Klinikum Am Urban

Geschichte

Das Vivantes Klinikum Am Urban blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück. Heute verfügt das Vivantes Klinikum Am Urban über 13 medizinische Fachabteilungen, eine zentrale Notaufnahme und 620 Betten und behandelt rund 65.000 Patienten pro Jahr.

Am 10.6.1890 als drittes städtische Krankenhaus der damaligen Reichshauptstadt gegründet, wurde das 600 Betten umfassende Krankenhaus in der Anfangszeit von dem Internisten Albert Fraenkel und dem Chirurgen Werner Körte geleitet und wurde berufliche Heimat weitere bedeutender Ärzte. Unter Ihnen der als Schriftsteller bekanntgewordene Alfred Döblin sowie der spätere Begründer der Behindertenfürsorge Konrad Biesalski. In der Zeit des Nationalsozialismus war das Krankenhaus Schauplatz von Säuberungen und Verbrechen: Zahlreiche jüdische Ärzte wurden verhaltet und misshandelt. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses fand hier Anwendung.

Während der Deutschen Teilung entsteht der von dem Architekten Peter Poelzig entworfene und heute unter Denkmalschutz stehende markante Neubau des im Krieg teilzerstörten Krankenhauses, dessen Grundstein der regierende Bürgermeister Berlins Willi Brandt 1966 legt und der 1970 in Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann eingeweiht wird. 1964 besucht Martin Luther King Jr. das Krankenhaus, in dem ein DDR-Flüchtling behandelt wird.

Nachdem das Krankenhaus nach der Wiedervereinigung Berlins von den Schließungsplänen des Berliner Senats bedroht war, wird es 2001 in die NET-Ge (später: Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH) integriert, die die städtischen Kartenhäuser Berlins unter einen gemeinsamen Dach vereint.

14.2.1862 Ottilie Beschort, die Tochter des Opernsängers und Hofschauspielers Friedrich Jonas Beschort, gibt ihren letzten Willen zu Protokoll: Sie stiftet 400.000 Mark für den Bau eines Krankenhauses.
1878 Der Magistrat beschließt ein städtisches Krankenhaus auf dem Urban zu errichten.
14.4.1881 Mit dem Tod von Ottilie Beschort steht die Stiftungssumme (durch Verzinsung erhöht auf über 600.000 Mark) zur Verfügung.
18.5.1887 Die Berliner Stadtverordneten stimmen einer Vorlage des Magistrats zur Errichtung eines dritten städtischen Krankenhauses zu. Unmittelbar danach beginnen die Bauarbeiten nach Plänen des Berliner Stadtbaurates und Architekten Hermann Blankenstein.
1889 Der Internist Albert Fraenkel und der Chirurg Werner Körte werden als Ärztliche Direktoren angestellt. Gemeinsam mit einem Verwaltungsleiter bilden sie das Leitungstriumvirat des Krankenhauses.
10.6.1890 Das Krankenhaus Am Urban wird um 9.00 Uhr mit der Aufnahme der ersten Patientin, einem „lungenleidenden Dienstmädchen“, eröffnet. Insgesamt gibt es 600 Betten: für die Abteilung Inneres 192 Betten für Männer und 166 für Frauen, für die chirurgische Abteilung 120 Betten für Männer und 96 für Frauen sowie 16 Betten in einem Isolierpavillon. Die restlichen sind Reservebetten. Die Aufsicht über die Pflege der Kranken haben Viktoria-Schwestern, die aus dem Krankenhaus im Friedrichshain in das neue Krankenhaus versetzt wurden.
1897 Zwei Jahre nach ihrer Entdeckung werden Röntgenstrahlen im Krankenhaus Am Urban angewendet. Durch den verantwortlichen Arzt Konrad Biesalski kommt es zu mehreren Verbesserungen beim Einsatz dieser Technik. Biesalski, der auch als Begründer der modernen Behindertenfürsorge gilt, wird später Leiter des Oskar-Helene-Heims.
1902 Aufgrund der Bettennot erhält das Krankenhaus Am Urban Räume im ehemaligen Erziehungshaus Urbanstraße 23, Ecke Fontanepromenade. 1905 erwirbt die Stadt das Gebäude und plant hier Erweiterungsbauten für das Krankenhaus Am Urban. Bis zum Jahr 1915 wird aber nur ein kleiner Teil des Bauvorhabens realisiert.
1902/1903 Martha Wygodzinski und Helenfriederike Stelzner sind die ersten Volontärärztinnen im Krankenhaus Am Urban. Beide haben zuvor in der Schweiz studiert.
1905 – 1922 Der bekannte deutsche Biochemiker Leonor Michaelis leitet das bakteriologische Laboratorium am Städtischen Urban-Krankenhaus. Michaelis gilt als Mitbegründer der Enzymkinetik und war wegweisend bei der Einführung physikalisch-chemischer Methoden in Medizin und Biologie.
1910 Ein Zahnarzt nimmt seinen Dienst im Krankenhaus auf.
1911 Alfred Döblin muss seine Arztstelle, die er 1908 im Krankenhaus Am Urban angetreten hat, wegen Heirat aufgeben, da Assistenzärzte im Krankenhaus wohnen und unverheiratet bleiben mussten. Verschiedene bauliche Erweiterungen werden vorgenommen (Gebäude für die Apotheke, das Röntgen und die Schwestern).
1913 Im Krankenhaus Am Urban wird soziale Krankenhausfürsorge – zunächst auf privater Basis – eingeführt und ab 1920 in die städtische Verwaltung übernommen.
1914 Nutzung von 240 Betten durch die Militärbehörde für Verletzte des Ersten Weltkrieges. Viele Assistenzärzte melden sich freiwillig zum Kriegsdienst und müssen zum Teil durch niedergelassene Ärzte ersetzt werden.
1915 Eine Diphterie-Epidemie in Berlin führt zur Einrichtung einer Diphteriestation.
1917 Nach Rückgang der Diphterie-Epidemie werden die Betten für Patientinnen und Patienten mit Infektionskrankheiten genutzt.
1.10.1923 Nach Überführung der Viktoria-Schwestern in die städtische Verwaltung wird Gertrud Rüden zur ersten Krankenpflegeleiterin im Krankenhaus Am Urban bestellt. Im Jahr 1924 eröffnet das Krankenhaus eine eigene Krankenpflegeschule.
1925 Im Gebäude des ehemaligen Erziehungshauses wird das Gesundheitshaus Am Urban eröffnet. Neben vielfältigen sozialmedizinischen Angeboten bieten hier eine chirurgische und eine zahnärztliche Ambulanz des Krankenhauses Am Urban medizinische Hilfe.
1929 SA-Leute besetzen das Krankenhaus. Die Ärztlichen Direktoren Franz Schück und Hermann Zondek – beide jüdischer Herkunft – werden entlassen. Mehrere jüdische Ärzte werden verhaftet und misshandelt. Bis zum Jahr 1934 werden rund 20 Ärzte des Krankenhauses Am Urban entlassen und aus Deutschland vertrieben.
1931 Prof. Dr. Erwin Gohrbandt, Direktor der Chirurgischen Abteilung im Krankenhaus Am Urban, ist an einer der ersten Geschlechtsangleichungen (von Mann zu Frau) beteiligt und modelliert dabei die Vagina-Plastik von Dora Richter. Diese gilt als erste namentlich bekannte Person, die sich einer Geschlechtsangleichung samt Vaginalplastik unterzog.
11.3.1933 Die Kranken werden von Karlsbad nach Berlin unter schwierigsten Bedingungen transportiert.
1933 Einrichtung einer gynäkologischen Abteilung im Krankenhaus. Nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses werden ab 1933 im Krankenhaus Am Urban Zwangssterilisationen und Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt.
1938 Es wird eine Baracke für Kleinkinder und Schulkinder auf dem Grundstück Urbanstraße 10/11 eingerichtet, in der Infektionskrankheiten behandelt werden.
1939 Die Behelfskrankenhäuser in der Graefestraße 85-88, Haus A (ehemalige Hauswirtschaftliche Schule) und in der Bergmannstraße 60-65 (ehemalige Volksschule) werden eröffnet. Sie sind dem Krankenhaus Am Urban unterstellt.
1940 Das Gebäude in der Müllenhoffstraße 17 wird übernommen, das etwa seit dem Jahr 1911 vom „Wöchnerinnenverein“ zur gynäkologischen Betreuung und geburtshilflichen Beratung genutzt wurde.
1941/42 Im Innenbereich des Krankenhausensembles wird ein Operationsbunker eingerichtet.
1942 Die Behelfskrankenhäuser in der Graefestraße 85-88 (Haus B) und am Görlitzer Ufer 2 (ehemalige Volksschulen) kommen hinzu. Im Behelfskrankenhaus Graefestraße sind während des Krieges zumeist an Tuberkulose erkrankte Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht, von denen hier rund 400 sterben.
22.11.1943 Bei einem Luftangriff auf das Krankenhaus Am Urban finden 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 29 Patientinnen und Patienten den Tod.
28.4.1945 Die Rote Armee besetzt vorübergehend das Krankenhaus. Etwa 30 Prozent der Gebäude sind durch Bomben und Kriegshandlungen zerstört.
2.7.1951 Ferdinand Sauerbruch, der in seiner letzten Lebensphase zunehmend unter Demenz leidet, stirbt im Krankenhaus Am Urban, wo er von seinem ehemaligen Assistenten, Max Madlener, betreut wurde.
1954 Die neue Rettungsstelle und der Neubau der Krankenaufnahme in der Urbanstraße, Ecke Grimmstraße, wird eröffnet.
1956 Das neue Badehaus und das Chemische Labor im wieder aufgebauten Haus V werden in Betrieb genommen.
1958 – 1959 An der Fontanepromenade 12/13 (ehemaliges Erziehungshausgrundstück) entsteht der Neubau für ein Schwesternwohnheim und am 1. Dezember 1959 in Betrieb genommen.
1962 Peter Poelzig erhält den Auftrag für den Neubau des Krankenhauses Am Urban. Die kompakte zweiflügelige Anlage ist für 750 Betten konzipiert.
1963 Eine Müllverbrennungsanlage wird gebaut.
13.9.1964 Der spätere Friedensnobelpreisträger Martin Luther King jr. besucht im Krankenhaus Am Urban den jungen DDR-Flüchtling Michael Mayer, der wenige Stunden vorher bei seinem Fluchtversuch von DDR-Grenzsoldaten angeschossen und schwer verletzt worden war. King, der spätestens seit seiner „I have a dream“-Rede auch in Berlin als lebende Legende gilt, war einen Tag zuvor in die Stadt gekommen. Als er von dem Vorfall an der Grenze erfährt, eilt er nach Kreuzberg. Am gleichen Tag spricht er im Westen wie auch im Ostteil der Stadt vor Tausenden begeisterten Zuhörern und verurteilt die „trennende Mauer der Feindschaft“.
15.6.1966 Es wird der Grundstein für den ersten städtischen Berliner Krankenhausneubau nach dem Krieg durch den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt gelegt.
24.5.1968 Für den Neubau wird das Richtfest gefeiert.
28.8.1970 Der Neubau wird in Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann eingeweiht.
1971 Das Krankenhaus am Kreuzberg in der Wartenburgstraße wird übernommen. Die Klinik war im Jahr 1945 auf Anordnung der US-amerikanischen Besatzungsmacht im ehemaligen St. Gertrauden Wohnstift eingerichtet worden. Mit den Standorten Wartenburgstraße (230 Betten), Altbau Dieffenbachstraße (340 Betten) und Neubau (830 Betten) ist das Krankenhaus Am Urban eines der größten im damaligen West-Berlin.
1976 Der Betrieb als Akademisches Lehrkrankenhaus wird aufgenommen.
1981 Der Grundstein für das neue Verwaltungsgebäude (Haus 11) wird gelegt.
1981 Der Neubau wird durch eine Intensivstation mit OP-Trakt erweitert. Die Neurologische Abteilung wird von der Psychiatrie getrennt.
1983 Der Plan eines Neubaus, der das Pavillonsystem ersetzen soll, wird aus finanziellen Gründen aufgegeben und stattdessen die Sanierung beschlossen.
1.4.1983 Die Abteilung Naturheilkunde wird von der Wartenburgstraße an das Rudolf-Virchow-Krankenhaus verlegt.
1983 Ein Ganzkörper-Computertomograph wird in Betrieb genommen.
16.7.1985 Für den Anbau mit neuem OP-Trakt und operativen Intensivstationen sowie urologischer Endoskopie wird Richtfest gefeiert.
1987 Ein Lithotripter (Nierensteinzertrümmerer) wird in Kooperation mit dem Neuköllner Krankenhaus in Betrieb genommen. Es beginnt die Arbeit der neuen Aufnahmestation mit zwei Intensivstationen im Erweiterungsbau. Die Eingangshalle wird umgestaltet und die neue Caféteria eröffnet.
1988 Die Patientendokumentation und Pflegedokumentation wird eingeführt. Das Zentrum für Brandverletzte wird in Betrieb genommen.
10.6.1990 Die Alfred-Döblin-Patientenbibliothek und die Galerie Am Urban werden aus Anlass des hundertjährigen Bestehens des Krankenhauses Am Urban eröffnet.
1.10.1990 Es werden partnerschaftliche Beziehungen mit dem Krankenhaus im Friedrichshain aufgenommen, dem ersten städtischen Krankenhaus Berlins.
1994 Der Hubschrauberlandeplatz wird in Betrieb genommen.
1995 Das Zentrum für Brandverletzte wird nach Berlin-Marzahn verlegt.
1997 Mit der Umsetzung des Vorhabens Modellkrankenhaus Am Urban wird begonnen.
1998 Am 26. Oktober 1998 überreicht Hans Ake Fabricius, der Ärztliche Direktor des Krankenhauses Am Urban, dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen 51.000 Unterschriften für den Erhalt des Krankenhauses. Denn es wird, wie auch andere städtische Krankenhäuser, mit Kürzungsplänen und Schließungsplänen des Senats konfrontiert. Am 11. November beteiligen sich rund 2.000 Menschen an einer Lichterkette rund um das Krankenhaus und protestieren gegen eine drohende Schließung.
1999 Die Schließung des Krankenhauses Am Urban kann abgewendet werden. Aufnahme der Gespräche über enge Kooperation und Fusion mit dem Krankenhaus im Friedrichshain.
31.12.2000 Der Standort an der Wartenburgstraße wird aufgegeben.
1.1.2001 Das Krankenhaus Am Urban wird in die Net-Ge GmbH eingegliedert, die neun städtische Berliner Krankenhausbetriebe vereint. Ab Mai 2001 firmiert die Gesellschaft unter der Bezeichnung „Vivantes – Netzwerk für Gesundheit“.
2002 Es beginnen die Stationssanierungen. Heute sind die meisten Stationen aufwändig saniert und werden regelmäßig modernisiert.
2003 Der Betriebsteil in der Wartenburgstraße wird verkauft. Im Juni 2003 wird das Brustzentrum eröffnet. Inzwischen ist das Vivantes Brustzentrum eines der größten zertifizierten Brustzentren Deutschlands.
2004 Die Abteilung Hämatologie und Onkologie wird vom ehemaligen Krankenhaus Moabit ins Klinikum Am Urban verlegt. Die traditionsreiche Krankenschule Am Urban wird geschlossen. Ein Jahr zuvor hatte Vivantes das Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen gegründet und dort die Ausbildungsgänge für pflegerische, medizinische und kaufmännische Berufe zentralisiert.
2006 Am 22. Oktober findet eine große 100-Jahr-Feier mit Tag der offenen Tür und dem Besuch des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit statt. Die Entwöhnungstherapie wird in der Hartmut-Spittler-Fachklinik etabliert.
2008 Verkauf des Gründungsstandortes Dieffenbachstraße. In den denkmalgeschützten Altbauten werden mehr als 100 Wohnungen und vier Gewerbeeinheiten geschaffen. Der ehemalige Pavillon II gehört heute wieder zum Vivantes Klinikum Am Urban und ist Sitz der psychiatrischen Tagesklinik. Die Rettungsstelle wird saniert.
2.10.2012 Der Poelzig-Bau wird in die Liste der Berliner Baudenkmäler aufgenommen.
2013 Die Komfortstation in der 9. Etage wird eröffnet.

Buch-Veröffentlichung

125 Jahre Klinikum Am Urban, 1890–2015

Zum 125. Geburtstag unseres Hauses hat der Autor Matthias Heisig einen Jubiläumsband zur Geschichte des Klinikums Am Urban zusammengestellt. Als eines der ältesten Krankenhäuser unserer Stadt ist es ein Spiegel der medizinischen, gesellschaftlichen und politischen Geschichte. Mit vielen, zum Teil erstmals veröffentlichten Fotografien, schildert der Jubiläumsband „125 JAHRE KLINIKUM AM URBAN, 1890–2015“ umfassend die Historie unseres Krankenhauses.

Autor: Matthias Heisig
Softcover, 120 Seiten, 14,8 x 21 cm
EUR 9,90

Das Buch ist leider vergriffen.