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Digital Junkies in Corona-Zeiten: Tipps für Eltern

Ist unsere Jugend mediensüchtig? Gibt es mehr digital Junkies in Corona-Zeiten? Der Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnungstherapie von Vivantes gibt Eltern Tipps zum Umgang mit Medien und Nachwuchs.
Jugendlicher spielt

Die Fragen der Eltern

Wie viel Zeit darf man im Netz verbringen, ohne dass sich eine Abhängigkeit einstellt? Sind zwei Stunden täglich noch okay, drei Stunden aber schon problematisch? Gibt es Gründe und Motive, die eine intensive Nutzung digitaler Inhalte rechtfertigen? Wer und was entscheidet darüber, ob und ab wann jemand als süchtig einzuordnen ist und – vor allem – welche Folgen hat dieses Verhalten?

Mütter und Väter zerbrechen sich den Kopf: Unsere Kinder verbringen zu viel Zeit an PC, Tablet und Smartphone – wie kriegen wir das in den Griff? Expert*innen, die Suchtkranken helfen, etwa von Alkohol, Tabak oder Drogen loszukommen wie etwa in der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnungstherapie von Vivantes, wissen um die gewaltigen Anstrengungen, die nötig sind, sich von dem zu lösen, was abhängig macht.


Interview mit Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnungstherapie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum

Herr Dr. Tabatabai, verlieren sich junge Menschen zunehmend im Netz in der Pandemie?
Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai: „Einige Befragungen belegen, dass die mit digitalen Medien verbrachte Zeit zunimmt – das betrifft aber nicht nur junge Menschen. In der Pandemie lernen wir die Chancen und die Risiken der digitalen Möglichkeiten noch besser kennen: Die verpasste Digitalisierung in den Schulen macht sich gerade negativ bemerkbar, und wir werden mit den Folgen des Bildungsausfalls zu kämpfen haben. Gleichzeitig werden sich insbesondere junge Menschen, die ohnehin unter dem Risiko stehen, sich in digitalen Welten zu verlieren, nun verstärkt dahin orientieren.“

Und wie gefährlich ist das?

Tabatabai: „Ob sich die Prävalenz (Erkrankungsrate) von Online-Konsumstörungen tatsächlich erhöht, bleibt abzuwarten. Gefährlich sind sie allemal: Der Rückzug aus realen menschlichen Beziehungen bedingt eine psychische Fehlentwicklung, und der häufig aktivitätsarme Lifestyle zieht zum Teil auch schwere körperliche Gesundheitsdefizite nach sich.“

Wie viel Zeit, verbracht am Handy, Tablet oder Rechner, ist noch vertretbar?

Tabatabai: „Das festzulegen ist schwierig. Denn die Trennung von schulischer oder Was raten Sie Eltern und anderen Besorgten? In der primären Prävention, also der Verhütung von Störungen, fällt sehr häufig der Begriff der „Medienkompetenz“. Kinder wachsen heute als „digital Natives“ auf, in einer Welt, die von verschiedenen Medien geprägt ist. Entsprechend gut sollten sie darauf vorbereitet werden: mit einem Zusammenspiel verlässlicher Grenzen – also auch zeitlichen Begrenzungen –, aber auch mit Spielräumen, in denen sie ihre Handlungskompetenz und Urteilskraft entwickeln können.“

Was können Eltern konkret tun?

Tabatabai: „Für Eltern ist dies anstrengend, es fordert ein intensives Interesse für die Welt des Kindes ein, oft nach einem stressigen Arbeitstag. Aber die spätere Entwicklung des Kindes dankt es uns, wenn wir uns beim Gaming hin und wieder mal daneben setzen und zu verstehen versuchen, was für die Kinder daran so faszinierend ist. Eltern sollten sich auch an ihre eigene Kindheit erinnern: an die nervigen Diskussionen um die Fernsehzeiten oder die als uncool empfundenen Ausflüge mit ihren Eltern. Vielleicht ist aber auch in Erinnerung geblieben, dass deren Interesse irgendwie auch schön war und die Streitigkeiten zum Erwachsenwerden beigetragen haben?“

Das Bevorzugen von virtuellen Welten gegenüber der realen Welt kann für das spätere Erwachsenenleben bedeutsam sein. Später kann sich dies in einer unzureichenden Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen auswirken. Diese Schwierigkeiten verstärken schließlich den Impuls, sich weiter in die digitale Welt zurückzuziehen, sich dort sicher zu fühlen, die Kontrolle zu behalten.
Kompliziert wird es, wenn der Konsum von Cannabis, Alkohol oder anderen Stoffen dazukommt und die Rückzugstendenz verstärkt.

Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnungstherapie am Vivantes Auguste-Viktoria-KlinikumDr. Darius Chahmoradi Tabatabai

Wann sollten Eltern sich Sorgen machen?

Tabatabai: „Beruflicher Nutzung gegenüber der freizeitlichen ist manchmal fließend. Entscheidend für die Abgrenzung eines „normalen“ Gebrauchs von einer „Online-Sucht“ ist das Interesse am realen Leben „draußen“. Solange dieses erhalten ist und noch eine zentrale Rolle spielt, kann sich die Sorge in Grenzen halten.“

Und wann müssen Eltern eingreifen?

Tabatabai: „Eltern müssen handeln, wenn Kinder nach Ende des Lockdowns etwa nicht mehr in das reale Sporttraining zurückkehren, sondern lieber weiter auf der E-Sportebene bleiben wollen: Dann müssen begrenzte Konsumzeiten verhandelt und Anreize für die Rückkehr in die „reale Welt“ geschaffen werden.“

Welche Konsequenzen zieht eine starke Medienabhängigkeit für Heranwachsende nach sich?

Tabatabai: „Das Bevorzugen von virtuellen Welten gegenüber der realen Welt kann für das spätere Erwachsenenleben bedeutsam sein: Das Gehirn ist in der Pubertät in einer Entwicklungsphase, es strukturiert sich neu und hat den Übergang von der Kindheit in die Erwachsenenwelt zu leisten. Der Rückzug in die digitale Welt geht auf Kosten der notwendigen und auch anstrengenden Kontakte zur Umwelt. Später kann sich dies in einer unzureichenden Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen auswirken. Diese Schwierigkeiten verstärken schließlich den Impuls, sich weiter in die digitale Welt zurückzuziehen, sich dort sicher zu fühlen, die Kontrolle zu behalten. Kompliziert wird es, wenn der Konsum von Cannabis, Alkohol und/oder anderen Stoffen dazukommt und die Rückzugstendenz verstärkt. Diese Entwicklung wieder umzukehren ist natürlich möglich. Sinnvoll ist es allerdings, bereits viel früher einzugreifen.“


 

Medienkonsum und Corona

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie haben auch Erwachsene das Internet einmal mehr schätzen gelernt. Nicht nur weil Zoom, Skype, FaceTime und Co. Arbeiten aus dem Homeoffice und Online-Unterricht für unsere Kinder ermöglichen, sondern auch, weil wir unseren Nachwuchs an Tablet, Rechner und Smartphone beschäftigen können.

Umfrage: Kinder verbrachten deutlich mehr Zeit online

So wundert es nicht, dass die Mediennutzung steil ansteigt: Im April 2020, dem ersten Shutdown-Monat nach dem Pandemie-Ausbruch und den damit einhergehenden Einschränkungen, lieferte eine Untersuchung der Hamburger Krankenkasse DAK-Gesundheit und der Forscher des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) konkrete Zahlen: An Werktagen verbrachten Kinder zwischen 10 und 18 Jahren 75 Prozent (statt 1:19 Stunden jetzt 2:19 Stunden) mehr Zeit mit Computerspielen und 66 Prozent (statt 1:56 Stunden jetzt 3:13 Stunden) mehr mit sozialen Medien als sechs Monate zuvor.

Die digitalen Medien erfüllen eine Funktion – sie werden nicht aus Lust oder Freude genutzt, sondern um Situationen oder Zuständen aus dem Wege zu gehen, die frustrieren und unglücklich machen. Daher geht es nicht darum, sie schlecht zu reden, sondern darum, den Umgang mit ihnen sinnvoll zu gestalten. Sie werden aus unser aller Leben nicht mehr verschwinden und stellen, richtig genutzt, durchaus einen Mehrwert dar.

Was Eltern wissen sollten

Eltern sollten wissen, was ihre Töchter und Söhne im Netz machen und zu welchem Zweck. Es geht darum, das Gute vom Schlechten zu trennen, herauszufinden, was tut gut, was nicht, und auch, welche Dosis angemessen ist. Sie müssen mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, sie aufmerksam beobachten: Wie gehen sie mit Emotionen um? Versuchen sie, mit digitaler Beschäftigung Gefühlen wie etwa Wut, Traurigkeit oder Langeweile zu entkommen? Sind sie sozial eingebunden und fähig, sich mit anderen Menschen auszutauschen und auseinanderzusetzen, sind sie selbstbewusst? Haben sie ein realistisches Zeitgefühl? Gelingt es ihnen, Zeit für Bewegung an der frischen Luft, fürs Lernen, Essen und Schlafen einzuplanen?

Regeln aufstellen

Feste Regeln helfen: beispielsweise das Führen einer Liste, die die 24 Stunden pro Tag auf notwendige Tätigkeiten wie etwa Schlaf, Essen, Bewegung, Schule, Hausaufgaben verteilt und ausweist, welche Zeiträume für Medien zur Verfügung stehen. Die sollten sie bestenfalls in der Nähe von Mutter und Vater verbringen; so lassen sich leichter Fragen stellen und beantworten: Was ist so spannend an diesem Spiel, was interessant an dieser App oder an Instagram? Letztlich ist die beste Empfehlung: Vorbild sein und den Heranwachsenden vorleben, dass es auch außerhalb der digitalen Medien Dinge gibt, die Spaß und glücklich machen.

 
 

Der Text erschien auch im Vivantes Magazin 1/2021.

Fotos: pixabay (großes Bild), Vivantes

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