Brustrekonstruktion nach Mastektomie: Implantat oder Eigengewebstransplantation?

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Nach einer Mastektomie stehen viele Frauen vor der Frage: Welche Möglichkeiten der Brustrekonstruktion gibt es?

Interview mit Chefarzt PD Dr. Jochen-Frederick Hernekamp

PD Dr. Jochen-Frederick Hernekamp, Chefarzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie im Vivantes Klinikum im Friedrichshain, erklärt, wie moderne Verfahren wie der Eigengewebeaufbau funktionieren und was Patientinnen wissen sollten, wenn Sie eine Mastektomie hinter sich haben - oder sich schon davor informieren möchten.

Patientinnen, die im Vivantes Brustzentrum behandelt werden, werden bei Bedarf an die Klinik empfohlen, um eine individuelle Brustrekonstruktion zu planen. Chefarzt Hernekamp, verfügt über langjährige Erfahrung in der Mikrochirurgie und Eigengewebe-Rekonstruktionen. Er klärt Patientinnen umfassend über ihre Möglichkeiten nach einer Brustentfernung auf – vom Implantataufbau bis zur mikrochirurgischen Eigengewebstransplantation. In diesem Interview beantwortet er die häufigsten Fragen rund um Brustrekonstruktionen nach einer Mastektomie und erklärt, worauf Patientinnen achten sollten.

Herr PD Dr. Hernekamp, wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Brustrekonstruktion nach einer Mastektomie?

PD Dr. Jochen-Frederick Hernekamp: In den meisten Fällen erfolgt die Brustrekonstruktion zweizeitig. Zunächst wird die onkologische Therapie im Vivantes Brustzentrum abgeschlossen, das heißt Tumorentfernung, Chemotherapie und gegebenenfalls Bestrahlung. Erst danach erfolgt, meist nach etwa drei bis sechs Monaten, die Rekonstruktion in der Klinik für Plastische Chirurgie.
Der Vorteil des zweizeitigen Vorgehens ist, dass Patientinnen zunächst die Behandlung ihrer Krebserkrankung sicher abschließen können, ohne dass die Rekonstruktion das Risiko für Komplikationen erhöht. Gleichzeitig ermöglicht es eine präzise Planung des Wiederaufbaus – wir können genau sehen, wie viel Haut und Gewebe vorhanden sind und welche Technik am besten geeignet ist.
Darüber hinaus klären wir die Patientinnen frühzeitig über alle Möglichkeiten auf: Implantat, Eigengewebe oder Kombinationstechniken. So können sie sich mental vorbereiten und entscheiden, welche Option langfristig am besten zu ihrem Lebensstil, Alter und ihren körperlichen Voraussetzungen passt. Für Patientinnen mit familiärem Risiko oder genetischer Mutation (BRCA1/2) spielt dieser Zeitpunkt ebenfalls eine Rolle, da wir prophylaktische Eingriffe oder Anpassungen der verbliebenen Brust berücksichtigen müssen.

Welche Möglichkeiten der Brustrekonstruktion nach einer Mastektomie gibt es?

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen Implantataufbau und Eigengewebe-Rekonstruktion.

  • Implantataufbau

    Diese Methode ist weniger aufwendig und kann relativ schnell erfolgen. Sie wird häufig als Sofortrekonstruktion nach Tumorentfernung eingesetzt, insbesondere wenn keine Bestrahlung erforderlich ist. Allerdings birgt sie ein höheres Risiko für Komplikationen, wenn das Gewebe bestrahlt wurde, etwa Kapselfibrosen oder Implantatverschiebungen. Und: Implantate könnten in einigen Jahren gewechselt werden müssen, was langfristig zu weiteren Eingriffen führen kann.

  • Rekonstruktion mit Eigengewebe 

    Hierbei verwenden wir Gewebe von anderen Körperstellen, meist vom Bauch, aber auch vom Rücken oder Gesäß, um die Brust zu rekonstruieren. Diese Methode ist aufwendiger, bietet aber die besten langfristigen Ergebnisse. Sie fühlt sich natürlicher an, passt sich Gewichtsschwankungen an und erfordert meist keine weiteren Operationen in späteren Jahren. Besonders bei bestrahltem Brustgewebe ist das Eigengewebe oft die bessere Wahl.
    Darüber hinaus können wir Korrekturen mit Eigenfett durchführen, um kleine Dellen oder Unregelmäßigkeiten auszugleichen. Obwohl manche Frauen danach fragen, aber das ist medizinisch nicht möglich. Diese Methode eignet sich nicht für eine komplette Brustrekonstruktion, sondern nur für Feinjustierungen. 
    Mikrochirurgische Eingriffe: Eigengewebe statt Implantat

Was versteht man unter einem mikrochirurgischen Eingriff bei der Brustrekonstruktion?

Ein mikrochirurgischer Eingriff bedeutet, dass wir Gewebe von einer anderen Körperstelle – meist Bauch, seltener vom Rücken oder Gesäß – transplantieren, und zwar inklusive der Blutgefäße, um die Brust zu rekonstruieren. Unter einem Operationsmikroskop werden die Arterien und Venen des Gewebeblocks mit den Empfängergefäßen an der Brust verbunden, sodass das Gewebe sofort wieder durchblutet wird. Das Besondere an dieser Methode ist, dass das transplantierte Gewebe „lebt“ – es integriert sich in den Körper, wächst mit und fühlt sich natürlich an. Patientinnen verlieren dabei übrigens heutzutage nicht einen Bauchmuskel wie in älteren Verfahren; wir arbeiten muskelschonend, sodass die Entnahmestelle minimal belastet wird und die Bauchwand funktionell erhalten bleibt.
Ein weiterer Vorteil: Der Eingriff ist besonders geeignet für Patientinnen, die bestrahlt wurden, oder für diejenigen, bei denen ein Implantat nicht infrage kommt. Auch junge Patientinnen profitieren, weil die Rekonstruktion langfristig stabil ist und keine regelmäßigen Implantatwechsel notwendig sind.

Ist diese Methode für alle Patientinnen geeignet, auch für sehr schlanke Frauen?

Grundsätzlich ja, aber es kommt auf die individuelle Körperstatur und Brustgröße an. Bei sehr schlanken Patientinnen prüfen wir, ob ausreichend Spendergewebe vorhanden ist. Wenn nicht, können wir alternative Spenderareale nutzen oder kombinierte Techniken einsetzen.
Ein weiterer Aspekt: Familiäre Risiken und genetische Mutationen können Einfluss auf die Planung haben. Patientinnen mit BRCA1/2-Mutation erhalten besondere Beratung, da teilweise prophylaktische Eingriffe nötig sind. Unsere Aufgabe ist es, frühzeitig zu erkennen, welche Patientinnen von Eigengewebe profitieren, damit sie nicht unnötige Umwege gehen oder die Möglichkeiten erst spät erfahren.
 

Eigengewebe vs. Implantat: Was Patientinnen wissen sollten

Welche Vorteile hat die Eigengewebe-Rekonstruktion gegenüber Implantaten?

Eigengewebe bietet mehrere Vorteile:

  • Langfristige Stabilität: Eigengewebe wächst mit dem Körper und passt sich natürlichen Veränderungen an. Implantate müssen eventuell in einigen Jahren gewechselt werden.
  • Bessere Verträglichkeit bei Bestrahlung: Bestrahltes Brustgewebe reagiert oft empfindlich auf Implantate und kann Kapselfibrosen verursachen. Eigengewebe reduziert dieses Risiko erheblich.
  • Natürliches Aussehen und Gefühl: Das transplantierte Gewebe fühlt sich natürlicher an als ein Implantat. Patientinnen spüren die Brust als Teil ihres Körpers.
  • Routinemäßige Durchführung: In zertifizierten Zentren dauert der Eingriff in geübter Hand nur drei bis vier Stunden. Komplikationen wie Lappenverlust treten sehr selten auf (unter 2 %).

Können auch kleine Korrekturen mit Eigenfett erfolgen?

Ja, Fetttransplantationen eignen sich hervorragend für kleine Korrekturen, zum Beispiel um Dellen oder unregelmäßige Konturen auszugleichen. Das Fett wird an anderen Körperstellen abgesaugt, aufbereitet und präzise in die Brust injiziert.

Wichtig: Eine komplette Brustrekonstruktion kann man damit nicht realisieren, da das transplantierte Fett auf einen gut durchbluteten Bereich angewiesen ist. Bei großen Hohlräumen, wie nach kompletter Brustentfernung, würde das Fett wahrscheinlich großteils absterben. Deshalb ist die Mikrogewebetechnik hier überlegen.

Enge Zusammenarbeit zwischen Vivantes Brustzentrum und Plastischer Chirurgie 

Was zeichnet die Kooperation des Vivantes Brustzentrum mit der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie aus?

Die enge Zusammenarbeit im Vivantes Netzwerk stellt sicher, dass Patientinnen frühzeitig informiert werden. Das Brustzentrum identifiziert Patientinnen, die eine Rekonstruktion benötigen, und wir in der Plastischen Chirurgie planen die Operation individuell.

Wir führen diese Eingriffe regelmäßig durch, also mehrfach pro Woche, sodass wir höchste Routine und Expertise garantieren. Patientinnen profitieren von kurzen Wegen, schneller Terminvergabe und einer optimalen Vorbereitung. Die Kombination aus Erfahrung, regelmäßiger Durchführung und enger Kooperation ist entscheidend für den langfristigen Erfolg und minimiert Komplikationen.

Zusätzlich legen wir großen Wert auf Nachsorge: Patientinnen erhalten angepasste Kompressionswäsche, physiotherapeutische Unterstützung für Bauch und Brust und regelmäßige Kontrollen, um den Heilungsverlauf optimal zu begleiten.

 

Fotos: cottonbro studio/pexels; Vivantes

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