Geschichte des Hauses
- 1862
Fräulein Wilhelmine Eleonore Ottilie Beschort gibt am 14.2. ihren letzten Willen zu Protokoll: Sie stiftet 400.000 Mark für den Bau eines Krankenhauses.
- 1878
Beschluss des Magistrats zur Errichtung eines städtischen Krankenhauses auf dem Urban
(nach Friedrichshain (1874) und Moabit (1875) das dritte dieser Art)
- 1881
Nach dem Tod von Fräulein Beschort am 14.4. steht die Stiftungssumme (durch Verzinsung über 600.000 Mark) zur Verfügung. - 1887
Magistratsvorlage am 12.5. für die Errichtung des dritten städtischen Krankenhauses
- 1887-90
Bau des Krankenhauses Am Urban.
- 1889
Wahl der beiden ärztlichen Direktoren

Werner Körte Albert Fraenkel
Die Eröffnung des Krankenhauses erfolgte mit der Aufnahme der ersten Patienten am 10. Juni 1890, 9.00 Uhr. Die Gesamtzahl der Betten betrug 574. Davon standen den inneren Abteilungen 192 Männer- und 166 Frauenbetten (insgesamt 358) und für die chirurgischen Abteilungen 120 Männer- und 96 Frauenbetten (zusammen 216) zur Verfügung.
- 10.6.1890
Inbetriebnahme des Krankenhauses
Aufnahme der ersten Patientin.
Übernahme von 18 ausgebildeten Viktoria-Schwestern vom Krankenhaus im Friedrichshain - 11.6.1890
Übernahme von Patienten aus dem Krankenhaus im Friedrichshain - 1895
Anwendung von Röntgenstrahlen im Krankenhaus Am Urban, drei Jahre nach ihrer Entdeckung. 16.12.1897
Ehemalige Frauen-Siechenanstalt in der Gitschiner Straße 104/105 wird zur Entlastung des Krankenhauses Am Urban von diesem mitverwaltet und ab 1898 eigenständig als viertes städtisches Krankenhaus geführt (1931 wird der Betrieb dort endgültig eingestellt). - 12.03.1902
Krankenhaus Am Urban übernimmt die Verwaltung über das ehemalige Erziehungshaus in der Urbanstraße 23. Während der Weimarer Republik dient es als Gesundheitshaus mit sozialmedizinischen Einrichtungen, 1933-45 als SA-Sanitätsschule. Wegen der schweren Kriegsschäden wird es nach dem Krieg abgerissen, auf dem Gelände befindet sich heute das Gesundheitsamt Kreuzberg. - 1907
Lina Schliemann wird als erste Volontärärztin eingestellt. - 1908
Beginn des Versuchs der Einstellung weiblicher Ärzte. - 1910
Dienstaufnahme eines Zahnarztes im Krankenhaus. - 1912
Alfred Döblin muss seine Arztstelle im Krankenhaus wegen Heirat aufgeben, da Assistenzärzte im Krankenhaus wohnen und unverheiratet bleiben mussten. - 1912
Erweiterung durch die Zwischenbauten Häuser 3/5 (Apotheke) und 5/7 (Ärztehaus) 1913 Soziale Krankenhausfürsorge wird im Krankenhaus Am Urban - zunächst auf privater Basis - eingeführt und ab 1920 in die städtische Verwaltung übernommen. - 1914
Nutzung von 240 Betten durch die Militärbehörde für Verletzte des 1.Weltkrieges. Viele Assistenzärzte melden sich freiwillig zum Kriegsdienst und müssen z.T. durch niedergelassene Ärzte ersetzt werden. - 1915
Diphterie-Epidemie in Berlin, Einrichtung einer Diphteriestation - 1917
Nach Rückgang der Diphterie-Epidemie Nutzung der Betten für Infektionskrankheiten (Malaria) - 27.03.1920
Beginn der sozialen Krankenfürsorge - 01.10.1923
Bestellung der ersten Krankenpflegeleiterin - 01.11.1924
Einrichtung einer eigenen Krankenpflegeschule - 1929
Erweiterung durch 5 Baracken auf dem Gelände Urbanstraße 23, Einrichtung einer HNO-Abteilung - 10.03.1933
Besetzung des Krankenhauses durch SA-Leute. Die beiden jüdischen Leiter sowie mehrere jüdische Ober- und Assistenzärzte werden aus dem Amt getrieben. Verhaftung und Vertreibung jüdischer Mitarbeiter.
Else Petri übernimmt den Posten eines der jüdischen Chefärzte und damit als erste Ärztin eine leitende Stellung im Krankenhaus. - 1933
Einrichtung einer gynäkologischen Abteilung im Krankenhaus.
Gemäss Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses werden ab 1933 im Krankenhaus Am Urban Zwangssterilisationen und Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. - 30.08.1937
Einführung von Auswahlessen für Patienten - 1938
Einrichtung einer Baracke für Klein- und Schulkinder auf dem Grundstück Urbanstraße 10/11 (Infektionskrankheiten) - 11.12.1938
Eröffnung des Infektionskrankenhauses Graefestraße - 01.04.1940
Übernahme der 1906 erbauten Entbindungsanstalt Möllendorffstraße - 22.09.1941
Hilfskrankenhaus Bergmannstraße 60/65 mit 116 Betten für Infektionskrankheiten eröffnet - 1942
Übernahme des Hilfskrankenhauses Graefestraße, Haus a (Berufsschule) mit 25 Betten für Scharlachkranke.
Übernahme des Hilfskrankenhauses Graefestraße, Haus b (Volksschule) für Diphtheriekranke.
Übernahme des Hilfskrankenhauses Bergmannstraße 60/65 für Kranke mit ungeklärter Diagnose und Mischinfektionen - 16.01.1943
Luftangriff auf das Krankenhaus Am Urban. 20 Mitarbeiter und 29 Patienten fanden den Tod. Ca. 30 Prozent der Gebäude wurden zerstört.
Übernahme des Hilfskrankenhauses Görlitzer Ufer. - 28.04.1945
Rote Armee besetzt vorübergehend das Krankenhaus.
Übernahme des Gertrauden-Hospitals, zunächst als Krankenhaus am Kreuzberg, ab 1971 als Betriebsteil Wartenburgstrasse für Chroniker. - 1951
Bau einer Rettungsstelle und Aufnahme Urban- Ecke Grimmstraße - 1954
Aufstockung der Frauenklinik, Wiederaufbau des zerstörten Hauses 5 - 1958-59
Bau und Inbetriebnahme (01.12.59) des Schwesternwohnheims Fontanepromenade 12/13 - 1962
Einbau einer vollautomatischen Fernsprechvermittlung - 1963
Einbau einer Müllverbrennungsanlage - 15.06.1966
Beginn der Bauarbeiten für den ersten Neubau eines städtischen Krankenhauses nach dem Krieg. - 15.06.1966
Grundsteinlegung durch den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt - 24.05.1968
Richtfest für den Neubau - 28.08.1970
Einweihung des Neubaus in Anwesenheit des Bundespräsidenten G. Heinemann - 1971
Übernahme des ehemaligen Gertrauden-Hospitals (jetzt Wartenburgstraße) - 1974
Beginn des Modellversuchs Akademisches Lehrkrankenhaus - 01.10.1976
Aufnahme des Betriebes als Akademisches Lehrkrankenhaus - 1981
Erweiterung des Neubaus durch eine Intensivstation mit OP-Trakt.
Abtrennung der Neurologischen Abteilung von der Psychiatrie. - 01.04.1983
Verlegung der Abteilung Naturheilkunde von der Wartenburgstrasse an das Rudolf-Virchow-Krankenhaus - 1983
Inbetriebnahme eines Ganzkörper.Computertomographen. - 16.07.1985
Richtfest für den Anbau (neuer OP-Trakt und operative Intensivstationen; urologische Endoskopie) - 1987
Inbetriebnahme des Lithotripter (Nierensteinzertrümmerers) in Kooperation mit dem Neuköllner Krankenhaus.
Betriebsaufnahme der neuen Aufnahmestation mit zwei Intensivstationen im Erweiterungsbau.
Umgestaltung der Eingangshalle, Inbetriebnahme der neuen Cafeteria. - 1988
Einführung der Patienten- und Pflegedokumentation
Inbetriebnahme des Zentrums für Brandverletzte am - 17.11. 1990
Aufnahme partnerschaftlicher Beziehungen mit dem Krankenhaus Am Friedrichshain, dem ersten städtischen Krankenhaus Berlins. - 10.06.1990
Eröffnung der Alfred-Döblin-Patientenbibliothek und der Galerie Am Urban aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des Krankenhauses Am Urban - 01.10.1990
Inbetriebnahme des Kernspintomografen gemeinsam mit dem Krankenhaus Neukölln - 1994
Inbetriebnahme des Hubschrauberlandeplatzes - 1997
Beginn der Umsetzung des Vorhabens Modellkrankenhaus Am Urban - 1999
Aufnahme der Gespräche über enge Kooperation/Fusion mit dem Krankenhaus im Friedrichshain
Alfred Döblin
Anläßlich seines 100-jährigen Bestehens eröffnete das Krankenhaus Am Urban für seine Patienten und Mitarbeiter die Alfred-Döblin-Bibliothek. Diese kulturelle Einrichtung erinnert an den Lebensweg und das Werk des Berliner Arztes und Dichters Alfred Döblin, der von 1908 bis 1911 als Assistenzarzt Mitarbeiter des Krankenhauses Am Urban war.
Alfred Döblin muß die Arbeit in den Krankensälen gefallen haben. Immer wieder bezeugt er in seinem späteren Werk und den autobiographischen Notizen die Verbundenheit mit den einfachen Menschen, die er auf den Stationen kennenlernte. hinzu kam ein neues Interesse an wissenschaftlichen Untersuchungen, denen er im Krankenhaus Am Urban nachgehen konnte.
In diesen Zeitabschnitt fällt die Begegnung mit einer jungen Medizinalassistentin, die Döblin am 'Urban' kennenlernt. Erna Charlotte Reiss (geb. am 13.02.1888 in Berlin) studierte ab dem Wintersemester 1908/09 in Berlin Medizin und praktiziert am Urban-Krankenhaus. Im Februar 1911, Erna Reiss' 23. Geburtstag, verlobt sich die Urban-Bekanntschaft. Daß Alfred Döblin deshalb das Krankenhaus verlassen muß, mutet uns heute skurril an:
'Dem Assistenzarzt Dr. S. ist durch die Anstaltsdirektion ein ernster Verweis zu erteilen. Von seiner Entlassung wird in Rücksicht darauf abgesehen, dass er anscheinend in gutem Glauben die Meldung von seiner Verheiratung unterlassen hat. Es wird grundsätzlich beschlossen:
a) in Zukunft sollen verheiratete Assistenzärzte nicht mehr in Krankenhäusern beschäftigt werden ...'
(Protokoll des Krankenhaus-Deputation vom 30. Januar 1909)
Döblin (links auf dem Foto) bedauert das erzwungene Ausscheiden, da es ihn - trotz der kärglichen Bezahlung, die einem Assistenten damals zustand - dazu nötigt, in freier Praxis ein Auskommen zu suchen.
Alfred Döblin eröffnet seine Praxis als praktischer Arzt und Geburtshelfer in der Blücherstraße 18 am Halleschen Tor, bleibt den Kreuzberger Patienten somit noch einige Zeit als 'Armenarzt' erhalten. Später praktiziert er im Berliner Osten in der Frankfurter Allee 194.
In den 20er Jahren begründet Alfred Döblin seinen Ruf als einer der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands. In der Öffentlichkeit wird er einem breiten Publikum als politischer Feuilletonist und mit seinem 1929 erscheinenden Roman Berlin Alexanderplatz: die Geschichte vom Franz Biberkopf bekannt. Döblin schreibt damit den ersten modernen Großstadtroman und schildert in der Berliner Alltagssprache die Lebenssituation der Armen und von der Gesellschaft Ausgestoßenen. Dabei greift er vielfach auf seine Erfahrungen auf den Krankenstationen zurück.
'Arzt kann ich hier nicht sein im Ausland, und schreiben wofür, für wen?'. Nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 flieht Alfred Döblin in die Schweiz. Erna Döblin und die Söhne Peter, Klaus und Stefan folgen Anfang März 1933, Wolfgang im April. Die schweren Exiljahre verleben die Döblins in der Schweiz, in Frankreich und nach der erneuten Flucht über Spanien und Portugel ab September 1940 in den USA. Die Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland prägt die Familie: Wolfgang nimmt sich am 21. Juni 1940 das Leben, um nicht in deutsche Kriegsgefangenschaft zu geraten, Stefan und Peter bleiben in den USA, Claude Döblin lebt nach 1945 in Nizza.
Nach dem II. Weltkrieg wird Döblin in Deutschland - wie viele Emigranten - nicht mehr heimisch. Nach schwerer Krankheit stirbt Döblin am 26. Juni 1957 in Emmendingen. Wenige Wochen später nimmt sich Erna Döblin in Paris das Leben.
Die Alfred-Döblin-Bibliothek erinnert mit dem Namen Alfred Döblins - stellvertretend für weniger bekannte Zeitgenossen - an bislang zu wenig wahrgenommene Lebensläufe ehemaliger Mitarbeiter des Krankenhauses Am Urban. Gleichzeitig fühlt sich die Bibliothek dem Werk der deutschsprachigen Schriftsteller verbunden, die 1933 das Land unter Aufgabe jedweder materieller und seelischer Sicherheit verlassen mußten.

Urbanhafen um 1950

Krankensaal
Quelle:
