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Sepsis - die unterschätzte Gefahr

Obwohl die moderne Medizin enorme Fortschritte macht, etwa bei Impfungen, Antibiotika und in der Intensivmedizin, ist die Sepsis, auch Blutvergiftung genannt, die häufigste Todesursache bei erwachsenen Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen. Wichtig ist, ihre Symptome früh genug zu erkennen, um sie schnell behandeln zu können.

Wenn der Körper fehlreagiert

Denkt man an eine „Vergiftung“, dann stellt man sich vor, körperfremde Substanzen drängen von außen in den Körper ein. Eine Sepsis aber ist etwas Anderes: Sie entsteht, wenn es zu einer Infektion kommt und die körpereigene Abwehr fehlreagiert. Beispielsweise bei einer Grippe, einem Infekt der Harnwege oder einer Lungenentzündung.

In einem solchen Fall spricht man auch von einer „Wirtsantwort“. Die Erreger, meist Bakterien, teils aber auch Viren, Pilze oder Parasiten, dringen in den Blutkreislauf ein, und der Körper reagiert mit einer Aktivierung seiner Abwehrsysteme, insbesondere des Immun- und Gerinnungssystems. Dies ist eigentlich sinnvoll, um die Ausbreitung einer lokalen Infektion zu verhindern. Im Falle einer Sepsis werden jedoch nicht nur die Erreger, sondern auch die körpereigenen Organe wie Lunge, Herz und Nieren sowie das eigene Gewebe geschädigt.

Alle sieben Minuten stirbt ein Mensch in Deutschland an einer Sepsis

Es kommt zu einem Multiorganversagen und zum Kreislaufversagen, dem „septischen  Schock“. Wird dies nicht schnell und adäquat behandelt, ist der Verlauf fast immer tödlich. Daher sind schnelles Erkennen und eine sofortige Therapie überlebenswichtig. Alle sieben Minuten stirbt ein Mensch in Deutschland an einer Sepsis, sie ist die dritthäufigste  Todesursache, nach Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und Krebs.

Im Interview erklärt Prof. Dr. Herwig Gerlach, Chefarzt in der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie im Vivantes Klinikum Neukölln, worauf es ankommt. Seit mehr als 30 Jahren ist die Sepsis Schwerpunkt seiner klinisch-wissenschaftlichen Arbeit, vier Jahre war er Vorsitzender der Deutschen Sepsis-Gesellschaft und ist heute noch Beiratsmitglied. Zudem wirkte er an den aktuellen deutschen und internationalen Leitlinien zur Sepsis-Bekämpfung als Autor und Mitglied der „Surviving Sepsis Campaign“ mit. Das Vivantes Klinikum Neukölln ist darüber hinaus Mitglied im „SepNet“, einem interdisziplinären Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftltern in Deutschland zum Thema schwere Sepsis und septischer Schock.

Erster und wichtigster Schritt ist, eine Sepsis zu erkennen. Frühe Anzeichen sind akute Verwirrung, eine schnelle Atmung und ein schwacher Kreislauf mit schnellem Puls und niedrigem Blutdruck. Tritt nur eines dieser Symptome neu auf, muss an eine Sepsis gedacht werden.

Chefarzt, Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Vivantes Klinikum NeuköllnProf. Dr. Herwig Gerlach

Das Tückische ist der schleichende Beginn

Herr Prof. Dr. Gerlach, wie behandeln Sie Patientinnen und Patienten, die an einer Sepsis erkrankt sind?

Prof. Dr. Herwig Gerlach: „Erster und wichtigster Schritt ist, eine Sepsis zu erkennen! Dies geschieht häufig auf Intensivstationen, muss  aber in der Rettungsstelle und auf den peripheren Stationen ebenfalls gewährleistet sein. Das Tückische an der Sepsis, beispielsweise als Komplikation nach einem operativen Eingriff, ist der schleichende Beginn. Frühe Anzeichen sind eine akute Verwirrung, eine schnelle Atmung und ein schwacher Kreislauf mit schnellem Puls und niedrigem Blutdruck. Tritt nur eines dieser Symptome neu auf, muss an eine Sepsis gedacht werden.“

Gibt es Risikogruppen?

Gerlach: „Ja, das sind natürlich alle Menschen mit angeborenen oder erworbenen Abwehrschwächen, also auch diejenigen, die sich einer Krebstherapie unterziehen müssen. Dazu kommen ältere Mitbürger*innen über 60 Jahre, besonders, wenn sie eine größere Operation benötigen. Eine weitere Gruppe sind die Menschen, die entweder seit Geburt keine Milz haben  (Asplenie) oder bei denen diese beispielsweise nach einem Unfall entfernt werden musste (Splenektomie).“
 

Eine Sepsis erkennen

Sepsis entsteht immer aus einer Infektion. Daher: Wenn Sie erkrankt sind oder es vermuten und zudem eines oder mehrere dieser Symptome feststellen, könnte es sich um eine Sepsis handeln:

  • Extremes Krankheitsgefühl,
  • Schwäche,
  • Verwirrtheit, Wesensveränderung,
  • Kurzatmigkeit, schnelle Atmung,
  • Schneller Puls und bzw. oder rniedrigter Blutdruck
  • Extreme Schmerzen und Unwohlsein
  • Kalte, feuchte oder fleckige Haut
 

Kann man selbst einer Sepsis vorbeugen?

Gerlach: „Gehört man zu einer der oben genannten Risikogruppen, sollte man sich unbedingt hausärztlich beraten lassen. Menschen ohne Milz sind besonders gefährdet, eine Pneumokokken-Infektion zu bekommen, dagegen kann man sich impfen lassen. Nach Splenektomie muss ein spezieller Begleitpass erstellt werden, und es sollte immer eine Pneumokokken-Impfung erfolgen. Älteren und vorerkrankten Patient*innen ist zu empfehlen, sich jährlich gegen Grippe (Influenza) impfen zu lassen."

Man kann sicher sagen, dass eine große Zahl an Betroffenen auch unter langwierigen Komplikationen leidet. Dies können unspezifische Probleme wie Schlafstörungen oder mangelnde Belastbarkeit sein, aber häufig kommt es zu einer langfristigen Einschränkung der Berufs- und Erwerbsfähigkeit.

Chefarzt, Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Vivantes Klinikum NeuköllnPorf. Dr. Herwig Gerlach

Was wird bei Anzeichen einer Sepsis unternommen?

Gerlach: „Bereits bei zwei Zeichen ist mit einer erhöhten Sterblichkeit zu rechnen, Patientinnen und Patienten sollten schnell auf eine Intensivstation gebracht werden. Dort werden diagnostische Untersuchungen wie Mikrobiologie und Laboruntersuchungen, eine sofortige breite Antibiotika-Therapie sowie Maßnahmen zur Stabilisierung des Kreislaufs initiiert. Das sollte innerhalb der ersten Stunde passieren, jede weitere Verzögerung erhöht die Sterblichkeit! Genauere Beschreibungen findet man in den aktuellen Leitlinien der Deutschen Sepsis-Gesellschaft.

Welche Folgen kann eine Sepsis nach sich ziehen?

Gerlach: „Hier liegt noch vieles im Dunklen, da man die Patientinnen und Patienten, wenn sie denn erfolgreich behandelt worden sind und das Krankenhaus verlassen haben, quasi „aus den Augen verliert“. Man kann sicher sagen, dass eine große Zahl an Betroffenen auch unter langwierigen Komplikationen leidet. Dies können unspezifische Probleme wie Schlafstörungen oder mangelnde Belastbarkeit sein, aber häufig kommt es zu einer langfristigen Einschränkung der Berufs- und Erwerbsfähigkeit.
Neben dem Leid der Betroffenen sind auch die volkswirtschaftlichen Schäden vermutlich enorm. Sie zu berechnen ist allerdings schwierig – es gibt zu wenig Informationsaustausch zwischen Krankenhäusern und Kostenträgern.“

Infos und Links

Deutsche Sepsis-Gesellschaft (DSG e. V.)
www.sepsis-gesellschaft.de

Beratung bietet auch die Deutsche Sepsis-Hilfe e. V. an. Hier haben sich Patientinnen und Patienten nach einer Sepsis-Erkrankung sowie auch deren Angehörige organisiert.

Deutsche Sepsis-Hilfe e. V.
www.sepsis-hilfe.org

       
Sepsis Hotline
0700 73774 700

Dieser Artikel ist auch im Vivantes Magazin 3-2021 erschienen.

 

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