
Multimedikation im Alter: So vermeiden Sie gefährliche Wechselwirkungen
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Wer mehrere Medikamente einnimmt, sollte mögliche Wechselwirkungen kennen und die Behandlung regelmäßig überprüfen lassen. Gerade bei älteren Menschen können Nebenwirkungen, veränderte Organfunktionen und komplizierte Einnahmepläne zum Risiko werden.
Was bei langen Medikamentenplänen zu beachten ist
Prof. Hans-Peter Thomas, Chefarzt des Ida-Wolff-Krankenhauses, erklärt, worauf es bei der sicheren Einnahme mehrerer Medikamente ankommt, welche Warnzeichen ernst genommen werden sollten und wie Patient*innen und Angehörige den Überblick behalten.
Prof. Thomas, was versteht man unter dem Begriff "Multimedikation" und warum ist das Thema gerade für ältere Menschen so relevant?
Von Multimedikation oder Polypharmazie spricht man, wenn ein Mensch gleichzeitig mehrere Arzneimittel einnimmt. Eine international einheitliche Grenze gibt es nicht. Häufig wird der Begriff verwendet, wenn fünf oder mehr Wirkstoffe dauerhaft eingenommen werden. Das bedeutet keineswegs automatisch, dass zu viele Medikamente verordnet wurden. Ein Mensch mit Herzschwäche, Diabetes, Bluthochdruck und Osteoporose kann durchaus mehrere Medikamente benötigen.
Problematisch wird es, wenn Medikamente im Laufe der Jahre immer weiter ergänzt werden, niemand mehr die Gesamtmedikation überblickt oder Arzneimittel weitergenommen werden, obwohl sie inzwischen nicht mehr benötigt werden. Die aktuelle Leitlinie zur Multimorbidität nennt die Vermeidung unnötiger Polypharmazie ausdrücklich als Bestandteil einer sicheren Versorgung. Das erscheint mir bei älteren Patientinnen und Patienten die größte Herausforderung zu sein.
Welche Risiken entstehen, wenn mehrere Medikamente gleichzeitig eingenommen werden?
Viele ältere Menschen nehmen täglich mehrere Medikamente ein. Bei den über 70-jährigen sind das häufig mehr als acht Stück. Das ist bei mehreren chronischen Erkrankungen häufig medizinisch notwendig. Mit der Zahl der Medikamente wächst allerdings auch das Risiko für Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Fehler bei der Einnahme. Entscheidend ist deshalb, die gesamte Medikation regelmäßig zu überprüfen. Ein großes Problem ist, dass nach zwei Jahren zum Beispiel viele Herz-Kreislauf-Mittel gar nicht mehr eingenommen werden.
„Mit zunehmendem Alter verändert sich die Verarbeitung von Medikamenten im Körper. Vor allem die Nierenfunktion nimmt häufig ab.
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Wie lassen sich Wechselwirkungen und Nebenwirkungen vermeiden?
Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto schwieriger wird es, ihre Wirkungen vorherzusagen. Medikamente können sich gegenseitig verstärken oder abschwächen. Ein Wirkstoff kann zudem den Abbau eines anderen Wirkstoffs verändern, sodass dessen Konzentration im Körper steigt oder fällt. Dies ist mitunter besonders gefährlich.
Ein Beispiel: Kombiniert man Johanniskraut mit Cholesterinsenkern wie Statinen, sinkt der Wirkstoffspiegel der Statine im Blut drastisch. Dadurch verlieren die Statine ihre cholesterinsenkende Wirkung. Das Risiko für Gefäßverkalkungen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle steigt dadurch an.
Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: Mit jeder zusätzlichen Tablette wird die Einnahme komplizierter. Medikamente können verwechselt, doppelt eingenommen oder vergessen werden. Typische Folgen sind dann häufig:
- Schwindel
- Müdigkeit
- niedriger Blutdruck
- Stürze
- Verwirrtheit
- Verstopfung
- Nierenprobleme
- Elektrolytstörungen oder Blutungen.
Besonders ungünstig ist eine sogenannte Verschreibungskaskade: Eine Nebenwirkung wird für eine neue Erkrankung gehalten und mit einem weiteren Medikament behandelt.
Warum sind gerade ältere Menschen besonders gefährdet, unter Wechselwirkungen zu leiden?
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Verarbeitung von Medikamenten im Körper. Vor allem die Nierenfunktion nimmt häufig ab. Dadurch werden manche Wirkstoffe langsamer ausgeschieden und können sich im Körper anreichern. Auch Körperwasser, Muskelmasse und Fettanteil verändern sich.
Gleichzeitig reagiert der ältere Organismus teilweise empfindlicher auf bestimmte Wirkstoffe. Medikamente gegen Schlafstörungen oder Unruhe können beispielsweise schneller zu Benommenheit, Verwirrtheit und Stürzen führen.
Dazu kommt, dass ältere Menschen häufiger mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben und deshalb von verschiedenen Ärztinnen und Ärzten Medikamente erhalten. Gerade dann ist ein vollständiger Überblick über alle Verordnungen wichtig.
Welche typischen Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen treten in der Praxis besonders häufig auf?
Ein klassisches Beispiel sind blutverdünnende Medikamente. Werden diese gleichzeitig mit bestimmten Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Diclofenac eingenommen, kann das Blutungsrisiko erheblich steigen.
Auch die Kombination verschiedener Medikamente gegen Bluthochdruck oder Herzschwäche kann Probleme verursachen. ACE-Hemmer oder Sartane können zusammen mit Spironolacton oder Kaliumpräparaten zu einem gefährlich hohen Kaliumwert führen. Werden zusätzlich bestimmte Schmerzmittel eingenommen, kann auch die Nierenfunktion beeinträchtigt werden.
Schlafmittel, Beruhigungsmittel, bestimmte Schmerzmittel und andere Medikamente mit dämpfender Wirkung können sich gegenseitig verstärken. Müdigkeit, Gangunsicherheit, Verwirrtheit und Stürze sind mögliche Folgen.
Eine weitere wichtige Gruppe sind Medikamente mit sogenannten anticholinergen Wirkungen. Dazu gehören einige Arzneimittel gegen Blasenbeschwerden, Allergien, Depressionen oder Schlafstörungen. Gerade bei älteren Menschen können sie unter anderem Mundtrockenheit, Verstopfung, Probleme beim Wasserlassen und Verwirrtheit verursachen.
Solche Risiken spielen bei älteren Menschen eine so große Rolle, dass mit der deutschen FORTA-Liste gezielt Medikamente erfasst werden, die im höheren Lebensalter auch in Studien untersucht wurden. Eine weitere PRISCUS genannte Liste zählt Wirkstoffe auf, die bei Älteren risikobehaftet sein können. Diese sollte jeder Arzt kennen. Wie man sieht, ist das alles sehr komplex.

Wie geht Ihr Team im Ida-Wolff-Krankenhaus mit Patientinnen und Patienten um, die eine komplexe Medikation haben?
Bei uns beginnt die Beurteilung mit einer möglichst vollständigen Medikationsanamnese. Dabei interessiert uns nicht nur, was auf dem aktuellen Medikamentenplan steht. Entscheidend ist, was der Patient tatsächlich einnimmt. Dazu gehören auch frei verkäufliche Schmerzmittel, Schlafmittel, Augentropfen und pflanzliche Präparate.
Anschließend wird jedes Medikament systematisch überprüft:
- Gibt es noch eine klare Indikation für die Einnahme?
- Ist die Dosierung für das Alter und die Nierenfunktion angemessen?
- Gibt es Doppelverordnungen oder relevante Wechselwirkungen?
- Kann ein Medikament Schwindel, Stürze, Verwirrtheit oder andere aktuelle Beschwerden erklären?
Gerade in der Geriatrie gehört auch die Frage dazu, welches Behandlungsziel für den einzelnen Menschen sinnvoll ist. Bei einem hochbetagten Patienten mit mehreren Erkrankungen können andere Prioritäten gelten als bei einem 50-Jährigen. Selbstständigkeit, Mobilität, geistige Leistungsfähigkeit und Lebensqualität haben dabei einen hohen Stellenwert.
Wenn ein Medikament keinen ausreichenden Nutzen mehr bietet oder mehr Risiken als Vorteile mit sich bringt, prüfen wir, ob die Dosis reduziert oder das Medikament kontrolliert abgesetzt werden kann. Dieses Vorgehen wird als "Deprescribing" bezeichnet. Medikamente sollten dabei nicht eigenmächtig abgesetzt werden, weil einige Präparate ausgeschlichen werden müssen.
Was können Patientinnen und Patienten konkret tun, um das Risiko von Wechselwirkungen zu verringern?
Am besten ist es natürlich, wenn man selbst weiß, wofür man was einnimmt. Bei jedem Arztbesuch sollte zudem eine aktuelle Medikamentenliste vorliegen. Das gilt besonders nach einem Krankenhausaufenthalt oder wenn Medikamente neu begonnen, abgesetzt oder in der Dosis verändert wurden.
Auch Medikamente ohne Rezept gehören auf diese Liste. Gerade frei verkäufliche Schmerzmittel werden häufig unterschätzt. Auch pflanzliche Präparate können Wechselwirkungen verursachen. Johanniskraut hatte ich ja bereits genannt.
Bei neu aufgetretenen Beschwerden sollte außerdem immer überlegt werden, ob ein Medikament beteiligt sein könnte. Schwindel, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Verwirrtheit oder Stürze sind im höheren Lebensalter keineswegs automatisch Folgen des Alters.
Hilfreich ist außerdem, die gesamte Medikation regelmäßig mit der Hausärztin, dem Hausarzt oder der Apotheke durchzugehen. Leitlinien empfehlen bei Menschen mit Multimedikation und mehreren chronischen Erkrankungen regelmäßige strukturierte Medikationsüberprüfungen. Aber das ist in der praktischen Umsetzung sicher sehr schwierig.
Wie wichtig ist es, eine aktuelle Medikamentenliste zu führen und wie sollte diese idealerweise aussehen?
Eine aktuelle Medikamentenliste gehört zu den wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen überhaupt. Der bundeseinheitliche Medikationsplan hat sich ja mittlerweile etabliert und ist sehr hilfreich. Auch Bedarfsmedikamente gehören auf die Liste, möglichst mit einer Angabe zur maximalen Tagesdosis. Frei verkäufliche Medikamente sollten ebenfalls nicht fehlen.
Gibt es inzwischen digitale Tools oder Apps, die bei der sicheren Einnahme helfen können?
Ja. Digitale Anwendungen können inzwischen deutlich mehr als lediglich an die Einnahme einer Tablette erinnern.
In der elektronischen Patientenakte, kurz ePA, steht bereits eine elektronische Medikationsliste zur Verfügung. Dort werden verordnete und über E-Rezept abgegebene Medikamente erfasst. Damit können Arztpraxen und Apotheken einen besseren Überblick über die Medikation erhalten.
Der elektronische Medikationsprozess wird derzeit weiter ausgebaut. Dazu gehört ein elektronischer Medikationsplan, in dem beispielsweise Dosierungen, Einnahmehinweise und weitere für die Arzneimitteltherapie wichtige Informationen hinterlegt werden können. Die entsprechenden Funktionen werden 2026 schrittweise eingeführt beziehungsweise pilotiert. Daneben gibt es Apps, die an Einnahmezeiten erinnern und dokumentieren können, ob ein Medikament eingenommen wurde. Das kann bei komplizierten Einnahmeplänen hilfreich sein.
Bei der Prüfung von Wechselwirkungen sollte man sich allerdings nicht allein auf eine App verlassen. Ein Computerprogramm erkennt beispielsweise eine theoretische Wechselwirkung, kennt aber nicht die Nierenfunktion, den Blutdruck, andere Laborwerte, Begleiterkrankungen und die individuellen Behandlungsziele eines Patienten. Eine qualifizierte Medikationsprüfung durch Ärztinnen, Ärzte oder Apotheker bleibt deshalb entscheidend.
Was ist Ihre wichtigste Empfehlung an ältere Patientinnen und Patienten oder ihre Angehörigen im Umgang mit mehreren Medikamenten?
Meine wichtigste Empfehlung lautet: Behalten Sie den Überblick und lassen Sie Ihre Medikamente regelmäßig gemeinsam überprüfen. Zu jedem Medikament sollte klar sein, warum es eingenommen wird, in welcher Dosis und wie lange es benötigt wird. Nach jedem Krankenhausaufenthalt und nach jeder größeren Therapieänderung sollte der Medikationsplan aktualisiert werden. Und wenn plötzlich Schwindel, Benommenheit, Verwirrtheit, Stürze oder andere neue Beschwerden auftreten, sollte immer auch an Medikamente als mögliche Ursache gedacht werden.
Bei Multimedikation besteht das Ziel darin, für den einzelnen Menschen die sinnvollste und sicherste Kombination zu finden. Dafür müssen Nutzen, Risiken und persönliche Behandlungsziele regelmäßig neu gegeneinander abgewogen werden.
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