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21.02.2017

Therapie verhindert sexuellen Kindesmissbrauch - Projekt für Jugendliche (PPJ) präsentiert Ergebnisse

Jugendliche, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, finden seit 2014 therapeutische Hilfe im Projekt „Primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch durch Jugendliche (PPJ)“. Das therapeutische Angebot wird vom Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin zur Verfügung gestellt und in Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum im Friedrichshain (Berlin) durchgeführt. Vorbild ist das seit 2005 laufende Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“, an dessen Erkenntnisse das PPJ anknüpft. Das Projekt für 12- bis 18-jährige Jugendliche wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanziell gefördert. Heute präsentierten die Projektpartner nach drei Jahren Laufzeit Ergebnisse und formulierten Ziele für die Zukunft.

Ziel des Forschungs- und Präventionsprojektes ist es, sexuelle Übergriffe auf Kinder und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen (so genannte „Kinderpornographie“) durch frühestmögliche therapeutische Intervention zu verhindern. Dabei richtet sich das Hilfsangebot, das auf Freiwilligkeit setzt, gezielt an Jugendliche, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Im Rahmen der heutigen Pressekonferenz stellte Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier, Projektleiter des Präventionsprojekts für Jugendliche und Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin die ersten Ergebnisse des Projektes vor.

Prof. Beier: „Die Erfahrungen unserer dreijährigen Arbeit zeigen eindeutig, dass eine möglichst frühzeitige therapeutische Behandlung in besonderem Maße geeignet ist, sexuellen Kindesmissbrauch und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen zu verhindern. Für die Jugendlichen ist es entscheidend, kompetente Ansprechpartner für eine Problematik zu finden, die sie sonst niemandem anvertrauen würden. Sie sind dankbar für die Unterstützung und stark motiviert, sichere Verhaltenskontrolle zu erlernen, die nach den bisherigen Erfahrungen auch in allen Fällen erreicht wurde. Die große Resonanz in Fachkreisen, aber vor allem die Vielzahl von Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet und in Einzelfällen auch dem Ausland bestärken uns in dem Anliegen, primärpräventive Angebote bereits für Jugendliche vorzuhalten.“

Das diagnostisch-therapeutische Angebot wird immer häufiger in Anspruch genommen: 134 Jugendliche  aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich bis Mitte Februar 2017 Hilfe suchend an das 2014 begonnene Präventions- und Forschungsprojekt gewendet. Bislang haben 65 Jugendliche die Diagnostik abgeschlossen, 41 von ihnen konnte ein therapeutisches Angebot unterbreitet werden. Anfragende, denen aufgrund zu weiter Anreise oder anderer Faktoren, die einer Teilnahme entgegenstehen, (z.B. schwere komorbide Störungen wie etwa geistige Behinderung), kein Therapieplatz angeboten werden konnte, wurden an adäquate medizinisch-therapeutische Einrichtungen vermittelt. Von den bislang behandelten Jugendlichen gab keiner an, seit Beginn der Therapie sexuellen Kindesmissbrauch begangen oder Missbrauchsdarstellungen genutzt zu haben. Das bestätigt, wie sinnvoll es ist, therapeutisch möglichst früh anzusetzen.

Dr. Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, erklärte: „Wir müssen dafür sorgen, dass es gar nicht erst zu sexueller Gewalt kommt. Kinderschutz funktioniert nur, wenn wir beide Seiten im Blick haben: vor allem natürlich die Mädchen und Jungen, die wir vor sexueller Gewalt schützen möchten. Aber eben auch die sexuell auffälligen Jugendlichen, die potenziell Übergriffe begehen könnten. Deshalb gehört aus unserer Sicht zu einem umfassenden Kinderschutz auch, dass  diese Jugendlichen möglichst früh therapeutische Hilfe erhalten. Damit ermöglichen wir ihnen, ihr Verhalten zu kontrollieren und Strategien zur Verhinderung von Übergriffen zu erlernen“, so  Staatssekretär Kleindiek weiter.

Bei Diagnostik und Behandlung hält sich das Projekt streng an internationale Standards: „Wir vergeben grundsätzlich keine Diagnose ‚Pädophilie‘ an unter 16-Jährige. Stattdessen sprechen wir von einer ‚sexuellen Präferenzbesonderheit oder Ansprechbarkeit‘. Es geht nicht darum zu stigmatisieren oder abzuschrecken, sondern Betroffene zu erreichen, bevor sie gefährdet sind, sexuellen Kindesmissbrauch zu begehen oder Missbrauchsabbildungen zu nutzen.“, erklärte Tobias Hellenschmidt, leitender Oberarzt an der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikum im Friedrichshain. Das Ziel der Therapie ist eine adäquate Bewältigung der Präferenzproblematik. „Wir legen großen Wert darauf, den Entwicklungsaspekten der Jugendlichen Rechnung zu tragen. Sie sollen lernen, Verantwortung für ihre sexuelle Ausrichtung zu übernehmen und ihr Verhalten in möglichen Riskosituationen zu kontrollieren. Dazu gehört neben der kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik selbstverständlich die Zusammenarbeit mit den Angehörigen und Einrichtungen der Jugendhilfe.“, betonte Hellenschmidt.

Viele Jugendliche wenden sich aus Eigeninitiative an die anonyme Telefonhotline oder über die Website www.du-traeumst-von-ihnen.de an das Projekt. „Überrascht hat uns, dass einige Jugendliche sogar bereit sind, für die Therapie regelmäßig aus dem Ausland anzureisen, oder dauerhaft den Wohnort zu wechseln. Dies spricht für den großen Leidensdruck und den Mangel entsprechender Therapieangebote“, ergänzte Prof. Beier.

Nicht alle Projektanfragen wurden durch Jugendliche initiiert. Auch Angehörige, Mitarbeiter von Jugendhilfeeinrichtungen oder Psychotherapeuten bahnten den ersten Kontakt an. Neben der Fortsetzung der Präventionsarbeit in Berlin wäre eine zukünftige Ausweitung des Therapieangebotes auf andere Bundesländer vor dem Hintergrund der gewonnenen Erkenntnisse über die Wirksamkeit des Ansatzes der nächste sinnvolle Schritt. Dabei ist auf frühe Behandlung auch von Jugendlichen zu setzen“, sagte Prof. Dr. Renate Schepker, die dem Beirat des PPJ angehört und Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BAG KJPP) ist.

Für Prof. Detlev Ganten, ebenfalls Beiratsmitglied des PPJ und Präsident des World Health Summit sollten die gewonnenen Erkenntnisse Anlass sein für eine verstärkte internationale Zusammenarbeit. In fast allen Ländern komme die Befassung mit Jugendlichen bei diesem Thema zu kurz, sei aber besonders wichtig und vielversprechend. „Die Nutzung von Missbrauchsabbildungen ist ein Problem von großer internationaler Relevanz mit hoher Dunkelziffer in vielen Ländern. In Anbetracht der sich stetig verbessernden technischen Möglichkeiten ist der Zugang zu entsprechenden Materialien zunehmend leicht und breit verfügbar. Vor allem für die Generationen junger Menschen, die mit dieser Technologie aufwachsen, kann daher Aufklärung zu großen Fortschritten führen. Primärpräventive Maßnahmen müssen besonders hier ansetzen – bei den potentiellen jungen Nutzern“, sagte Ganten. 

Pressekontakt Charité:Andreas Peter, Tel. (030) 450 529 453, Fax -992 E-Mail: andreas.peter@charite.de

Pressekontakt Vivantes: Kristina Tschenett, Tel. (030) 130 11 1300 E-Mail: kristina.tschenett@vivantes.de


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