestraße, Haus b (Volksschule) für Diphtheriekranke. Übernahme des Hilfskrankenhauses Bergmannstraße 60/65 für Kranke mit ungeklärter Diagnose und Mischinfektionen. |
| 19.1.1943 | Luftangriff auf das Krankenhaus Am Urban. 20 Mitarbeiter und 29 Patienten fanden den Tod. Ca. 30 Prozent der Gebäude wurden zerstört. |
| 28.4.1945 | Rote Armee besetzt vorübergehend das Krankenhaus. Übernahme des Gertrauden-Hospitals, zunächst als Krankenhaus am Kreuzberg, ab 1971 als Betriebsteil Wartenburgstrasse für Chroniker. |
| 1951 | Bau einer Rettungsstelle und Aufnahme Urban- Ecke Grimmstraße |
| 1954 | Aufstockung der Frauenklinik, Wiederaufbau des zerstörten Hauses 5 |
| 1958 - 1959 | Bau und Inbetriebnahme (01.12.59) des Schwesternwohnheims Fontanepromenade 12/13 |
| 1962 | Einbau einer vollautomatischen Fernsprechvermittlung |
| 1963 | Einbau einer Müllverbrennungsanlage |
| 15.6.1966 | Beginn der Bauarbeiten für den ersten Neubau eines städtischen Krankenhauses nach dem Krieg. Grundsteinlegung durch den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt |
| 24.5.1968 | Richtfest für den Neubau |
| 28.8.1970 | Einweihung des Neubaus in Anwesenheit des Bundespräsidenten G. Heinemann |
| 1971 | Übernahme des ehemaligen Gertrauden-Hospitals (jetzt Wartenburgstraße) |
| 1974 | Beginn des Modellversuchs Akademisches Lehrkrankenhaus |
| 1.10.1976 | Aufnahme des Betriebes als Akademisches Lehrkrankenhaus |
| 1981 | Erweiterung des Neubaus durch eine Intensivstation mit OP-Trakt. Abtrennung der Neurologischen Abteilung von der Psychiatrie. |
| 1.4.1983 | Verlegung der Abteilung Naturheilkunde von der Wartenburgstrasse an das Rudolf-Virchow-Krankenhaus |
| 1983 | Inbetriebnahme eines Ganzkörper-Computertomographen. |
| 16.7.1985 | Richtfest für den Anbau (neuer OP-Trakt und operative Intensivstationen; urologische Endoskopie) |
| 1987 | Inbetriebnahme des Lithotripter (Nierensteinzertrümmerers) in Kooperation mit dem Neuköllner Krankenhaus. Betriebsaufnahme der neuen Aufnahmestation mit zwei Intensivstationen im Erweiterungsbau. Umgestaltung der Eingangshalle, Inbetriebnahme der neuen Cafeteria. |
| 1988 | Einführung der Patienten- und Pflegedokumentation. Inbetriebnahme des Zentrums für Brandverletzte |
| 17.11.1990 | Aufnahme partnerschaftlicher Beziehungen mit dem Krankenhaus Am Friedrichshain, dem ersten städtischen Krankenhaus Berlins. |
| 10.6.1990 | Eröffnung der Alfred-Döblin-Patientenbibliothek und der Galerie Am Urban aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des Krankenhauses Am Urban. |
| 1.10.1990 | Inbetriebnahme des Kernspintomografen gemeinsam mit dem Krankenhaus Neukölln. |
| 1994 | Inbetriebnahme des Hubschrauberlandeplatzes |
| 1997 | Beginn der Umsetzung des Vorhabens Modellkrankenhaus Am Urban |
| 1999 | Aufnahme der Gespräche über enge Kooperation/Fusion mit dem Krankenhaus im Friedrichshain |
Anläßlich seines 100-jährigen Bestehens eröffnete das Krankenhaus Am Urban für seine Patienten und Mitarbeiter die Alfred-Döblin-Bibliothek. Diese kulturelle Einrichtung erinnert an den Lebensweg und das Werk des Berliner Arztes und Dichters Alfred Döblin, der von 1908 bis 1911 als Assistenzarzt Mitarbeiter des Krankenhauses Am Urban war.
Alfred Döblin muss die Arbeit in den Krankensälen gefallen haben. Immer wieder bezeugt er in seinem späteren Werk und den autobiographischen Notizen die Verbundenheit mit den einfachen Menschen, die er auf den Stationen kennenlernte. hinzu kam ein neues Interesse an wissenschaftlichen Untersuchungen, denen er im Krankenhaus Am Urban nachgehen konnte.
In diesen Zeitabschnitt fällt die Begegnung mit einer jungen Medizinalassistentin, die Döblin am 'Urban' kennenlernt. Erna Charlotte Reiss (geb. am 13.02.1888 in Berlin) studierte ab dem Wintersemester 1908/09 in Berlin Medizin und praktiziert am Urban-Krankenhaus. Im Februar 1911, Erna Reiss' 23. Geburtstag, verlobt sich die Urban-Bekanntschaft. Dass Alfred Döblin deshalb das Krankenhaus verlassen muss, mutet uns heute skurril an:
'Dem Assistenzarzt Dr. S. ist durch die Anstaltsdirektion ein ernster Verweis zu erteilen. Von seiner Entlassung wird in Rücksicht darauf abgesehen, dass er anscheinend in gutem Glauben die Meldung von seiner Verheiratung unterlassen hat. Es wird grundsätzlich beschlossen: a) in Zukunft sollen verheiratete Assistenzärzte nicht mehr in Krankenhäusern beschäftigt werden ...'
(Protokoll des Krankenhaus-Deputation vom 30. Januar 1909)
Döblin bedauert das erzwungene Ausscheiden, da es ihn – trotz der kärglichen Bezahlung, die einem Assistenten damals zustand - dazu nötigt, in freier Praxis ein Auskommen zu suchen. Alfred Döblin eröffnet seine Praxis als praktischer Arzt und Geburtshelfer in der Blücherstraße 18 am Halleschen Tor, bleibt den Kreuzberger Patienten somit noch einige Zeit als 'Armenarzt' erhalten. Später praktiziert er im Berliner Osten in der Frankfurter Allee 194.
In den 20er Jahren begründet Alfred Döblin seinen Ruf als einer der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands. In der Öffentlichkeit wird er einem breiten Publikum als politischer Feuilletonist und mit seinem 1929 erscheinenden Roman Berlin Alexanderplatz: die Geschichte vom Franz Biberkopf bekannt. Döblin schreibt damit den ersten modernen Großstadtroman und schildert in der Berliner Alltagssprache die Lebenssituation der Armen und von der Gesellschaft Ausgestoßenen. Dabei greift er vielfach auf seine Erfahrungen auf den Krankenstationen zurück.
'Arzt kann ich hier nicht sein im Ausland, und schreiben wofür, für wen?'. Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 flieht Alfred Döblin in die Schweiz. Erna Döblin und die Söhne Peter, Klaus und Stefan folgen Anfang März 1933, Wolfgang im April. Die schweren Exiljahre verleben die Döblins in der Schweiz, in Frankreich und nach der erneuten Flucht über Spanien und Portugel ab September 1940 in den USA. Die Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland prägt die Familie: Wolfgang nimmt sich am 21. Juni 1940 das Leben, um nicht in deutsche Kriegsgefangenschaft zu geraten, Stefan und Peter bleiben in den USA, Claude Döblin lebt nach 1945 in Nizza.
Nach dem II. Weltkrieg wird Döblin in Deutschland - wie viele Emigranten - nicht mehr heimisch. Nach schwerer Krankheit stirbt Döblin am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Wenige Wochen später nimmt sich Erna Döblin in Paris das Leben. Die Alfred-Döblin-Bibliothek erinnert mit dem Namen Alfred Döblins – stellvertretend für weniger bekannte Zeitgenossen – an bislang zu wenig wahrgenommene Lebensläufe ehemaliger Mitarbeiter des Krankenhauses Am Urban. Gleichzeitig fühlt sich die Bibliothek dem Werk der deutschsprachigen Schriftsteller verbunden, die 1933 das Land unter Aufgabe jedweder materieller und seelischer Sicherheit verlassen mußten.