Arthroskopie am Ellenbogen: Ablauf, Erkrankungen, Risiken und Nachbehandlung im Überblick

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Die Ellenbogenarthroskopie ist ein minimalinvasives Verfahren, das eine präzise Diagnose und gezielte Behandlung ermöglicht. In diesem Interview erklärt Frau Dr. Kathi Thiele, welche Erkrankungen sie behandelt, welche Risiken bestehen und warum die Nachbehandlung entscheidend ist.

Interview mit Ellenbogenchirurgin Dr. Kathi Thiele

Der Ellenbogen ist ein komplexes Gelenk, das durch seine kleine Größe, die enge Führung durch Knochen und Bänder sowie die Nähe wichtiger Nerven besonders anspruchsvoll zu operieren ist. Arthroskopische Eingriffe ermöglichen es, das Gelenk minimalinvasiv zu untersuchen und zu behandeln, wodurch die Weichteile geschont werden. In unserem Gespräch gibt Frau Dr. Kathi Thiele, Leitende Oberärztin für Ellenbogenchirurgie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin Schöneberg, einen Einblick in den Ablauf, die typischen Erkrankungen und die Vorteile der Arthroskopie. Sie erklärt außerdem, wann Patient*innen ärztliche Hilfe suchen sollten und warum die Nachbehandlung nach einer Arthroskopie entscheidend für den Therapieerfolg ist. 

Ellenbogenarthroskopie erklärt: Ablauf, Besonderheiten und Risiken

Frau Dr. Thiele, Sie sind Ellenbogenchirurgin. Was versteht man unter einer Arthroskopie allgemein und wie läuft eine minimalinvasive Ellenbogenoperation ab?

Die Arthroskopie ist im Prinzip eine Spiegelung eines Gelenkes. Das kann die Schulter, das Knie oder auch das Ellenbogengelenk sein. Der große Vorteil ist, dass wir über ganz kleine Schnitte mit einer Kamera in das Gelenk hineinschauen. So können wir das Gelenk sehr gut visualisieren – oft viel besser, als es über einen großen Hautschnitt möglich wäre. Über kleine weitere Schnitte können wir Arbeitsgeräte einführen, Weichteile schonen und direkt am Ort des Geschehens eingreifen. Gerade für gelenknahe Verletzungen hat sich das Verfahren sehr bewährt, sowohl für große als auch zunehmend für kleine Gelenke.
Alle Gelenke sind anspruchsvoll, aber der Ellenbogen ist besonders klein und wird straff von Knochen und Bändern geführt. Außerdem liegen Nerven sehr nah an der Gelenkkapsel: hinten der Nervus ulnaris, vorne zwei Nerven, die die Handbewegung steuern. Die Ellbogenarthroskopie ermöglicht trotzdem eine sehr gute Visualisierung aller Gelenkkompartimente mit minimalem Weichteiltrauma. Offene Zugänge wären deutlich invasiver und könnten Sekundärprobleme erzeugen.
 

„Es ist entscheidend, die Physiotherapie gleich nach dem Eingriff zu starten, um eine bestmögliche Beweglichkeit wiederherzustellen.“
Zitat von: Dr. Kathi ThielePosition: Leitende Oberärztin für Ellenbogenchirurgie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum

Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es bei einer Ellenbogenarthroskopie und warum ist die postoperative Nachbehandlung so wichtig?

Die Operation ist trotz kleiner Schnitte eine vollwertige Operation. Je nach Gelenk kann sie in Regionalanästhesie oder Vollnarkose durchgeführt werden. Von außen sieht man nur kleine Schnitte, aber im Gelenk wird umfangreich gearbeitet, ohne die Weichteile zu verletzen. Die Nachbehandlung ähnelt daher der bei offenen Operationen, nur die Rehabilitation kann manchmal etwas schneller verlaufen. Minimalinvasiv bedeutet also nicht, dass im Gelenk klein gearbeitet wird, sondern nur, dass der Zugang sehr klein ist.
Generelle chirurgische Risiken gelten wie bei jeder Operation: Thrombose, Embolie, Nerven- oder Gefäßverletzungen, Blutung, Nachblutung, Infektion. Das Infektionsrisiko ist durch die kleinen Zugänge etwas geringer, bleibt aber vorhanden. Speziell am Ellenbogen ist die Nähe von Nerven, besonders des Nervus radialis, kritisch. Eine weitere Besonderheit ist die mögliche postoperative Steife: Der Ellenbogen kann nach der Operation mit Bewegungseinschränkungen reagieren. Das ist sogar recht häufig der Fall. Deshalb ist es entscheidend, die Physiotherapie gleich nach dem Eingriff zu starten, um eine bestmögliche Beweglichkeit wiederherzustellen.

Minimalinvasiv behandeln: Freie Gelenkkörper, Ellenbogensteife, Knorpelschäden und mehr

Welche Erkrankungen des Ellenbogens können Sie arthroskopisch gut behandeln?

Häufige arthroskopische Eingriffe am Ellenbogen sind:

  • Entfernung freier Gelenkkörper
  • Behandlung von Knorpelschäden
  • Ellenbogensteife
  • Arthrose
  • Tennisellenbogen
  • Aseptische Knochennekrosen / Osteochondrosis dissecans (OD)

Freie Gelenkkörper 

treten häufig auf, wenn kleine Knorpel- oder Knochenfragmente im Gelenk mobil sind. Meine Patient*innen berichten oft, dass der Arm plötzlich blockiert ist und sich nicht bewegen lässt. Manchmal löst sich die Blockade nach kurzem Schütteln wieder. Längere Blockaden führen zu Gelenkflüssigkeit und Schmerzen. In manchen Fällen gibt es nur ein bis zwei freie Körper, in anderen Patienten hunderte kleine Fragmente – das nennt man synoviale Chondromatose. Arthroskopisch lassen sich diese Fragmente sehr elegant entfernen.

Knorpelschäden im Ellenbogen 

führen nicht immer zu Schmerzen wie in lasttragenden Gelenken, da das Gelenk nicht voll belastet wird. Arthroskopisch können wir kleine Löcher in den Knochen setzen, um die Blutung zu stimulieren, oder regenerative Knorpelverfahren anwenden. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern.

Ellenbogensteife

äußert sich durch eingeschränkte Beugung oder Streckung. Patienten können beispielsweise die Hand nicht zum Mund führen, was die Selbstversorgung erschwert. Arthroskopisch lassen sich Kapselanteile oder überschüssiger Knochen minimalinvasiv entfernen, sodass die Beweglichkeit wiederhergestellt werden kann, ohne umliegende Strukturen zu schädigen.

Arthrose und degenerative Veränderungen 

behandeln wir arthroskopisch, indem wir freie Knorpelfragmente oder knöcherne Anbauten entfernen. Das reduziert Schmerzen und verbessert den Bewegungsumfang. Eine Ellenbogen-Endoprothese kommt nur in fortgeschrittenen Fällen infrage, z. B. bei rheumatisch zerstörtem Gelenk, wobei die Indikation besonders bei jüngeren Patient*innen eingeschränkt ist.

Tennisellenbogen 

betrifft chronische Mikroläsionen im Sehnenansatzbereich der Handgelenksstrecker, welche am Ellenbogengelenk inserieren. Arthroskopisch können wir den Sehnenansatz anfrischen und lokale Begleitverletzungen (z.B. Plica) minimalinvasiv mitbehandeln. 

Osteochondrosis dissecans (OD) 

tritt häufig bei jungen Sportlerinnen auf – wie etwa Mountainbiker, Turner oder generell Überkopfsportler. An einer Knochenstelle ist die Durchblutung vermindert, und Teile können sich ablösen, was freie Gelenkkörper, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verursacht. Viele Patientinnen sind sehr verunsichert, wenn dieser Begriff im MRT-Befund auftaucht, da er zunächst bedrohlich klingt und „OD“ oft bei einer Onlinerecherche unter „Krebs“ auftaucht, was jedoch hiermit nichts zu tun hat. Arthroskopisch können wir das Knochenbett anfrischen, ggf. bei Notwendigkeit den freien Gelenkkörper entfernen und die Funktion wiederherstellen.
 

Wann ärztliche Hilfe suchen bei Ellenbogenschmerzen

Welche Ursachen führen am häufigsten zu Ellenbogenschmerzen, die eine Arthroskopie notwendig machen?

Man kann grob drei Hauptgruppen unterscheiden:

Akute Verletzungen 

Dazu gehören frische Frakturen des Ellenbogens, Ellenbogenluxationen sowie Sehnenrupturen, etwa der Bizeps- oder Trizepssehne. Hier gilt: Je früher wir diese Verletzungen behandeln, desto besser sind die Ergebnisse. Bei frischen Luxationen zerreißen in der Regel die Innen- und Außenbänder, oft kommen sogar kombinierte Frakturen dazu. Arthroskopisch wird hier meist nur in ausgewählten Fällen operiert, viele Eingriffe erfolgen offen.

Posttraumatische Zustände 

Diese entstehen nach vorangegangenen Verletzungen oder operativen Eingriffen. Dazu zählen Fehlstellungen nach Frakturen, Knorpelschäden, die sich im Heilungsverlauf entwickeln, oder Implantatversagen – also Schrauben und Platten, die nicht mehr richtig halten oder Schmerzen verursachen. Auch Komplikationen wie Nervenschäden, häufig des Nervus ulnaris, können auftreten. Arthroskopie ermöglicht hier eine gezielte Behandlung, etwa die Entfernung freier Knorpelfragmente oder die Lösung von Verwachsungen.

Degenerative Erkrankungen 

Dazu zählen primäre und sekundäre Arthrosen, die zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen bei ausgeprägten Knorpelschäden führen können. Arthroskopisch lassen sich die betroffenen Bereiche minimalinvasiv behandeln, Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern, indem freie Knorpelfragmente entfernt werden bzw. überschüssiger Knochen abgetragen wird.

Anhaltende Schmerzen, Blockaden oder eingeschränkte Beweglichkeit des Ellenbogens

Wann sollten Patient*innen mit Ellenbogenschmerzen zum Arzt oder in die Klinik gehen?

Generell gilt: Wenn Patient*innen über anhaltende Schmerzen, Blockaden oder eingeschränkte Beweglichkeit klagen, lohnt sich eine Abklärung, um zu prüfen, ob eine Arthroskopie oder ein anderes Verfahren sinnvoll ist. Der eigene Leidensdruck und die Einschränkung im Alltag sind oft die entscheidenden Kriterien, wann wir tätig werden. Bei frischen Unfallereignissen mit Verdacht auf Fraktur oder Luxation sollte die Klinik zeitnah aufgesucht werden – optimal innerhalb von 14 Tagen. Akute Sehnenrupturen ebenfalls. Chronische Beschwerden wie Steifen, Blockierungen oder implantatassoziierte Schmerzen können auch elektiv untersucht werden, je nach individuellem Leidensdruck.
Meine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Behandlung der Ellenbogenluxationen, Knorpelschäden bei jungen Patient*innen und sekundären Arthrosen. Diese Forschung fließt direkt in die Therapie ein: Wir entwickeln standardisierte Behandlungsalgorithmen, verbessern operative Techniken und erzielen dadurch bessere Ergebnisse für Patient*innen.

Bei welchen Arthrosen ist die Ellenbogenarthroskopie sinnvoll, wann ist ein offenes Verfahren oder eine Endoprothese erforderlich?

Arthroskopisch behandeln wir in der Regel leichte bis moderate Arthrosen oder knöcherne Anbauten, die Schmerzen verursachen und die Beweglichkeit einschränken. Das Verfahren ermöglicht uns, gezielt freie Knorpelfragmente oder überschüssige Knochen minimalinvasiv zu entfernen, ohne die umliegenden Strukturen zu schädigen.
Bei schweren Arthrosen, ausgeprägten Fehlstellungen oder komplexen posttraumatischen Zuständen kommt oft nur ein offenes Verfahren infrage. Hier müssen wir die Strukturen umfassender darstellen, um die Gelenkfunktion wiederherzustellen.
Endoprothesen spielen beim Ellenbogen eine eher seltene Rolle, da die Indikationsgrenzen enger sind als bei Schulter-, Hüft- oder Kniegelenk. Das Alter des Patienten ist entscheidend: Je jünger die Person, desto höher ist das Risiko, dass sich die Prothese im Laufe der Jahre lockert oder ersetzt werden muss. Für ältere Patient*innen mit rheumatisch zerstörten Gelenken oder schwerer Arthrose kann eine Endoprothese jedoch ein echter Gewinn sein: Sie lindert die Schmerzen und stellt die Beweglichkeit wieder her. Bei jüngeren Patient*innen setzen wir deshalb eher auf arthroskopische oder offene Rekonstruktionen, solange dies sinnvoll möglich ist.

 

Fotos: Header - jacob bentzinger auf unsplash; karola g Karolina Grabowska auf pexels

Die Klinik für Schulterchirurgie am Auguste-Viktoria-Klinikum bietet individuell angepasste Therapieverfahren auf modernstem Niveau rund um Ihre Schultern und Ellenbogen.  

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Kontaktperson: Dr. med. Kathi Thiele

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