
Organspende erklärt: Was im Krankenhaus wirklich passiert – und warum Angehörige so wichtig sind
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Was passiert bei einer Organspende? Was ist, wenn ich keinen Organspendeausweis habe? Vor welcher Entscheidung stehen die Angehörigen, wenn der Patientenwillen nicht bekannt ist?
Interview mit Intensivmedizinerin Dr. Kati Jordan
Die Transplantationsbeauftragte Dr. Kati Jordan ist Intensivmedizinerin und spricht über Herausforderungen, Mitgefühl und ihre Hoffnung auf mehr Spendenbereitschaft. Sie ist Leitende Oberärztin der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg und auch Gesamtkoordinatorin der Transplantationsbeauftragten bei Vivantes.
Was passiert eigentlich genau, wenn jemand zur Organspenderin oder zum Organspender wird?
Dr. Kati Jordan: Nur, wenn die Patientin oder der Patient im Voraus schriftlich zugestimmt hat oder die Angehörigen einverstanden sind, wenn ein vollständiger, irreversibler Ausfall der gesamten Hirnfunktion vorliegt und keine medizinischen Ausschlussgründe bestehen, kann überhaupt eine Organspende erfolgen. Dann wird die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) informiert, die gemeinsam mit der Klinik die nächsten Schritte koordiniert. Die Organe werden in einem spezialisierten Transplantationszentrum transplantiert – nur in Ausnahmefällen im Entnahmekrankenhaus selbst.

Wie läuft die Hirntoddiagnostik ab – und warum ist sie so entscheidend für die Organspende?
Die Organspende ist in Deutschland nur nach Feststellung des Hirntods möglich – also nach einem vollständigen, nicht umkehrbaren Ausfall aller Hirnfunktionen. Erst nach dieser klar definierten Diagnose kann eine Spende medizinisch und rechtlich erfolgen. Die Diagnose wird durch mehrere spezialisierte Fachärzt*innen anhand sehr definierter medizinischer Kriterien nach dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft festgestellt und gründlich dokumentiert.
Welche Rolle spielt die Angehörigen bei der Organspende?
Als Intensivmediziner*innen sind wir erfahren in den wirklich schwierigen Gesprächen mit den Angehörigen in deren Extremsituation als Zugehörige von schwersterkrankten oder sterbenden Patientinnen und Patienten. Wenn das Thema Organspende zur Sprache kommt, braucht es vor allem Zeit und Ruhe aber auch Respekt vor anderen Sichtweisen und Einfühlungsvermögen.
Was bedeutet es, Transplantationsbeauftragte zu sein – und was genau ist Ihre Aufgabe?
An jedem Krankenhausstandort von Vivantes gibt es mindestens eine Transplantationsbeauftragte oder Transplantationsbeauftragten. Wir begleiten vor Ort den gesamten Prozess, sorgen dafür, dass alle notwendigen Strukturen vorhanden und Prozesse bekannt sind und jeder Beteiligte seine Aufgaben kennt und korrekt wahrnimmt. Wir arbeiten eng mit der DSO zusammen und stehen Angehörigen in dieser emotional belastenden Situation zur Seite – oft auch noch länger über den Spendeprozess hinaus.
Wie wichtig ist der Organspendeausweis wirklich – und was, wenn ich keinen habe?
Ein ausgefüllter Organspendeausweis ist enorm wichtig. Natürlich gibt es aber auch andere Möglichkeiten, seinen Willen diesbezüglich zu bekunden, z.B. durch einen Eintrag im Organspenderegister oder durch eine Patientenverfügung. Wenn nichts dokumentiert ist, müssen sich die Angehörigen sehr plötzlich mit dieser Frage auseinandersetzen – oft sind sie damit emotional überfordert, insbesondere weil sie für einen anderen Menschen entscheiden müssen. In so einer Situation sind wir als Transplantationsbeauftragte für sie da und führen Gespräche mit ihnen und klären auf. Es geht dabei meistens vor allem darum herauszufinden, was der erkrankte oder verstorbene Mensch selbst wohl gewollt hätte – das ist in der Regel nicht leicht, insbesondere dann, wenn nie über das Thema Organspende oder Tod gesprochen haben.
Wie wird entschieden, ob jemand Organe spenden kann oder nicht? Gibt es eine Altersgrenze für Organspenden?
Grundsätzlich kommt fast jede Person als Spenderin oder Spender in Frage. Es gibt nur wenige Ausschlussgründe wie manche Tumorerkrankungen oder seltene schwere Infektionserkrankungen. Wenn allerdings vorher keine Entscheidung dokumentiert wurde, müssen die Angehörigen im Sinne der verstorbenen Person entscheiden – in einer oft sehr belastenden Ausnahmesituation.
In Deutschland gibt es keine Altersgrenze für Organspenden – auch Menschen über 80 Jahre können noch lebenswichtige Organe spenden, oft weisen die Organe auch im hohen Lebensalter noch eine gute Funktion auf. Die bzw. der älteste Spender*in im Jahre 2025 war 91 Jahre alt, dies stellt keine Rarität dar.
Noch in den 1990er Jahren lag die Altersgrenze bei rund 65 Jahren, aber wegen des anhaltenden Organmangels hat man die Kriterien überdacht und gelockert. Auch die Lebensqualität in Europa und damit auch die Gesundheit und damit die Lebenserwartung haben sich in den letzten Jahrzehnten sukzessive gesteigert. Heute entscheidet man individuell und medizinisch, ob ein Organ geeignet ist – unabhängig vom Alter. Organe wie das Herz kommen im hohen Alter zwar seltener infrage, doch gerade Nieren bleiben oft bis ins hohe Alter leistungsfähig.
Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) ist das durchschnittliche Alter der Organspender*innen in den letzten 15 Jahren von etwa 55 auf 61 Jahre gestiegen. 36 % der Spenderinnen und Spender waren im Jahr 2024 über 65 Jahre alt. Jede und jeder kann also potenziell Organspender*in sein – entscheidend ist der Zustand des Organs, nicht das Geburtsdatum.
Was passiert mit den Organen nach der Spende?
Nach der Entnahme werden die Organe an die passenden Empfänger*innen vermittelt – durch die Vermittlungsstelle Eurotransplant an die passenden Patient*innen gemäß der Reihenfolge der Wartelisten. Transplantiert wird nur in speziellen Transplantationszentren, nicht immer im Entnahmekrankenhaus – also z.B. nicht bei uns in Schöneberg.
Was sagen Sie Menschen, die bei Organspende noch unsicher sind?
Ich finde es wichtig, dass sich jeder damit auseinandersetzt. Für mich ist der Gedanke tröstlich: Wenn ich sterbe, könnten meine Organe vielleicht noch anderen das Leben retten. Ich trage selbst seit meiner Jugend einen Organspendeausweis. Ich kann ja nichts mehr damit anfangen, wenn ich tot bin. Don’t take your organs to heaven – heaven knows we need them here.
Welche Missverständnisse zur Organspende begegnen Ihnen immer wieder?
Missverständnisse entstehen ja häufig durch Unsicherheit oder fehlende Aufklärung. Viele Menschen haben Ängste – etwa, dass nicht alles versucht wird, sie zu retten. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Klar ist: Nur nach festgestelltem Hirntod, der nur in sehr seltenen Situationen überhaupt auftritt und mit Zustimmung kann eine Organspende in Deutschland stattfinden – und das wird durch mehrere unabhängige und speziell ausgebildete Ärzt*innen streng geprüft.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Organspende in Deutschland?
Ich wünsche mir einen kulturellen Wandel. In Ländern wie Großbritannien oder Spanien werden Spender*innen als Helden gefeiert – bei uns wird das Thema nahezu versteckt. Wir müssen offen und stolz über das Thema Organspende sprechen, damit es Teil unseres Verständnisses von Mitmenschlichkeit wird.
Das Organspenderegister gibt es seit März 2024 und es ist ein guter Schritt – leider haben sich bisher offenbar sehr wenige eingetragen. Ein wichtiger Schritt wäre für mich die Einführung der Widerspruchslösung. Das bedeutet: Jeder Mensch gilt grundsätzlich als Organspender*in – es sei denn, er oder sie hat ausdrücklich widersprochen. So eine Regelung würde es uns im Klinikalltag deutlich erleichtern, mehr Leben zu retten – und sie würde vor allem Angehörige in Extremsitautionen entlasten, die aktuell oft allein dann eine Entscheidung treffen müssen.
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In Deutschland warten laut Deutsche Stiftung Organtransplantation derzeit rund 8.200 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan – viele davon dringend. Im Jahr 2025 haben 985 Verstorbene ihre Organe gespendet. Insgesamt konnten dabei 3.020 Organe entnommen und transplantiert werden.
Das bedeutet: Im Schnitt spendete jede Person etwa drei Organe. Trotz eines leichten Anstiegs erreichte die Organspende damit zwar den höchsten Stand seit 2012, der Bedarf übersteigt das Angebot jedoch weiterhin deutlich: Viel mehr Menschen warten auf lebensrettende Organe als es gespendete Organe gibt.
Besorgniserregend bleibt die Entwicklung in der Region Nordost (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern): Nachdem die Zahl der postmortalen Organspender*innen bereits 2024 von 107 auf 76 gesunken war, setzte sich der Rückgang 2025 fort. Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden 2025 in der Region nur noch 135 Organe gespendet – deutlich weniger zuvor.
Besonders stark betroffen ist Berlin, wo sich die Zahl der gespendeten Organe innerhalb weniger Jahre nahezu halbiert hat.
Seit 2024 gibt es in Deutschland ein offizielles Organspenderegister, in dem man seine Entscheidung digital dokumentieren kann. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) besitzen aber etwa 44 % der Deutschen einen Organspendeausweis.
Auf dem Organspendeausweis genau wie im Organspenderegister kann sowohl die Zustimmung zur Organspende wie aber auch die Ablehnung einer Organspende hinterlegt werden.