
ADHS im Erwachsenenalter
Veröffentlicht am
Worauf es bei Diagnostik und Behandlung ankommt, erklärt Expertin Dr. Beatrix Tegler im Interview.
Interview mit Dr. Beatrix Tegler
Welche Symptome sind bei der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, im Erwachsenenalter besonders typisch?
Wir wissen, dass die auffallende motorische Hyperaktivität, wie man sie aus dem Kindesalter kennt, im Verlauf eher in den Hintergrund rückt und sich häufig zu einer inneren Unruhe entwickelt.
Typisch sind auch Probleme mit den Gefühlen: Schnelle Stimmungsschwankungen, heftige Reaktionen, Impulsivität und ein oft eher chaotisches Verhalten. Diese Punkte gehören zwar nicht zu den offiziellen Diagnosekriterien, aber treten häufig auf und werden von uns auch mit erfragt. Oft bleiben auch im Erwachsenenalter starke Ablenkbarkeit, Aufschieben, Probleme beim Priorisieren sowie Schwierigkeiten mit Zeitplanung und Organisation bestehen. Das kann sich bei der Arbeit genauso zeigen wie im Privatleben.

Was sind die Besonderheiten bei der Diagnostik von Erwachsenen mit ADHS?
Viele Betroffene haben über Jahre Kompensationsstrategien entwickelt, die dazu führen, dass die klassischen Symptome, wie sie sich bei Kindern zeigen, weniger sichtbar sind.
So kann sich beispielsweise ein ursprünglich eher chaotischer Arbeitsstil im Erwachsenenalter auch in sehr gewissenhaftem Verhalten äußern: Wenn ich früher viel Zeit im Alltag damit verbracht habe, nach verschiedenen Dingen zu suchen, entwickle ich vielleicht ein System – dann hat alles einen festen Platz.
Zudem müssen wir uns rückblickend ein Bild von der Symptomatik in der Kindheit machen und oft haben sich im Laufe der Zeit noch andere psychische Erkrankungen, sogenannte Komorbiditäten, entwickelt, die es manchmal gar nicht so einfach machen, die einzelnen Symptome zuzuordnen.
Was können Betroffene, die glauben ADHS zu haben, in einem ersten Schritt selbst tun?
Ein erster Schritt kann sein, sich über ADHS im Erwachsenenalter zu informieren und zu prüfen, ob die beschriebenen Symptome tatsächlich über längere Zeit bestehen und möglicherweise bereits seit der Kindheit vorliegen sowie zu einer Beeinträchtigung führen.
Hilfreich kann es zudem sein, eigene Schwierigkeiten im Alltag zu beobachten und aufzuschreiben. Wenn sich der Verdacht erhärtet, ist der nächste Schritt eine professionelle diagnostische Abklärung – psychiatrisch oder psychologisch-psychotherapeutisch.
Im Internet und auf Social Media werden immer häufiger Selbsttests beworben. Können die wirklich hilfreich sein?
Selbsttests können für ein Thema wie ADHS auch in der Öffentlichkeit sensibilisieren, jedoch keine ausführliche Diagnostik ersetzen. ADHS ist eine psychische Störung, deren Diagnostik ein mehrstufiger Prozess ist und immer eine umfassende klinische Beurteilung erfordert. Online-Tests können daher höchstens als erste Hinweise oder als eine Art Screening-Instrument dienen.
Woran erkennt man seriöse Selbsttests?
Diese erkennt man daran, dass sie auf wissenschaftlich validierten Screening-Fragebögen basieren und deutlich machen, dass nach dem Ausfüllen des Tests oder beim Erreichen einer bestimmten Punktzahl noch keine Diagnose gestellt werden kann, sondern es sich um eine erste Orientierung oder einen möglichen Hinweis darauf handeln kann, sich mit dem Thema genauer zu befassen.
Wann sollte man einen ADHS-Verdacht professionell abklären lassen?
Eine fachliche Abklärung ist sinnvoll, wenn die Symptome über längere Zeit bestehen und verschiedene Lebensbereiche, wie das Berufsleben oder Beziehungen, deutlich beeinträchtigen.
Die Diagnostik sollte idealerweise durch psychologische Psychotherapeut*innen oder Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie mit Erfahrung in der ADHS-Diagnostik erfolgen.
Wie läuft die Diagnostik ab?
Für die Diagnostik nehmen wir uns viel Zeit, da sie aus mehreren Bausteinen besteht. Neben einer ausführlichen Anamneseerhebung gehören dazu Screeningbögen, klinische Interviews sowie Beobachtungsverfahren.
Unverzichtbar sind außerdem eine fundierte Fremdanamnese – idealerweise mit Bezug zur Kindheit – sowie die Sichtung von Vorbefunden und (Grundschul-)Zeugnissen.
Die abschließende diagnostische Einschätzung muss auf der Gesamtschau aller erhobenen Befunde erfolgen - und keinesfalls gestützt auf ein einzelnes Verfahren.
Zudem stellen sich immer zwei zentrale Fragen: Liegt eine Einschränkung im Alltag in mehreren Lebensbereichen vor? Und lassen sich die Symptome möglicherweise durch eine andere Erkrankung besser erklären?
Sie haben bereits erwähnt, dass im Rahmen der Diagnostik auch ein Blick auf die Kindheit geworfen wirft. Warum ist das wichtig?
Ein Blick in die Kindheit ist zentral für die Diagnostik. ADHS gilt als Störung, deren Symptome bereits in der Kindheit beginnen. Daher wird im Erwachsenenalter im diagnostischen Gespräch versucht zu klären, ob schon früher Hinweise bestanden. Dabei können neben dem Schulbericht auch Schulzeugnisse, Vorberichte oder Angaben der Eltern hilfreich sein.
Gibt es eine genetische Veranlagung für ADHS?
Studien zeigen, dass ADHS eine starke genetische Komponente hat. Das bedeutet, dass in Familien mit Betroffenen überzufällig häufig weitere Symptomträger*innen vorkommen.
Als maßgeblich gilt eine polygenetische Verursachung – das heißt, mehrere Gene, die jeweils nur einen kleinen Effekt haben, erhöhen in ihrer Summe das Risiko für ADHS.
Das Risiko für ADHS bei Verwandten ersten Grades ist etwa um den Faktor fünf erhöht.
Wenn die ADHS-Diagnose bestätigt wird: Wie sieht eine Therapie aus?
Die Behandlung erfolgt in der Regel multimodal, also durch eine Kombination verschiedener Ansätze. Dazu gehören unter anderem Psychoedukation, also Informationen über die Störung und ihre Auswirkungen sowie psychotherapeutische Verfahren, z. B. zur Verbesserung von Selbstorganisation, Emotionsregulation und Alltagsstruktur. Das kann im klassischen Einzeltherapie-Setting erfolgen, aber es gibt auch gute Hinweise dafür, dass ADHS-spezifische Therapie in der Gruppe sinnvoll ist.
Zudem zeigt eine medikamentöse Behandlung mit zugelassenen ADHS-Medikamenten (z. B. Methylphenidat retardiert oder Lisdexamfetamin) eine nachgewiesene Wirksamkeit bei meist guter Verträglichkeit.
Fotos: Pexels_Pixabay; Vivantes_Werner Popp
Tagesklinikzentrum Helle Mitte
Tagesklinik EMMA
Tagesklinikzentrum Helle Mitte
Fritz-Lang-Str. 3
12627 Berlin
030 409 16 0120
dbt-hellemitte.khd@vivantes.de