
„DiGA“ gegen Angststörungen – wie eine App in der Psychiatrie Patient*innen hilft
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Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind medizinische Apps, die die Behandlung von Erkrankungen unterstützen. Im Department für Seelische Gesundheit im Vivantes Humboldt-Klinikum wird eine DiGa gegen Angsterkrankungen eingesetzt.
Im Interview: Dr. Yvonne Zeisig, Leitende Psychologin im Vivantes Department für Seelische Gesundheit am Humboldt-Klinikum
Seit wann verschreiben Sie die DiGA und wie sind Ihre Erfahrungen?
In der psychiatrischen Institutsambulanz haben wir während der Corona-Pandemie mit ausgewählten Patient*innen und DiGA zu Depressionen, Angsterkrankungen und Schmerzerkrankungen begonnen. Jetzt setzen wir die DiGA zu Angststörungen im Rahmen eines Pilotprojekts in der Tagesklinik ein. Interessanterweise haben gerade Betroffene in fortgeschrittenem Alter weniger Berührungsschwierigkeiten und sind dankbar über jede zusätzliche Behandlungsmöglichkeit.
Worin unterscheidet sie sich eine DiGA von klassischen Therapieangeboten?
Eine DiGA ist eine Anwendung, die wie ein Medikament per Rezept verordnet wird und auf einem mobilen Endgerät wie dem Handy oder Laptop genutzt werden kann. Im Unterschied zur klassischen Therapie, in der eine Psychotherapeutin in ein Einzelgespräch oder in einer Gruppentherapie mehrere Betroffene in den Austausch gehen und angeleitet werden, wird die App durch Patient*innen allein genutzt.
Braucht es denn keine Anleitung, um eine DiGA zu nutzen?
DiGAs sind in der Regel sehr benutzerfreundlich, intuitiv und ohne Vorkenntnisse nutzbar. Wer mit einem Mailpostfach zurechtkommt, kann auch eine DiGA im Browser oder als Handy-App bedienen. Aber natürlich werden die Patient*innen nicht allein gelassen.
Warum ist die klassische Therapie nicht ausreichend, wozu die DiGA?
Menschen, die bei uns in die Therapie kommen, bringen viele Themen mit, die in Zusammenhang mit der Angststörung stehen. In unseren Ambulanzen und Tageskliniken haben wir oftmals nicht die Ressourcen, um alle Lebensaspekte vollständig auszuleuchten und psychotherapeutisch zu behandeln, oder um Inhalte zu wiederholen. Besprechen wir beispielsweise den „Teufelskreis der Angst“ in der Therapie, kann er zuhause noch einmal im entsprechenden Modul der DiGA nachgelesen werden. Die DiGA umfasst viele störungsspezifische, aber auch grundlegende Informationen zu psychologischen Themen. Werden diese von der/m Patient*in genutzt, kann man in der Therapie zügiger voranschreiten und es entsteht mehr Raum für die Bearbeitung von anderen Themen wie z.B. Konflikten in der Partnerschaft oder bei der Arbeit, die häufig auch im Zusammenhang mit der Erkrankung stehen.
Einige DiGAs kombinieren Informationen mit interaktiven Modulen. Hier werden die Patient*innen direkt in der App von Psycholog*innen angesprochen, die nachfragen, die Motivation fördern und/ oder Begriffe erklären.
Welche therapeutischen Methoden kommen in der DiGA gegen Angststörungen zum Einsatz?
Die DiGA basiert auf Konzepten der Verhaltenstherapie. In den ersten Kapiteln werden grundlegende Fragen zu Angst behandelt, etwa zu ihrer Entstehung, Funktion, Wirkung und zu möglichen Bewältigungsstrategien.
War ich beispielsweise in einen Bahnunfall verwickelt und vermeide daraufhin Zugfahrten, kann sich die Angst weiter ausdehnen, sodass ich auch U-Bahnfahren als gefährlich empfinde. Die App ist nicht auf meine individuelle Angst zugeschnitten, erklärt jedoch, warum die Konfrontation mit der persönlichen Ausprägung der Angst ein zentraler Schritt zur Verbesserung meiner Lebensqualität ist. Die DiGA verdeutlicht mir die Folgen des Vermeidungsverhaltens und vermittelt mir Techniken und Strategien, um der Angst zu begegnen.
Wie werden die Anwender*innen begleitet und wie wenden sie die DiGA an?
Die DiGA ergänzt den bewährten Behandlungsplan einer Tagesklinik, der durch eine klare Tagesstruktur geprägt ist: Zu einer festen Uhrzeit treffen sich alle in einer DiGA-Gruppe und bearbeiten ihre individuellen Inhalte, je nachdem wie lange sie schon in Therapie sind. Denn die Behandlung einer Angsterkrankung, für die sich Patient*innen auch mit ihren Ängsten konfrontieren müssen, ist natürlich nicht nur angenehm. Das kann dazu führen, dass man sein Ziel aus den Augen verliert, oder die App lieber beiseitelegt. In unserem Setting kommt eine Psychologin dazu, unterstützt bei der Vor- und Nachbereitung und beantwortet Fragen. In einem gemeinsamen Abschlussgespräch klären die Teilnehmenden, was an diesem Tag beeindruckt hat, was hilfreich, oder überraschend war.
Wie viel Zeit sollten Nutzer*innen für die Anwendung einplanen?
Der zeitliche Umfang beträgt etwa ein bis zwei Stunden pro Woche und umfasst einen Kurs mit sechs Einheiten über einen Zeitraum von zehn Wochen, in denen alle Module bearbeitet werden. Im eigenen Tempo und mit der Möglichkeit zur Rücksprache kann man sich das gebündelte Wissen sowie Strategien zur Bewältigung der Erkrankung aneignen. Auch nach Abschluss des Besuchs der Tagesklinik kann die App Patient*innen begleiten und so die Herausforderungen, die mit einem Abschied häufig verbunden sind, erleichtern.
Sind die DiGA fachlich und medizinisch belastbar und sicher?
Alle auf der Webseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelisteten Digitalen Gesundheitsanwendungen (Verzeichnis | DiGA-Verzeichnis) erfüllen einen strengen Kriterienkatalog und müssen anhand von Studien ihre Wirksamkeit nachweisen. Das Bundesinstitut gibt für Pilotstudien einen Zeitrahmen vor und prüft die Anwendungen stichprobenartig vor der Veröffentlichung. Wenn innerhalb der App-Nutzung Psycholog*innen beteiligt sind, müssen diese über fundierte, klinische Erfahrung verfügen.
Welche Grenzen hat die Nutzung von DiGA?
Ein zentrales Problem ist, dass viele Anwendungen nicht bis zum Ende genutzt werden; Abbrüche können etwa durch fehlende Motivation, Selbstbeteiligung oder unzureichendes Verständnis für den Nutzen entstehen. Besonders sinnvoll ist der Einsatz daher in Settings wie einer Tagesklinik, wo Begleitung und Einbettung in ein therapeutisches Gesamtkonzept gegeben sind. Wichtig ist zu betonen, dass DiGA die Behandlung sinnvoll ergänzen, aber nicht ersetzen können.
Kontakt zum Department für Seelische Gesundheit
Telefon: 030 130 12 2100
E-Mail: department-seelischegesundheit.huk@vivantes.de
Bei Interesse an einem Behandlungsplatz in der Tagesklinik chronische Depression melden Sie sich bitte unter:
030 130 14 1832
Fax: 030 130 14 1837
tagesklinik-angst.huk@vivantes.de