Kommunikation in der Onkologie: „Ich behandle keinen Tumor, sondern einen Menschen“

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Wie sollen Ärzt*innen Patientinnen und Patienten die Wahrheit sagen? Sie lernen dies bereits im Studium. Doch schlechte Nachrichten überbringen ist nie eine leichte Aufgabe und wird nie Routine, denn jeder Mensch reagiert anders darauf. Das weiß auch eine Chefärztin wie Maike de Wit.

Im Interview: Prof. Dr. Maike de Wit

Prof. Dr. Maike de Wit ist seit vielen Jahren Chefärztin der Onkologie am Vivantes Klinikum Neukölln. Bei ihrer Arbeit verbindet sie medizinische Expertise mit einem hohen Maß an Empathie – besonders in Situationen, in denen sie schwere Diagnosen übermitteln muss.

Wir sprechen oft von individualisierter Medizin. Was bedeutet das für Sie?

Jede Therapie sollte individuell auf die Patientinnen und Patienten abgestimmt sein. Aber nicht nur die Therapie muss passen, sondern auch die Ärztin oder der Arzt. Ich behandle keinen Tumor, sondern einen Menschen.

Was heißt das konkret?

Gerade in der Onkologie geht es um eine langfristige Beziehung. Da muss die Chemie stimmen und Vertrauen da sein. Patienten in Not haben eine sehr genaue Wahrnehmung. Eine Patientin stellte einmal fest, dass ich eine schlechte Nachricht für sie haben würde, noch bevor ich etwas gesagt hatte.

Wie bereiten Sie solche Gespräche vor?

Ich versuche zuerst herauszufinden, was der Patient oder die Patientin bereits weiß und erwartet. Ich stelle Fragen, bevor ich rede. Ob jemand sagt „Ich habe etwas an der Lunge“ oder „mein kolorektales Karzinom hat Lungenmetastasen gebildet“, macht einen großen Unterschied für die Art der Ansprache.

Wollen Patient*innen die ganze Wahrheit überhaupt wissen?

Die meisten Menschen wollen wissen, wie es um sie steht – aber nicht alle. Deshalb frage ich immer vorher nach. Worte kann man nicht zurücknehmen. Schwierig wird es, wenn Angehörige meinen, man solle den Patienten „schonen“. Entscheidend ist aber, was der Patient selbst möchte. Gleichzeitig ist es wichtig, die Angehörigen einzubeziehen, denn auch ihr Leben ändert sich schlagartig.

Wie übermitteln Sie besonders schwere Nachrichten, etwa wenn es keine Heilung mehr gibt?

Das ist sehr individuell. Ich schaue mir an, wie die Situation medizinisch ist, welche Optionen es gibt – und vor allem, wer mir gegenübersitzt. Vieles erspüre ich schon vor dem Gespräch: Beim Händedruck, beim gemeinsamen Gang vom Wartezimmer, an der Art, wie jemand neben mir läuft. Manche gehen voraus, fast als wollten sie davonlaufen. Andere gehen langsam und vorsichtig.

Wie halten Sie die Balance zwischen Nähe und professioneller Distanz?

Ich halte es nicht für professionell, immer auf Distanz zu bleiben. Ich bin meinen Patientinnen und Patienten nah. Gleichzeitig muss ich loslassen können. Auf dem Heimweg gehe ich im Kopf noch einmal alle Zimmer und Patientinnen durch und frage mich, ob alles geregelt ist. Dann kann ich beruhigt nach Hause gehen. Trotzdem hat mich diese Arbeit verändert. Ich lebe bewusster, weil ich weiß, wie schnell sich alles ändern kann.
 

„Man muss einem Menschen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, so dass er hineinschlüpfen kann, statt ihm die Wahrheit wie einen nassen Lappen um die Ohren zu schlagen.“
Zitat von: Prof. Dr. Maike de Witt

Kann man empathische Kommunikation lernen?

Nicht jede Veranlagung lässt sich ändern, aber gute Kommunikation kann man sehr wohl lernen. Schon äußere Rahmenbedingungen sind wichtig: ein ungestörter Raum, kein klingelndes Telefon, eine klare Vorstellung zu Beginn. An der Universität arbeite ich viel mit Rollenspielen. Studierende erleben dabei sehr eindrücklich, wie Gespräche nach einer schlechten Nachricht oft nur noch als „Rauschen“ wahrgenommen werden.

Was sollten Ärztinnen und Ärzte auf keinen Fall sagen?

Sätze wie „Machen Sie sich keine Sorgen“ sind Unsinn. Natürlich macht man sich Sorgen. Ich sage dann: „Sie haben allen Grund, Angst zu haben oder traurig zu sein. Wann sonst, wenn nicht jetzt?“ Wenn ich es schaffe, dem Patienten zu vermitteln, dass ich in dieser Phase wirklich da bin, dann ist viel gewonnen.

Welche Rolle spielen Sprache und kulturelle Unterschiede?

Eine gemeinsame Sprache ist entscheidend für Vertrauen. Bei Verständigungsproblemen ziehen wir Dolmetscher hinzu, aber keine Angehörigen. Die Situation ist oft zu belastend oder zu persönlich, und nicht alles wird korrekt übersetzt.

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Porträt von Prof. Dr. Maike de Wit
Kontaktperson: Prof. Dr. Maike de Wit

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