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Mit Herz und Hightech für die Allerkleinsten

Im Vivantes Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe Level 1 im Vivantes Klinikum Neukölln werden täglich Frühgeborene auf die Welt gebracht und Risikoschwangere betreut. Oberarzt Dr. Mikosch Wilke leitet das Zentrum sowie die Pädiatrische Intensivmedizin und die Neonatologie. Im Gespräch berichtet er, wie die Allerkleinsten und ihre Eltern in den ersten Wochen begleitet werden.

Was macht ihre Arbeit besonders im Vergleich zu der in anderen Kinderkliniken Herr Dr. Wilke?

Unsere Arbeit ist vor allem durch eine enge, familienzentrierte Zusammenarbeit geprägt. Wir sind ein großes, interdisziplinäres Team: Ärztinnen und Ärzte, auf Kindermedizin spezialisierte Pflegekräfte, Psychologinnen und viele andere, begleiten gemeinsam den Start von erkrankten Kindern und Frühgeborenen ins Leben. Die Eltern treten hier in eine eigene kleine Welt ein, in der sie auch längere Zeit bleiben.

Wie unterstützt das Perinatalzentrum Eltern schon vor der Geburt?

Wenn werdende Eltern zur Pränataldiagnostik kommen, beraten wir sie bei komplexen Fragestellungen und Unsicherheiten. Manchmal werden wir auch für eine „Zweitmeinung“ angefragt. Dabei geht es nicht nur um Zahlen und Diagnosen, sondern um Menschen und ihre Zukunft, es geht darum, ihnen Sicherheit und Zuversicht zu geben. Der Austausch mit den Eltern ist uns sehr wichtig, weil wir trotz Hightech-Medizin stets bodenständig und menschlich bleiben wollen. Nur so können Eltern zu ihrem Baby eine gute Bindung aufbauen.

Gibt es Momente aus dem Klinikalltag, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Für Mütter ist es sehr schwer zu verarbeiten, dass sie die Schwangerschaft vorzeitig beenden müssen. Was uns daher besonders am Herzen liegt, ist das Konzept des Frühbondings. Auch wenn ein Kind stabilisiert werden muss, soll es der Mutter so schnell wie möglich auf die Brust gelegt werden. Einerseits nutzen wir die Highend-Intensivmedizin, andererseits die ältesten Methoden der Menschheit, denn der unmittelbare Körperkontakt ist so wichtig. Durch das sogenannte Kangarooing wird auch der Vater aktiv eingebunden. Viele Eltern besuchen uns noch Jahre später bei unserem Frühchensommerfest, um ihre Erfahrungen zu teilen und erzählen uns, wie sehr sie von der frühen Unterstützung getragen wurden. Solche Momente sind unglaublich wertvoll und zeigen, wie wichtig die persönliche Nähe ist.

Ihr Team ist auch nach der Geburt für die Familien da?

Ja, wir bieten bei Bedarf psychologische Begleitung und weitere Unterstützung an, die oft über die Klinikzeit hinausgeht. Eltern kommen während des Klinikaufenthaltes mit Sorgen auf uns zu, brauchen beispielsweise Betreuung für die Geschwisterkinder zuhause, wir vermitteln unterstützend unsere intern tätigen Babylotsen, organisieren den Sozialdienst. Ein Übernachten auf unserem Campus im Elternhotel für die Nähe zum eigenen Kind. Unser gemeinsam aufgebautes Netzwerk fürs Leben arbeitet auch eng mit dem „Kindergesundheitshaus e.V.“ zusammen. So wird die Nachsorge für die Familien sichergestellt und wir können den Übergang nach Hause unterstützen. Dort bieten wir Hilfe mit Nachsorgekrankenschwestern an.

Was versteht man eigentlich genau unter einem Frühgeborenen? Ab wann spricht man von Frühgeburt?

Für den Begriff zählt das Reifealter des Kindes – ein Schwangerschaftsverlauf dauert in der Regel etwa 40 Wochen. Frühgeborene sind Babys, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden. Unter 35 Wochen werden sie auf der Intensivstation betreut, weil sie etwa keine Wärme halten, oder nicht trinken können. Extremfrühgeborene, die unter 30 Wochen geboren werden, müssen oft auch bei der Atmung unterstützt werden.

Statistisch gesehen können Babys ab der 24. Woche überleben, wobei hier das Risiko für Komplikationen sehr hoch ist. Bei 22 Wochen liegt die absolute Grenze der Überlebensfähigkeit. In so einem Fall entscheiden wir als spezialisiertes Team gemeinsam mit den Eltern, ob eine intensivmedizinische Behandlung sinnvoll ist. Diese Entscheidungen an der Grenze der Lebensfähigkeit sind sehr schwierig und erfordern viel Aufklärung und Vertrauen.

Welche Rolle spielt das Geburtsgewicht bei der Versorgung?

Das Geburtsgewicht ist sehr wichtig: Babys unter 1500 Gramm benötigen besondere Unterstützung. Wir schulen die Eltern darin, wie sie die Entwicklung ihres Kindes fördern können – auch nach der Entlassung. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Kinderärzten und sozialpädiatrischen Zentren, sowie spezielle Programme und Elternschulen um die Sinne der Kinder zu stärken, sie in ihrer Motorik und ihrem Verhalten zu fördern.
Unser Ziel ist es, Frühgeborene als individuelle Persönlichkeiten zu betrachten und sie möglichst in einer normalen Umgebung aufwachsen zu lassen, bis zur Einschulung und darüber hinaus.

Welche Herausforderungen gibt es für das Team im Perinatalzentrum?

Natürlich sind die Situationen oft sehr belastend. Wir erleben Notfälle, bei denen es tagelang um Leben und Tod geht, und das fordert uns emotional stark. Deshalb ist die Teamarbeit so wichtig – wir kennen uns sehr gut und unterstützen uns gegenseitig. Unser Team ist sehr gut ausgebildet, um den hohen Anforderungen gerecht zu werden.
Auf der anderen Seite sind die Eltern froh, wenn sie bei uns Antworten auf ihre Fragen bekommen, denn im Internet findet man oft nur allgemeine oder sogar verunsichernde Informationen. Die medizinische Behandlung allein ist ohne eine stabile Beziehung zwischen Eltern und Kind nicht erfolgreich.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Frühgeborenenversorgung?

Mit Blick auf die technischen Gegebenheiten würde ich mir eine noch stressfreiere Umgebung wünschen – weniger Geräusche auf den Stationen, mehr Digitalisierung und einen noch schnelleren Zugang zu wichtigen Daten wie Stoffwechselanalysen oder Infektionsmustern. Aber vor allem möchte ich, dass wir die Familien weiterhin individuell begleiten und sie in ihrer einzigartigen Situation stärken können.