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Welt-Aids-Tag: „Ich glaube, dass wir HIV eines Tages besiegen können.“

Diskriminierung stoppen, gegen Stigmatisierung ankämpfen: Anlässlich des Welt-Aids-Tages sprechen die HIV Expertinnen Dr. Caroline Isner und Dr. Anja Masuhr, Chefärztin bzw. Leitende Oberärztin an der Klinik für Innere Medizin – Infektiologie des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum, über die Meilensteine der HIV Medizin und erklären, warum ein HIV-Test zu jedem Check-Up gehören sollte.

Welt-Aids-Tag: Vor 40 Jahren haben Ärzt*innen erstmals offiziell die Diagnose HIV gestellt. Kurze Zeit später nahm am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum eine auf HIV und AIDS spezialisierte Klinik den Betrieb auf. 

Im Interview sprechen die Infektiologinnen und HIV Expertinnen Dr. Caroline Isner und Dr. Anja Masuhr von der Klinik für Innere Medizin – Infektiologie des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum über die Geschichte der HIV Medizin, aktuelle Fortschritte und erklären, warum es so wichtig ist, Infektionen rechtzeitig zu erkennen. 

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Was bedeutet dieses Datum für Sie?

Dr. Anja Masuhr: Für mich ist das ein Tag, an dem wir den an Aids Verstorbenen gedenken und zugleich immer wieder die Aufmerksamkeit darauf lenken sollten, dass HIV – wenn rechtzeitig erkannt -  heute kein großes medizinisches Problem mehr ist. Dazu gehört aber eben auch, dass jemand von seiner oder ihrer Infektion weiß.

Dr. Caroline Isner: Dem schließe ich mich an. Ich möchte den Welt-Aids-Tag deshalb mit einem Appell verknüpfen: Alle sexuell aktiven Menschen sollten sich regelmäßig auf HIV testen. Jeder von ihnen gehört zur Risikogruppe. Viele Menschen stecken sich beispielsweise in vermeintlich monogamen Beziehungen an und wiegen sich in einer trügerischen Sicherheit. Ich habe auch den Eindruck, dass die jüngere Generation deutlich weniger über HIV/AIDS aufgeklärt ist, als dies noch vor 15-20 Jahren der Fall war. Ich plädiere deshalb auch dafür, dass ein HIV-Test zur normalen Gesundheitsuntersuchung gehört und mehr in den Rettungsstellen oder sonstigen Ambulanzen, wo Blut abgenommen wird, getestet wird.

Ich möchte den Welt-Aids-Tag mit einem Appell verknüpfen: Alle sexuell aktiven Menschen sollten sich regelmäßig auf HIV testen - sie alle gehören zur Risikogruppe.

Chefärztin der Klinik für Innere Medizin - Infektiologie am Vivantes Auguste-Viktoria-KlinikumDr. Caroline Isner

„Wir lagen uns in den Armen und dachten: Endlich können wir das Virus kontrollieren.“

Sie sagten gerade, dass HIV im Jahr 2021 – rechtzeitig diagnostiziert – gut behandelbar ist. Was waren die medizinischen Meilensteine bis heute?

Isner: Der erste Meilenstein nach der Identifizierung und Quantifizierung des Virus im Blut war die Einführung des ersten antiretroviralen Medikaments, AZT (Zidovudin), im Jahr 1987 - ein Wirkstoff, der die Viruslast senken kann. Leider stellte sich dann schnell heraus, dass ein echter Durchbruch noch weiter entfernt lag. Denn nach einem anfänglich deutlichen Rückgang der Viruslast entwickelten sich relativ schnell Resistenzen gegen das Medikament. HIV und AIDS waren also noch lange nicht besiegt.

Masuhr: Die 1990er Jahre waren insgesamt der zweite große Meilenstein. 1995 kam eine neue Wirkstoffklasse auf den Markt: HAART (highly active antiretroviral therapy), eine Kombination aus drei antiretroviralen Medikamenten, mit der die Viruslast nachhaltig gesenkt werden konnte, ohne dass sich Resistenzen ausbildeten.
Ich kann mich genau erinnern, wie wir uns damals in den Armen lagen und dachten: Endlich können wir das Virus kontrollieren! Der große Makel: Leider hatten Patient*innen damals oft mit Nebenwirkungen zu kämpfen.

Auguste-Viktoria-Klinikum in den 1990er Jahren eine der größte Studienambulanzen Deutschlands

Welche Rolle spielte das Auguste-Viktoria-Klinikum (AVK) damals in der HIV Forschung?

Masuhr: Das AVK diente in den 90er Jahren als Studienambulanz - damals bundesweit eine der größten auf dem Gebiet der klinischen  HIV-Forschung. In Kooperation mit niedergelassenen Ärzt*innen haben wir noch nicht zugelassene Medikamente erprobt, immer verbunden mit der Hoffnung, für unsere Patient*innen einen wirklichen Durchbruch zu erzielen. Für mich als junge Ärztin war das damals wirklich spannend und eine Bestätigung, mich für das richtige medizinische Fachgebiet entschieden zu haben.

2021: 40 Jahre HIV/AIDS | Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum - eine Institution gegen das Virus

Klinik für Infektiologie
40 Jahre HIV & 25 Jahre HAART-Therapie

"Menschen, die mit HIV leben, erleben sich und ihren Körper anders, wenn sie nicht mehr täglich auf ein Medikament angewiesen sind."

Wann folgte der lang erhoffte Durchbruch in der Behandlung von HIV?

Isner: In den Folgejahren wurden immer mehr verträglichere Medikamente entwickelt bis hin zur Kombinationstherapie in einer einzigen Tablette. Die so genannte PREP, ein Medikament, das eine Infektion präventiv verhindert, war einer der letzten großen Erfolge in der HIV Forschung.

Der nächste große Schritt sind jetzt Depotinjektionen, welche zurzeit alle zwei Monate in den Gesäßmuskel gespritzt werden. Das ist nicht nur sehr praktisch und verhindert, dass Menschen die Einnahme an manchen Tagen vergessen, sondern ist auch eine wichtige Maßnahme gegen das Stigma HIV.

Inwiefern?

Isner: Auch wenn HIV heute gut behandelbar ist, ist das Thema für die Betroffenen durch die tägliche Einnahme eines Medikaments eine ständige Erinnerung an das Virus. Dank der Depotinjektion kann HIV im Alltag eine noch geringere Rolle spielen. Im Übrigen zeigt sich auch in den Studien, dass sich dies positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Menschen, die mit HIV leben, erleben sich und ihren Körper anders, wenn sie nicht mehr täglich auf ein Medikament angewiesen sind.

Ja, ich glaube, dass wir HIV irgendwann besiegen werden.

Chefärztin der Klinik für Innere Medizin - Infektiologie am Vivantes Auguste-Viktoria-KlinikumDr. Caroline Isner

Die Gretchenfrage:  Wird HIV irgendwann heilbar sein?

Isner:  Ja, ich glaube, dass wir HIV irgendwann besiegen werden – und zwar noch während unserer eigenen Lebenszeit.

"Im Schnitt behandeln wir im Monat 4-5 Patient*innen mit der Erstdiagnose HIV/AIDS."

Wie viele Patient*innen mit HIV/Aids versorgen Sie im Auguste-Viktoria-Klinikum heute?

Masuhr: Im Schnitt behandeln wir im Monat 4-5 Patient*innen mit Erstdiagnose HIV/AIDS und damit deutlich weniger als früher. Heute behandeln wir vor allem Patient*innen, die seit vielen Jahren mit HIV leben und wegen meist nicht HIV-assoziierter Erkrankungen aufgenommen werden müssen.

Wer ist die hauptsächliche Patientengruppe? Gibt es überhaupt noch AIDS Patient*innen in Berlin?

Masuhr: Die größte Patientengruppe sind auch heute noch homosexuelle Männer, aber klar ist auch: Alle Menschen, die sexuell aktiv sind, haben ein Risiko. Deshalb sensibilisieren wir unter anderem Kolleg*innen aus Rettungsstellen für Symptome wie zum Beispiel unklare Blutbildveränderungen, Haut- und Schleimhautauffälligkeiten, die auf HIV hinweisen können.

"Ein Grund, warum ich in der HIV Medizin arbeite"

Gibt es in all den Jahren Ihrer Tätigkeit als Ärztinnen eine*n Patient*in, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Masuhr: Ja, ich habe mal ein 12-Jähriges Mädchen behandelt, dessen Eltern beide an AIDS verstorben sind und das selbst HIV-positiv getestet wurde. Heute ist dieses Mädchen eine Frau Mitte 30, verheiratet, Mutter. Das ist für mich sehr berührend zu sehen und ein Grund, warum ich in der HIV Medizin arbeite.

Isner: Ich erinnere mich an einen Patienten, der erst einmal sein ganzes Hab und Gut verkaufte  und um die Welt reiste, nachdem er von seiner Diagnose erfahren hatte. Er hatte ja nichts mehr zu verlieren und wollte das Leben in vollen Zügen genießen. Als er zurückkam und nichts passierte, war er dann doch sehr überrascht und wie er sagte „um viele Lebenserfahrungen reicher“, die er nicht missen wollte. Er lebt heute mit seinem Mann in New York und ist begeisterter Reiseführer.

 

Videotipp: Interview mit Chefärztin Dr. Caroline Isner für das Gesundheitsmagazin "In Good Shape" der Deutschen Welle

 
Mehr zur Klinik für Infektiologie am Auguste-Viktoria-Klinikum

Die Klinik für Innere Medizin – Infektiologie am Auguste-Viktoria-Klinikum ist auf Infektionskrankheiten spezialisiert und zählt zu den wenigen eigenständigen infektiologischen Abteilungen in Deutschland. Als Infektiolog*innen verstehen sie sich als „Detektive“: Eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung wie auch eine spezielle infektiologische Diagnostik sind von größter Bedeutung.

Großen Wert legt die Klinik auf ein ganzheitliches Versorgungskonzept, bei dem die sozialen und psychologischen Belange unserer Patient*innen berücksichtigt werden. Dabei wird das „Schöneberger Modell“ weitergeführt, ein Netzwerk aus Kliniken, HIV-Schwerpunktpraxen, AIDS-Hilfe, Apotheken und Pflegeteams.

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