Morbus Crohn ist mehr als eine Darmerkrankung

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Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Die Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV) am Vivantes Humboldt-Klinikum bietet eine umfassende Diagnostik und ermöglicht eine individuell zugeschnittene, nachhaltige Behandlung.

Im Interview: Dr. Eirini Claas

Wie zeigen sich Symptome von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn?

Betroffene haben häufig anhaltende Bauchschmerzen und Durchfälle, die – anders als bei einem Magen-Darm-Infekt – nicht nur wenige Tage, sondern mehrere Wochen oder sogar Monate bestehen. Oft trifft die Erkrankung junge Menschen zwischen 15 und 40 Jahren ohne bekannte Vorerkrankungen, sodass die Beschwerden zunächst schwer einzuordnen sind. Im weiteren Verlauf können Blutarmut und Mangelerscheinungen auftreten. Auch Blut im Stuhl, Eiter oder Fistelbildungen sind möglich. Beide Erkrankungen beschränken sich nicht nur auf den Magen-Darm-Trakt sondern werden als systemische Erkrankungen gesehen, die den gesamten Körper betreffen können.

Was bedeutet das?

Bei rund 30 Prozent der Betroffenen treten zusätzlich zu den Beschwerden im Magen-Darm-Trakt auch Entzündungen in anderen Körperregionen auf. Dazu gehören Augenentzündungen, Erkrankungen der Leber, Hautveränderungen wie schmerzhafte Knötchen sowie Gelenkschmerzen oder -schwellungen. Der Zusammenhang mit einer vorliegenden Darmerkrankung ist für Patient*innen nicht immer offensichtlich und erfordert eine sorgfältige Einschätzung durch erfahrene Internist*innen oder Hausärzt*innen. Nach einer Bestätigung der Diagnose eines Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa/indeterminata erfolgt die Überweisung an unsere Klinik.

Wie läuft die Diagnostik in der Klinik für Gastroenterologie?

Die Unterscheidung der drei häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist oft komplex und zeitaufwendig. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und Colitis indeterminata unterscheiden sich zwar in ihrem Erscheinungsbild, verursachen jedoch ähnliche Beschwerden. Während die Colitis ulcerosa ausschließlich den Dickdarm betrifft, kann Morbus Crohn den gesamten Magen-Darm-Trakt befallen und alle Wandschichten erfassen, wobei die Entzündung meist abschnittsweise auftritt. Die eindeutige Zuordnung erfolgt durch die Erfahrung spezialisierter Mediziner*innen sowie durch eine Kombination aus endoskopischen Untersuchungen, Stuhl- und Gewebeanalysen, Ultraschall, MRT und mikroskopischen Verfahren.

Wie sieht die Behandlung aus?

Da es sich um chronische Erkrankungen handelt, werden unsere Patient*innen langfristig durch unser Team ambulant betreut. Dadurch können wir den Behandlungserfolg kontrollieren und die Therapie flexibel an den Krankheitsverlauf anpassen. Aufgrund des systemischen Charakters der Erkrankung erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit weiteren Fachdisziplinen, darunter die Chirurgie, Rheumatologie, Dermatologie und Augenheilkunde.

„Wir finden heraus, wie wir das fehlgesteuerte Immunsystem am besten modulieren“
Zitat von: Dr. Eirini ClaasPosition: Oberärztin der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Humboldt-Klinikum

Bei Kindern wird die Behandlung häufig zunächst über eine gezielte Ernährungstherapie gesteuert. Bei erwachsenen Patient*innen hat sich gezeigt, dass eine Ernährungsumstellung allein in der Regel nicht ausreicht und nicht zum vollständigen Abklingen der Entzündung führt. Unser Ziel ist, dass die Erkrankung dauerhaft „ruht“ und keine Beschwerden macht, das nennt sich Remission. Dafür werden Medikamente eingesetzt, die gezielt in das fehlgesteuerte Immunsystem eingreifen. Akute Entzündungsschübe werden initial zur sogenannten Remissionseinleitung oft zunächst mit Kortison behandelt. Ziel ist es jedoch, die Erkrankung langfristig zu beruhigen und eine dauerhafte Kontrolle ohne Kortison zu erreichen. So können für die Erhaltung der Remission auch eine Antikörpertherapie per Infusion oder andere Medikamente in Tablettenform zum Einsatz kommen. Die Medikamente sollen die Immunreaktion individuell regulieren und die molekularen Botenstoffe der Entzündungskaskade hemmen.

Welche Auswirkungen hat Morbus Crohn auf Alltag, Ausbildung und Berufsleben der Betroffenen?

Der Leidensdruck für die Betroffenen ist enorm. Die Lebensqualität ist stark beeinträchtigt, da der Krankheitsverlauf oft unvorhersehbar ist und den Alltag dominiert – bis hin dazu, dass viele kaum noch das Haus verlassen oder Reisen planen möchten. Weil die Erkrankung häufig junge Menschen betrifft, kann sie Ausbildung, Studium, Berufseinstieg und die Familienplanung negativ beeinflussen.

Welche Ursachen können zu Morbus Crohn führen?

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind vor allem in modernen Industrienationen verbreitet und treten häufiger in nördlichen Regionen auf. Als Autoimmunerkrankung reagiert das Immunsystem fehlgeleitet nachdem es Teile des eigenen Körpers angreift. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich gibt es nicht den einen Auslöser sondern es spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Umwelt, genetische Veranlagung, Rauchen, Übergewicht und die Zusammensetzung der Darmflora, also die Vielfalt der Bakterien im Darm.

Voraussetzungen einer Behandlung in der ASV

- gesicherte Diagnose eines Morbus Crohn, einer Colitis ulcerosa oder Colitis indeterminata (aus der Klinik oder durch Fachärzt*in)
- gesetzliche Krankenversicherung und Überweisung mit ICD Code und Kreuz auf §116b durch Fachärzt*in

Privatversicherte mit CED können auch in der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie behandelt werden, jedoch nicht im Rahmen des ASV Verfahrens.

Welche Vorteile bietet die ASV-Behandlung gegenüber einer niedergelassenen Praxis?

Die Behandlung in der Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) erfolgt zwar ambulant, profitiert jedoch von der engen interdisziplinären Vernetzung und der engen Zusammenarbeit der Einrichtungen innerhalb der Klinik. Dadurch kann ein ganzheitlicher, leitliniengerechter Behandlungsprozess gewährleistet werden – besonders bei schweren oder komplizierten Krankheitsverläufen. Aber auch niedergelassene Praxen gehören zum ASV-Team. Das ist also kein Gegensatz, sondern eher ein ergänzendes Angebot. Die diagnostischen Möglichkeiten sind umfassender, und bestimmte Medikamente oder Rezepte können nur in der Klinik verordnet werden. Sollte eine Operation erforderlich sein, ermöglicht die Anbindung an die Klinik einen nahtlosen stationären Aufenthalt.

Kontakt

Bei allgemeinen Fragen und für die stationäre Aufnahme erreichen Sie uns am besten über eine E-Mail . Wir melden uns dann schnellst möglich zurück.

0170 576 8895 Fachberatung 

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