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Schlechte Nachrichten überbringen: Patienten die Wahrheit sagen

Wie sollen Ärzt*innen Patientinnen und Patienten die Wahrheit sagen? Sie lernen dies bereits im Studium. Doch schlechte Nachrichten überbringen ist nie eine leichte Aufgabe und wird nie Routine, denn jeder Mensch reagiert anders darauf. Das weiß auch eine Chefärztin wie Maike de Wit.
Schlechte Nachrichten überbringen – Patienten die Wahrheit sagen: Das Bild zeigt einen Patienten in einem Krankenhausbett im Gespräch mit einem Arzt, der daneben auf einem Sessel sitzt und Formulare in den Händen hält.

Prof. Dr. Maike de Wit ist Chefärztin der Klinik für Innere Medizin – Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin im Vivantes Klinikum Neukölln. Schon seit 1991 arbeitet sie mit Krebspatient*innen. Einfacher wird es dadurch nicht, den Menschen schlechte Nachrichten zu überbringen. Sie spricht darüber im folgenden Interview.

Arzt-Patient-Gespräch: Halbe versus ganze Wahrheit

Die Wahrheit – wollen schwer erkrankte Patient*innen sie erfahren oder lieber nicht?

Ja, die meisten Menschen wollen wissen, wie es um sie steht. Einige aber auch tatsächlich nicht. Ich frage immer genau nach, bevor ich etwas ausspreche. Denn Worte kann man nicht zurücknehmen. Manche spüren selbst, dass ihr Leben zu Ende geht und sagen das, bevor ich es tue, oder fragen mich direkt.

Allerdings erlebe ich es auch häufig, dass Angehörige meinen, dass ich dem Patienten lieber nicht "die ganze Wahrheit" sagen soll, um ihn zu schützen. Das kann ich nachvollziehen. Aber letztlich kommt es darauf an, was der Patient selbst möchte. Meine Aufgabe ist es dann, den Angehörigen das zu übermitteln oder zwischen dem Patienten und seinen Angehörigen zu vermitteln. Es ist sehr wichtig, die Angehörigen einzubeziehen. Denn ihr Leben ändert sich ja auch auf einen Schlag.

Persönlichkeit und Gemütszustand erspüren

Wie übermittelt man jemandem, dass es zum Beispiel keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt?

Das ist von Person zu Person verschieden. Ich schaue mir zunächst bei jedem und jeder Einzelnen an,

  • wie der Stand der Dinge ist,
  • welche Optionen ich habe und
  • was ich mitteilen muss.

Und dann kommt es sehr auf die Persönlichkeit und ihren Gemütszustand an. Das muss ich erspüren.

Wie spüren Sie, wer welche Art der Ansprache braucht?

Ich hole meine Patient*innen extra aus dem etwas entfernt liegenden Wartezimmer ab, gebe ihnen die Hand. Dann merke ich schon, wie fühlt der Mensch sich an: ist die Hand kräftig, ist die Hand weich, ist sie warm oder kalt und feucht. Dann gehe ich mit ihnen ein ganzes Stück den Flur entlang. Manche stürmen dabei voraus. Dann habe ich manchmal das Gefühl: Eigentlich läuft der weg. Andere trippeln nebenher und können sich dabei vielleicht innerlich schon darauf einstellen, eine schlechte Nachricht zu erhalten.

Aus lauter kleinen Eindrücken mache ich mir ein Bild der Person. Das Gespräch fange ich meist damit an, mich vorzustellen und zu fragen: "Wie geht es Ihnen? Was erwarten Sie?" Man muss erst einmal in Kontakt kommen, sich aufeinander einstellen. Das ist das Wichtigste. Sie können aus einer schlechten Nachricht nie eine gute machen. Es ist immer eine schlechte Nachricht. Ich habe dabei aber folgendes Bild:

Man muss einem Menschen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, so dass er hineinschlüpfen kann, statt ihm die Wahrheit wie einen nassen Lappen um die Ohren zu schlagen.

No-go-Sätze beim Verkünden schlechter Nachrichten

Sie arbeiten seit 1991 in der Onkologie. Wird es mit mehr Erfahrung leichter, schlechte Nachrichten zu überbringen?

Nein. Wenn Patient*innen weinen, kann es passieren, dass auch mir die Tränen runterlaufen. Ich habe mal einen 17-jährigen Patienten betreut und musste ihm sagen, dass er Leukämie hat. Die Mutter war dabei, und beide waren völlig aufgelöst. Das habe ich nie vergessen.

Das Wichtige ist, in dem Moment ganz da zu sein und auch emotional nah zu sein. Und dass man dann, wenn man aus dem Krankenhaus rausgeht, noch mal überlegt: Habe ich für diesen Menschen alles getan und geregelt? Ja! Und dann kann ich in Ruhe nach Hause gehen. Trotzdem verändert einen so eine Arbeit. Ich lebe anders, weil ich diesen Beruf habe und daher genau weiß, es kann morgen irgendwas passieren.

Rollenspiele als Gesprächsvorbereitung

Sie geben Ihre Erfahrungen an der Uni auch an Nachwuchsmediziner*innen weiter: Was raten Sie denen in Bezug auf solche Gespräche?

Wichtig ist es, sich gut vorzubereiten und dann klare, mitfühlende Worte zu finden und emotional ganz da zu sein. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich die meisten Patientinnen und Patienten später an Inhalte solcher Gespräche kaum erinnern können, insbesondere wenn ihnen eine schlechte Nachricht überbracht wurde.

An der Universität unterrichte ich das auch in Rollenspielen – und das ist wirklich eindrucksvoll! Als ich selbst im Rollenspiel mal die Patientin war, habe ich tatsächlich das Gespräch nach der schlechten Nachricht teilweise nur noch als "Rauschen" wahrgenommen. Bei uns in der Klinik führen junge Mediziner solche Gespräche zunächst nicht alleine. Ein erfahrener Kollege oder eine Kollegin steht ihnen zur Seite.

Mal umgekehrt gefragt: Was sollten Ärzte und Ärztinnen schwerkranken Patient*innen lieber nicht sagen?

Sätze wie "Machen Sie sich keine Sorgen." sind zum Beispiel völliger Unsinn. Natürlich macht ein Patient, der gerade erfährt, dass er Krebs oder eine andere schwere Erkrankung hat, sich Sorgen. Und das sage ich dann auch: "Sie haben allen Grund, sich Sorgen zu machen, traurig zu sein oder Angst zu haben. Wann sonst, wenn nicht jetzt?" Aber als Ärztin kann ich dann, in dieser wichtigen, vielleicht sogar letzten Lebensphase, für den Patienten da sein. Wenn ich es schaffe, den Patienten genau das spüren zu lassen, dann ist es gut.

Service-Info

Auf der RTL-Webseite können Sie sich einen Ausschnitt des Interviews mit Prof. Dr. Maike de Wit, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin – Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin in Berlin-Neukölln, ansehen.

 

Klinikfoto: Monique Wüstenhagen, Porträtfotos: Regina Sablotny

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