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Kinder- und Jugendmedizin im Klinikum Neukölln – im Gespräch mit Prof. Dr. Klemens Raile

Prof. Dr. Klemens Raile ist neuer Chefarzt an der Vivantes Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Neukölln und berichtet im Gespräch, welche Pläne er in seiner neuen Wirkungsstätte umsetzen möchte. Zuvor hat der Spezialist für Diabetologie und Endokrinologie siebzehn Jahre lang bei der Charité Berlin gearbeitet.

Kinder- und Jugendmedizin im Klinikum Neukölln – im Gespräch mit Prof. Dr. Klemens Raile

Herr Prof. Dr. Raile, was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe im Berliner Süden?

In den vergangenen Jahren habe ich mich stark der Lehre gewidmet und im Fachbereich sehr spezialisiert gearbeitet. Jetzt freue ich mich darauf, mich umfassend auf die akut-pädiatrische Versorgung zu konzentrieren. Mit meinem Team möchte ich interdisziplinär und Sektor übergreifend Ansprechpartner für die Neuköllner*innen werden. Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin ist mit ihrer Intensivstation, Neonatologie, der Kinderrettungsstelle, der Kinderchirurgie und der Neuropädiatrie dafür sehr gut aufgestellt. Dieses Spektrum möchte ich gern mit Blick auf chronische Erkrankungen von Kindern – wie beispielsweise Diabetes – komplettieren und dafür eng mit dem SPZ, dem DBZ, der Tagesklinik, der Kinderschutzambulanz und den niedergelassenen Kinderärzt*innen zusammenarbeiten.

Sie sind Experte für Diabetes, die man eher mit älteren Patient*innen verbindet – was sind die Besonderheiten bei Kindern?

Nach Asthma ist Diabetes die häufigste chronische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen, die kontinuierlich betreut werden muss. Nur mit einer individuellen Therapie können Kinder voll leistungsfähig sein, beispielsweise Leistungssport treiben, junge Frauen sich den Kinderwunsch erfüllen. Im Süden von Berlin möchte ich dafür das Angebot ausbauen. Für Erwachsene gibt es bereits ausgefeilte Behandlungsmöglichkeiten, die ich perspektivisch auch Kindern zugänglich machen möchte.

Welche sind das?

Bei einer Erkrankung mit Diabetes Typ1 ist die individuelle Insulin-Einstellung entscheidend. Mit Hilfe eines Glukosesensors und eines Katheters, der mit einer Insulinpumpe verbunden ist, wird die Insulinfreisetzung zunehmend automatisiert reguliert, ohne dass die Patient*innen wie bisher selbst Insulin spritzen oder Blutzucker messen müssen,. Das möchte ich auch allen Kindern mit Diabetes ermöglichen. Abgesehen von diesen medizinischen Möglichkeiten ist es gerade bei Kindern entscheidend, die Eltern und das Umfeld in die Behandlung einzubeziehen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Vor allem die Familien sind natürlich belastet, wenn ein Kind an Diabetes erkrankt ist, deshalb wollen wir sie unterstützen. Die interdisziplinären Diabetesteams aus Psychotherapeut*innen und Sozialarbeiter*innen sind im Netzwerk „Inklusive Schule Diabetes“ in direktem Austausch mit Schulen, Krankenkassenvertretern und Senatsverwaltung. Wesentliche erfolge sind die Mischfinanzierung von Schulhelfern durch Krankenkassen und Senat sowie die standardisierte Schulung der Schulhelfer*innen für Kinder mit Diabetes. Ein neuer Ansatz ist hier außerdem unsere „digitale Diabetes Klinik“.

Was kann man sich unter der „digitalen Diabetes Klinik“ vorstellen?   

Wir nutzen die Möglichkeiten der Telemedizin: Mittlerweile können von Eltern Glukosewerte in Echtzeit über eine Follower-Funktion an die Eltern übermittelt werden.. Jede Familie kann eine*n Ansprechpartner*in in der Klinik kontaktieren, sobald für sie ein dringendes Anliegen oder ein Notfall außerhalb geplanter Sprechstunden vorliegt. Unser Pilotprojekt hat sehr gut funktioniert, die Umsetzung für alle Familien erfordert noch eine ausreichende Finanzierung und Herstellerunabhängige Datenplattformen für alle Insulinpumpen und Glukosesensorsysteme. Derzeit benötigen wir bis zu 10 oder 14 Tage, wenn Eltern nach Diagnosestellung „Typ-1 Diabetes“ eine Schulung und Kompetenztraining für ihre Kinder erhalten. Vorausgesetzt ambulante Strukturen und Telemedizin sind finanziert, könnte das bereits nach drei oder vier Tagen auf Station anschließend auch zuhause erfolgen. Dieses Behandlungsmodell entlastet die Familien.

Wird also der stationäre Aufenthalt durch ein ambulantes Angebot ersetzt?

Ich würde sagen, der Klinikaufenthalt wird dadurch ergänzt. Es ist bekannt, dass wir nicht genügend Pflegekräfte im Verhältnis zur Bettenzahl haben, aber Dänemark, Luxemburg oder die Niederlande zeigen, dass wir die Qualität unserer Versorgung durch eine frühere, ambulante Behandlung halten und auch verbessern können. Auch durch die Digitalisierung sparen Familien mit kranken Kindern und Kliniken Zeit, die wir dann für unsere Patient*innen haben.

Werden hier die Prozesse – wie bei den „Kardiolotsen“ - an den Bedürfnissen der Patient*innen ausgerichtet, statt an Klinikabläufen?

Genau, das ist der Ausgangspunkt. Letztlich kommt das Service-Design, das wir für unser Modellprojekt anwenden, aus der Produktentwicklung. In unserem Fall bildeten wir Fokusgruppen aus allen beteiligten Medizinischen Fachberufen und begleiteten Patient*innen, oder Familien mit chronisch erkranktem Kind, um uns alle Prozesse anzusehen und sie zu verbessern. Alle Beteiligten werden interviewt und können ihre Ideen einbringen. Das motiviert und ermöglicht innovative Ansätze, die auch durch Versorgungsforschung begleitet werden sollten.