
Schwanger werden mit Epilepsie: Forscherin macht betroffenen Frauen Mut
Veröffentlicht am
„Die meisten Schwangerschaften bei Frauen mit Epilepsie verlaufen heute komplikationslos“, betont die neurologische Chefärztin und Epilepsie-Forscherin Prof. Dr. Bettina Schmitz.
Interview mit Chefärztin Prof. Dr. Bettina Schmitz zu Epilepsie und Schwangerschaft
Prof. Dr. Bettina Schmitz, Chefärztin der Klinik für Neurologie mit Stroke Unit und Zentrum für Epilepsie am Vivantes Humboldt-Klinikum in Reinickendorf, forscht seit vielen Jahren zu Epilepsie und Schwangerschaft. Im deutschen Schwangerschaftsregister GRAPE werden Daten zu Schwangerschaften unter Anfallssuppressiva gesammelt und ausgewertet.
Im Interview erklärt die Neurologin, welche Risiken tatsächlich bestehen, warum eine Schwangerschaft gut geplant werden sollte und was Frauen mit Epilepsie während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit beachten sollten.
Kann man mit Epilepsie schwanger werden und ein gesundes Kind bekommen?
Prof. Dr. Bettina Schmitz: Ja. Es gibt in der Regel keinen Grund, warum eine Frau mit Epilepsie keine Kinder bekommen sollte. Die meisten Schwangerschaften bei Frauen mit Epilepsie verlaufen heute komplikationslos und die meisten Babys kommen gesund zur Welt.
Früher haben sich viele Frauen aus Angst vor möglichen Fehlbildungen durch Epilepsie-Medikamente oder vor einer Schädigung des Kindes durch Anfälle gegen eine Schwangerschaft entschieden. Heute wissen wir sehr viel mehr über die Risiken und darüber, welche Medikamente in der Schwangerschaft möglichst sicher eingesetzt werden können.
Auch die Epilepsie selbst ist keine Erbkrankheit. Zwar können bestimmte Formen der Epilepsie eine genetische Komponente haben, aber epileptische Anfälle werden nicht einfach von der Mutter auf das Kind „vererbt“.
Was sollten Frauen mit Epilepsie bei Kinderwunsch beachten?
Eine Schwangerschaft mit Epilepsie sollte idealerweise geplant werden:
- Die Medikation kann dann rechtzeitig überprüft und, wenn notwendig, angepasst werden. Ziel ist es, mit einer möglichst niedrigen wirksamen Dosis und möglichst nur einem Medikament durch die Schwangerschaft zu kommen.
- Besonders wichtig ist aber auch, Anfälle zu vermeiden. Vor allem große, sogenannte Grand-mal-Anfälle können für Mutter und Kind ein Risiko darstellen. Deshalb sollte eine Frau ihre Medikamente keinesfalls eigenständig absetzen oder die Dosis reduzieren, wenn sie schwanger werden möchte oder bereits schwanger ist.
- Auch Folsäure spielt eine wichtige Rolle. Sie sollte nach ärztlicher Rücksprache bereits drei Monate vor einer geplanten Schwangerschaft und im ersten Schwangerschaftsdrittel eingenommen werden.
„Ich möchte betroffenen Frauen Mut machen und aufklären, etwa über sichere Antiepileptika und über weit verbreitete Vorurteile. Durch die verbesserten Behandlungsbedingungen sind die meisten betroffenen Frauen heute in der Lage, ein weitgehend normales Leben zu führen.“

Welche Epilepsie-Medikamente sind in der Schwangerschaft sicher?
Das lässt sich nicht für jedes Medikament pauschal beantworten. Genau deshalb ist es wichtig, eine Schwangerschaft möglichst frühzeitig mit einer Neurologin oder einem Neurologen zu planen. Je nach Medikament, Dosierung und individueller Situation kann eine Umstellung sinnvoll sein.
Wir erforschen im deutschen Schwangerschaftsregister GRAPE, welche Anfallssuppressiva in der Schwangerschaft mit welchen Risiken verbunden sind. Dafür werden Daten gesammelt und unter anderem Fehlbildungen und Wachstumsverzögerungen des ungeborenen Kindes untersucht. Das deutsche Register ist Teil des internationalen Schwangerschaftsregisters EURAP. Seit 1999 wurden dort weltweit mehr als 30.000 Schwangerschaften aus 46 Ländern ausgewertet.
Die Ergebnisse haben dazu beigetragen, die Behandlung immer weiter zu verbessern. Der Anteil der Fehlbildungen ist in den vergangenen 25 Jahren um rund 40 Prozent zurückgegangen.
Was müssen Frauen mit Epilepsie während der Schwangerschaft beachten?
Wer bereits schwanger ist, sollte eine bewährte Behandlung nicht ohne Rücksprache verändern oder Medikamente absetzen. Je nach eingesetztem Antiepileptikum kann es sinnvoll sein, die Medikamentenkonzentration im Blut zu kontrollieren, weil sich der Wirkstoffspiegel während der Schwangerschaft verändern kann.
Eine Ultraschallfeindiagnostik ab etwa der 12. Schwangerschaftswoche kann helfen, mögliche Fehlbildungen frühzeitig zu erkennen beziehungsweise einzuschätzen. Außerdem sollte darauf geachtet werden, Anfallsserien, große Anfälle und anfallsbedingte Stürze möglichst zu vermeiden.
Grundsätzlich gilt: Die Behandlung muss immer individuell auf die Frau und ihre Epilepsie abgestimmt werden. Dafür gibt es auch spezielle Epilepsie-Sprechstunden. Ich halte es außerdem für wichtig, bereits alle Frauen im gebärfähigen Alter mit Epilepsie auf das Thema Schwangerschaft anzusprechen – auch weil eine Schwangerschaft ungeplant eintreten kann.
Ist eine natürliche Geburt bei Epilepsie möglich?
Ja, grundsätzlich ist eine natürliche Geburt auch bei Epilepsie möglich. Ein Kaiserschnitt ist nicht allein wegen der Diagnose Epilepsie notwendig. Entscheidend ist vielmehr, wie häufig und welche Art von Anfällen während der Schwangerschaft auftreten und wie die Situation unter der Geburt ist.
Wichtig ist außerdem, die Anfallssuppressiva auch während der Geburt weiter einzunehmen. Eine Geburt kann viele Stunden dauern, und ein Auslassen der Medikamente sollte vermieden werden. In bestimmten Situationen kann zusätzlich ein vorübergehender Anfallsschutz sinnvoll sein.
Können Frauen mit Epilepsie stillen? Was sollten Frauen mit Epilepsie im Umgang mit dem Baby außerdem beachten?
In vielen Fällen ja. Die meisten Anfallssuppressiva gehen zwar in unterschiedlichem Ausmaß in die Muttermilch über, trotzdem ist Stillen nach Rücksprache mit der behandelnden Neurologin oder dem Neurologen und dem Kinderarzt grundsätzlich möglich.
Beobachtet werden sollte, ob das Baby beispielsweise ungewöhnlich müde ist, schlecht trinkt oder nicht ausreichend zunimmt. Auch die Mutter selbst sollte auf ausreichend Schlaf achten. Schlafentzug kann bei Frauen mit Epilepsie die Anfallshäufigkeit erhöhen. Deshalb ist es sinnvoll, sich bei der Versorgung des Babys Unterstützung zu holen.
Auch im Alltag können einfache Vorsichtsmaßnahmen helfen: Das Baby sollte beispielsweise nicht allein gebadet werden. Wickeln und Stillen sind in einer sicheren Position möglich, etwa auf dem Fußboden. Ein Kinderwagen mit automatischer Bremse kann ebenfalls zusätzliche Sicherheit geben.
