Zukunft der Psychiatrie: Was bringt psychiatrische Behandlung zu Hause wirklich

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Statt in einer psychiatrischen Klinik können sich seelisch erkrankte Menschen auch zu Hause behandeln und therapieren lassen. Ein multiprofessionelles Team der Vivantes Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Neukölln, Tempelhof-Schöneberg, Kaulsdorf und Kreuzberg kommt zu ihnen. Wie gut ist diese "Stationsäquivalente Behandlung" wirklich?

Home Treatment - was sind die Vorteile und warum ist dies heute normal

Diese flexibilisierte Betreuung oder auch „Home Treatment“ von psychisch erkrankten Menschen hat viele Vorteile: in ihrer vertrauten Umgebung finden die Behandelnden auf oftmals leichter Zugang zu ihnen und lernen auch das Umfeld der Erkrankten, wie etwa die Familie, kennen.

„Ein guter Freund war gestorben und gleichzeitig drohte mir der Rausschmiss aus meiner geliebten
Wohnung. Das hab ich nicht gepackt. Ich bin in die Krise gestürzt“, berichtet Petra B. Sie möchte anonym bleiben. Ihre genaue Diagnose soll hier ebenfalls keine Rolle spielen. „Verzweifelt habe ich mich an meine Ärzte in Neukölln gewandt.“ Normalerweise wäre sie stationär in der Klinik aufgenommen worden. Jetzt sitzt Petra B. auf ihrem Sofa, hat die Beine hochgelegt. Im Hintergrund plätschert beruhigend ein kleiner Brunnen, Kerzen tauchen das Wohnzimmer in weiches Licht, es duftet nach Orangenöl. Petra B. darf zu Hause bleiben. Denn ein Flexibles Team versorgt die Patientin im Rahmen der sogenannten Stationsäquivalenten Behandlung – kurz StäB.

Was ist StäB oder Home Treatment

StäB ist ein Angebot in der Regelversorgung für schwer seelisch erkrankte Menschen. Das „Home Treatment“ ergänzt als vierte Säule die ambulante und stationäre Behandlung in den Krankenhäusern sowie die Therapien in Tageskliniken. Seit Januar 2018 im § 115d Abs. 2 SGB V akute psychische Krisen, für die ein vollstationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nötig wäre, im gewohnten Lebensumfeld der Erkrankten behandelt werden. Diese Behandlungsform kann anstelle einer vollstationären Behandlung erfolgen oder diese verkürzen. Sie ist, ebenso wie ein Klinikaufenthalt, zeitlich begrenzt.

Mindestens einmal am Tag gibt es dann einen Termin mit einer Expertin oder einem Experten aus dem multiprofessionellen Team  vor Ort. „Mit StäB steht uns ein niederschwelliges Angebot zur Verfügung“, erklärt Sandeep Rout, Oberarzt und Leiter des Neuköllner Teams. „Manche Menschen haben Vorbehalte gegen einen Klinikaufenthalt, sie befürchten zum Beispiel eine Stigmatisierung.“ Andere Patientinnen und Patienten sehen keine Möglichkeit, sich auf eine Station einweisen
zu lassen, weil etwa Kinder oder Eltern nicht betreut würden oder Haustiere unversorgt blieben.

Wo gibt es Angebote für die „Therapie zu Hause“ in Berlin

Vivantes bietet die Stationsäquivalente Behandlung in den Berliner Bezirken Friedrichshain, Kreuzberg, Kaulsdorf, Neukölln, Schöneberg und Tempelhof an. In Neukölln hat Vivantes die erste StäB für Kinder und Jugendliche in Berlin etabliert und die Neuköllner Teams haben auch Erfahrungen mit gemeinsamen Behandlungen: Kinder werden durch die Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendpsychiatrie betreut, die Eltern von der Erwachsenenpsychiatrie.

In den behandelnden Teams vertreten sind zum Beispiel Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Nervenheilkunde, psychologische Psycho- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten sowie Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger, Sozialarbeiter*innen und Genesungsbegleiter*innen.

Prinzip Heimatstation – Erfahrungen mit der aufsuchenden Therapie aus dem Klinikum Neukölln

Bereits seit 2016 sammelt Sandeep Rout im Rahmen eines Modellprojektes mit der Krankenversicherung DAK-Gesundheit Erfahrungen mit der „aufsuchenden Therapie“. Diese erweisen

sich als wertvoll und fließen in die flexibilisierte Akutbehandlung ein: „In Neukölln haben wir StäB in unser sozialpsychiatrisches Konzept integriert.“ Dazu nutzt die Vivantes Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik das Prinzip der „Heimatstation“: Wird eine Patientin oder

ein Patient entlassen, kommt sie oder er bei einem eventuellen nochmaligen Aufenthalt auf dieselbe, ihm schon bekannte Station. Erkrankte Menschen werden auf diese Weise kontinuierlich von bereits vertrauten Ansprechpartnerinnen und -partnern behandelt und versorgt. Die stationsintegrierte StäB bietet dann diesen Patienten*innen die Möglichkeit einer aufsuchenden Behandlung unter Behandlungsführung der Heimatstation.

Die Geschichte einer StäB-Patientin: Stress vermeiden und Kraftquellen nutzen

Sandeep Rout und Petra B. begegneten sich zum ersten Mal vor zwei Jahren, das Vivantes Klinikum Neukölln kennt Petra schon seit 2012. Hier hat sie auch extreme Facetten einer akuten psychiatrischen Behandlung erlebt. „Trotz dieser Erfahrungen bin ich mit meiner Heimatstation sehr zufrieden, ich trage nichts nach.“ Diesmal sollte allerdings ein anderer Weg eingeschlagen werden. 

Sandeep Rout: „Die Patientin hat uns sehr bewegt. Sie ist seit Jahren bekannt und zuletzt mehrfach in der Rettungsstelle vorstellig. Wir wollten nicht, dass es ihr wieder so schlecht geht, und haben im Rahmen eines ambulanten Termins über eine stationsäquivalente statt einer stationären Behandlung gesprochen.“

Warum Petra B. nicht gern in der Klinik ist? „Dort prasseln viele Eindrücke auf mich ein, und ich kann mich nicht von anderen Patienten abgrenzen. Ich bekomme Angst.“ Den Ärztinnen und Ärzten gegenüber fällt es ihr dann schwer, sich mitzuteilen. 

„Wenn jemand auf die Station kommt, arbeiten wir ressourcenorientiert – wir finden also zunächst heraus, was die Patientin oder der Patient gut kann, was ihr oder ihm guttut“, erklärt Sandeep Rout. „Im privaten Umfeld können wir das allerdings viel besser erkennen, denn die Ressourcen und Interessen eines Patienten auch ohne ausführliche Befragung oft offensichtlich.“

Keine typische Arzt-Patienten-Situation: Einblick ins Zuhause

Im Wohnzimmer von Petra B. lassen sich zahlreiche Stationen ihres Weges und ihre Interessen deutlich ablesen: An der Wand hängen handgeschriebene Zettel mit positiven Botschaften, Bilder von Urlauben und Freunden, Bücher sind auf dem Boden verteilt. Indem sie dem behandelnden Arzt und anderen Mitgliedern des StäB-Teams die Tür öffnet und sie willkommen heißt, lässt sie einen sehr intimen Blick in ihr Leben zu. 

Ein weiterer Vorteil dieser Form der Behandlung ist, dass die Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten auch mit dem Netzwerk der Patientinnen und Patienten vertraut werden. Sie lernen beispielsweise unterstützende Faktoren wie die Familie kennen und auch, sie zu nutzen. „Wir haben hier keine typische Arzt-Patientin-Situation. Wir sind bei der Patientin zu Gast.“ Eine gute Beziehung zwischen beiden Seiten ist sehr wichtig. Dabei geht es natürlich auch um Vertrauen. Sandeep Rout und Petra B. gehen locker miteinander um, sind sich zugewandt. Man spürt, dass sie sich kennen und wertschätzen. „Ich empfinde es als große Bereicherung, wenn die Behandelnden mich privat erleben. Hier kann ich ohne Angst zeigen, wer ich wirklich bin“, erzählt Petra B.

Zu Hause kann sie besser entspannen, und es gelingt ihr, sich intensiv über Bedrückendes und Belastendes auszutauschen. Außerdem hat die Patientin hier Dinge um sich, die ihr guttun: etwa ihre beiden Wellensittiche Noah und Bela, die fröhlich zwitschern. „Als ich damals von dieser Form der Behandlung erfuhr, habe ich mir das zunächst nicht zugetraut. Und jetzt bin ich mittendrin – für mich bedeutet StäB einen Riesen-Lernschritt!“

Durch stationsäquivalente Behandlung am gesellschaftlichen Leben weiter teilnehmen

StäB soll darüber hinaus dazu beitragen, dass seelisch kranke Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen – Patientinnen und Patienten etwa soziale Kontakte aufrechterhalten oder Hobbys pflegen, die ihnen früher wichtig waren. Daher begleitet eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter aus dem StäB-Team auch schon mal beim Einkaufen. Oder eine Mutter kocht gemeinsam mit der Ergotherapeutin für ihre Kinder, wie sie es seit zehn Jahren nicht mehr getan hat. „Es geht uns darum, dass die Menschen zurück in die Normalität finden“, so der Oberarzt.

Früher wollte Petra B. Journalistin, später dann Foto-Designerin werden. Bis die Krankheit kam. Heute besucht sie mit Freude einen Schreibkurs. Stolz berichtet sie, dass sie seit eineinhalb Jahren nicht mehr in die Klinik aufgenommen werden musste. „Aber“, betont sie, „wenn ich jetzt doch noch mal in die Klinik muss, wäre das nicht schlimm. Wer das Stationspersonal dort kennt, weiß, dass er in guten Händen ist.“

„Wenn sich Patientinnen und Patienten mit ihren seelischen Erkrankungen frühzeitig bei uns melden, ist das ein großer Vertrauensbeweis“, erklärt Sandeep Rout und lehnt sich auf dem Sofa zurück. Ihm gehe es vor allem darum, langfristig Gewalt und Zwang zu vermeiden und die Psychotherapie zu intensivieren. „Die stationsäquivalente Behandlung steht Patientinnen und Patienten als Regelleistung zu. Inzwischen bieten in Berlin die Vivantes Kliniken Am Urban in Kreuzberg, in Tempelhof und Schöneberg und in Kaulsdorf sowie Neukölln dieses Angebot an.“

 

(Fotos: Header - pexels - center for aging better, weitere Fotos: freepik; marcel-strauss auf unsplash)

Wissenschaftlich belegt: Das sind die Vorteile der stationsäquivalenten Behandlung (StäB) / Home Treatment

Was klar ist: Die herkömmliche Behandlung, die in ambulante, tagesklinische und stationäre Versorgung unterteilt ist, stößt oft an ihre Grenzen. Die stationsäquivalente Behandlung („StäB“), also die Behandlung zu Hause statt auf einer Station, verspricht eine patientenorientiertere und flexiblere Herangehensweise. Doch trifft das auch tatsächlich zu?

 

Wissenschaftliche Studien aus Deutschland zeigen, dass die stationsäquivalente Behandlung eine wirksame Alternative zur stationären psychiatrischen Behandlung sein kann. Sie ermöglicht intensive Therapie im häuslichen Umfeld, wird von vielen Patient*innen positiv bewertet und kann dazu beitragen, erneute Klinikaufenthalte zu reduzieren.

Behandlung im eigenen Zuhause

Die Therapie findet in der gewohnten Umgebung statt. Patient*innen können in ihrem Alltag bleiben und müssen ihr soziales Umfeld nicht verlassen. Das kann Stress reduzieren und zur Stabilisierung beitragen.

Weniger erneute Krankenhausaufenthalte

Studien zeigen, dass Patient*innen nach einer Behandlung zu Hause teilweise seltener wieder stationär aufgenommen werden müssen.

Hohe Zufriedenheit mit der Behandlung

Viele Patient*innen und Angehörige berichten über positive Erfahrungen, etwa durch mehr Mitsprache bei Therapieentscheidungen und eine individuellere Betreuung.

Weniger Stigmatisierung

Da keine Aufnahme in eine psychiatrische Station nötig ist, empfinden viele Betroffene die Behandlung zu Hause als weniger belastend und stigmatisierend.

Einbindung von Familie und Alltag

Angehörige und alltägliche Situationen können direkt in die Therapie einbezogen werden. Dadurch lassen sich Strategien zur Krankheitsbewältigung oft leichter in den Alltag übertragen.

Das zeigte neben anderen Studien auch die vom Innovationsfonds geförderte AKtiV-Studie untersuchte StäB an mehreren Kliniken in Deutschland mit etwa 200 StäB-Patient*innen und 200 stationär behandelten Personen über ein Jahr, die vom Vivantes Chefarzt Prof. Dr. Andreas Bechdolf geleitet wurde. 

Studie bei Ideenwettbewerb ausgezeichnet

Die AKtiV-Studie hat das Ziel zu untersuchen, wie wirksam die stationsäquivalente Behandlung (StäB) in der Psychiatrie ist. AKtiV steht dabei für „Aufsuchende Krisenbehandlung mit teambasierter und integrierter Versorgung“. Die Multicenter-Studie wird in mehreren klinischen Zentren von unterschiedlichen Untersucher*innen durchgeführt. Dafür hat das Team beim Ideenwettbewerb „Vivantes ausgezeichnet“ den ersten Platz in der Kategorie „Forschung und Lehre“ für 2024 gewonnen.

Zentrale Ergebnisse

  • 18 % weniger stationäre Wiederaufnahmen bei StäB
  • höhere Behandlungszufriedenheit bei Patient*innen und Angehörigen
  • keine schlechteren klinischen oder sozialen Ergebnisse
  • Kosten vergleichbar mit stationärer Behandlung

Projektseite: https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/aktiv-studie.335[RS1] 

Zu den Vivantes Psychiatrien, die STäB / Home Treatment anbieten, geht es hier: 

Vivantes Klinikum Neukölln

Vivantes Klinikum Am Urban (Kreuzberg und Friedrichshain)

Vivantes Wenckebach Klinikum (Tempelhof)

Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum (Schöneberg)

Vivantes Klinikum Kaulsdorf

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