
Krampfadern - alles im Fluss
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Wer von Krampfadern besonders betroffen ist, wie man sie behandelt und wie man ihnen vorbeugen kann, erklärt Expertin Dr. Christiane Laun im Interview.
Interview mit Dr. Christiane Laun, Chefärztin der Gefäßchirurgie im Vivantes Klinikum Am Urban
Frau Dr. Laun, wer ist im Laufe seines Lebens besonders von Krampfadern betroffen?
Vor allem Frauen. Sie sind dreimal so häufig betroffen wie Männer. Hormonelle Einflüsse, in erster Linie mehrfache Schwangerschaften, erhöhen das Risiko weiter. Bei Krampfadern spielen zudem Veranlagung und ein höheres Lebensalter eine Rolle. Das trifft natürlich auch auf Männer zu.
Gibt es zusätzliche Risikofaktoren?
Vor allem Übergewicht, Bewegungsmangel, Hitze, häufige Verstopfung, ungesunde Ernährung, viel Sitzen oder Stehen im Beruf. Das bezieht sich auf die primäre Varikosis – so heißt die Erkrankung an Krampfadern in der medizinischen Fachsprache. Außerdem gibt es noch das Klippel- Trénaunay-Syndrom. Das ist eine angeborene Krankheit, von der auch das Gefäßsystem betroffen ist.
Es gibt also auch sekundäre Krampfadern?
Ja, damit sind Krampfadern gemeint, die als Folge einer anderen Erkrankung entstehen, nämlich durch einen Gefäßverschluss (Thrombose) in den tieferen Beinvenen. Das Blut muss dann durch die oberflächlichen Beinvenen fließen, die sich durch den Druck weiten, sodass die Venenklappen nicht mehr richtig schließen.

Woran merkt man das?
Es gibt ein tiefes und ein oberflächliches Venensystem. Krampfadern entstehen immer in den oberflächlichen Venen, weswegen sie meistens zu sehen sind. Außerdem können sie Beschwerden verursachen, etwa schwere Beine, ein Brennen in Beinen und Füßen, Schmerzen und nächtliche Krämpfe.
Wann sollte man sich untersuchen lassen?
Beim ersten Verdacht. Die wichtigste Untersuchungsmethode ist die Duplexsonografie. Das ist eine spezielle Ultraschalluntersuchung, die den Blutfluss sichtbar macht. Das geht schnell, tut nicht weh und ist mit keinerlei Strahlenbelastung verbunden.
Müssen Krampfadern immer behandelt werden?
Im Anfangsstadium lässt sich der Verlauf noch durch konservative Maßnahmen hinauszögern, vor allem durch das Tragen von Kompressionsstrümpfen, Gefäßsport, manuelle Lymphdrainagen und physikalische Therapien wie Wassertreten oder Kneipp-Anwendungen. Wenn das nicht reicht, ist ein Eingriff nötig.
Was passiert bei diesem Eingriff?
Der Standard-Eingriff ist das Stripping. Dabei werden die erkrankten Abschnitte, vereinfacht gesagt, oben und unten abgetrennt und herausgezogen. Zusätzlich kann es nötig sein, Seitenäste mit einem speziellen Instrument zu entfernen (Seitenastexhairese). Alternativ schließen wir die Verbindung zwischen dem tiefen Venensystem zu der erkrankten oberflächlichen Vene (Perforansligatur). Wir können auch eine Manschette um die erweiterte Vene legen, damit sie wieder enger wird und die Klappe abschließt (extraluminale Valvuloplastie). In der Regel erfolgt das ambulant.
Was passiert, wenn Krampfadern nicht behandelt werden?
Sie sacken immer weiter aus, bis der Stau zu Wasseransammlungen und Schwellungen (Ödemen) führt. Durch die Schwerkraft ist das im Bereich der Knöchel der Fall. Bestandteile des Bluts gelangen schließlich ins umliegende Gewebe. Erst entstehen Hautschäden, die gut sichtbar sind, und dann kommt es zu einer chronischen Wunde – umgangssprachlich als „offenes Bein“ bezeichnet.
Fotos: anelya-okapova_unsplash; Vivantes