
Das Mikrobiom als Schutzschild unserer Gesundheit
Veröffentlicht am
Jeder Mensch ist ein wandelndes Ökosystem. In und auf uns leben Billionen Mikroorganismen. Was diese Winzlinge mit unserer Verdauung und unserem Immunsystem zu tun haben, erklärt Prof. Dr. Diana Rubin, Leiterin des Vivantes Zentrums für Ernährungsmedizin.

Frau Prof. Rubin, was verbirgt sich hinter dem „Mikrobiom“?
Das Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die einen bestimmten Lebensraum besiedeln – das könnte sowohl die Erde sein, als auch Pflanzen, Tiere, oder wir Menschen. Die eigentlichen Lebewesen, also die Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten selbst, nennt man „Mikrobiota“.
Wo leben diese Lebewesen und wie viele sind es?
Nach aktuellen Schätzungen leben etwa 39 Billionen Mikroorganismen in und auf unserem Körper. Die meisten gehören zu unserer Darmflora. Aber auch die Haut, die Mund- und Nasenhöhle, die Lunge und Vagina haben ihr eigenes, spezielles Teil-Mikrobiom. Diese organisieren sich oft in Biofilmen oder Geflechten und kommunizieren sogar über Artgrenzen hinweg miteinander.
Wozu benötigt unser Körper Mikrobiome?
Sie schützen uns vor Krankheiten. Die Darmflora beispielsweise reguliert die Verdauung, unsere Immunabwehr und das Hormonsystem. Viele unserer Stoffwechselprozesse würden ohne Mikrobiome überhaupt nicht funktionieren, auch Entzündungsprozesse werden damit in Verbindung gebracht. Manche Nahrungsmittel lassen unseren Blutzucker ansteigen – bei einer Person stärker, bei einer anderen weniger stark, auch wenn sie das gleiche gegessen hat. Das hängt unmittelbar mit dem Mikrobiom zusammen. Zudem produzieren Mikrobiome lebenswichtige Vitamine wie Vitamin K, B1 oder B2.
Es heißt, dass der Darm unser Gehirn beeinflusst. Stimmt das?
Es gibt eine direkte Kommunikation über die sogenannte „Mikrobiota-Darm-Gehirn-Achse“. Die Bakterien produzieren kurzkettige Fettsäuren wie Essig- oder Buttersäure. Diese dienen nicht nur den Zellen der Darmschleimhaut als Energiequelle und fördern die Darmbewegung, sondern senden zusammen mit Appetithormonen wie Ghrelin Signale über das Immunsystem oder den Vagusnerv direkt an unser Gehirn.
Verändert sich das Mikrobiom im Laufe des Lebens?
Es verändert sich ständig. Neugeborene haben die geringste Vielfalt (Biodiversität). Mit der Einführung fester Nahrung im Alter von zwei bis drei Jahren stabilisiert sich das System und wird hochgradig komplex. Im höheren Alter nimmt die Vielfalt leider wieder ab. Eine geringe Vielfalt im Darm wird oft mit chronischen Krankheiten, Übergewicht oder Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Asthma und Reizdarm in Verbindung gebracht.
Haben wir die Zusammensetzung des Mikrobioms selbst in der Hand?
Teilweise. Zwillingsstudien haben gezeigt, dass unsere Gene und sogar die Blutgruppe eine Rolle spielen. Auch die Ernährung hat Einfluss darauf.
Beispielsweise wissen wir, dass der Verzehr von rohem Obst und Gemüse die Vielfalt im Darm messbar verbessert. Wichtig sind für ein diverses, stabiles und dadurch widerstandsfähiges Mikrobiom sowohl der Verzehr von Probiotika, als auch von Präbiotika.
Wie wirken Pro- und Präbiotika auf das Mikrobiom?
Probiotika sind Lebensmittel, die lebende, nützliche Mikroorganismen mitbringen. Dazu gehören Naturjoghurt, Kefir, Buttermilch oder Sauerkraut. Präbiotika sind unverdauliche Nahrungsbestandteile und damit quasi das „Futter“ für unsere guten Darmbakterien. Es handelt sich um Ballaststoffe, die vor allem in Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen stecken. Aber auch in Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, Spargel, Chicorée, Schwarzwurzeln, Artischocken und Bananen.
Was für eine Ernährung ist eher ungünstig für das Mikrobiom?
Ungünstig für das Darmmikrobiom ist eine Ernährung mit viel hochverarbeiteten Lebensmitteln, Weißmehl, Zucker und viel Fleisch, aber wenig Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und Vollkorn. Ohne Ballaststoffe fehlt den günstigen Darmbakterien das nötige Futter. Besonders viel Fleisch bei gleichzeitig wenigen pflanzlichen Ballaststoffen scheint die Vielfalt des Mikrobioms zu beeinträchtigen.
Nutzen Sie diese Erkenntnisse in Ihrer täglichen Arbeit in den Vivantes Kliniken?
Ja, wegen der großen Bedeutung des Mikrobioms für das Immunsystem und gegen Entzündungsprozesse wollen wir in den Kliniken demnächst die Ernährung für die Patientinnen und Patienten gezielt anpassen.
Was erwartet uns in der Zukunft, wo steht die Forschung?
Dank moderner Gensequenzierung können wir die Mikrobiome immer besser entschlüsseln. Es gibt dazu riesige Projekte wie das Human Microbiome Project in den USA. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, wie tiefgreifend diese winzigen Mitbewohner unser Leben bestimmen. Ein gesundes Mikrobiom ist wie ein Schutzschild für den gesamten Körper und wir tun gut daran, es jeden Tag richtig zu füttern und zu unterstützen.
Zentrum für Ernährungsmedizin
Allgemeiner Kontakt