Brustkrebs: Von Brustentfernung bis Brustrekonstruktion

Veröffentlicht am

Die Diagnose Brustkrebs wirft viele Fragen auf – zwei der größten: Wann muss die Brust entfernt werden? Wie kann die Brust rekonstruiert werden?

Interview mit Chefärztin: Mastektomie oder brusterhaltende Operation 

Chefärztin Dr. Claudia Gerber-Schäfer vom Vivantes Brustzentrum im Vivantes Klinikum Am Urban in Berlin-Kreuzberg erklärt, wann eine brusterhaltende Operation möglich ist, wann eine Mastektomie notwendig wird und wie eine Brustrekonstruktion möglich ist. 

Frau Dr. Claudia Gerber-Schäfer, bedeutet die Diagnose Brustkrebs automatisch, dass die gesamte Brust entfernt werden muss – oder ist heute häufig eine brusterhaltende Operation möglich? Wie oft wird diese Methode angewendet?

Dr. Claudia Gerber-Schäfer: Nein – eine Brustentfernung ist heute in vielen Fällen nicht mehr notwendig. Im Gegenteil: Die moderne Brustkrebstherapie verfolgt das Ziel, die Brust möglichst zu erhalten, ohne die Sicherheit der Behandlung zu beeinträchtigen.

Aktuell können etwa 70 bis 75 Prozent der Patientinnen brusterhaltend operiert werden. Dabei wird nur der Tumor mit einem Sicherheitsabstand entfernt, während der Großteil der Brust erhalten bleibt.

Viele Patientinnen vermuten zunächst, dass eine vollständige Entfernung der Brust „sicherer“ sei. Diese Annahme ist jedoch medizinisch nicht korrekt. Entscheidend ist vielmehr, dass der Tumor vollständig entfernt wird – unabhängig davon, ob die Brust erhalten bleibt oder nicht.

Wichtig zu wissen ist, dass Studien zeigen, dass die Kombination aus brusterhaltender Operation und anschließender Bestrahlung mindestens genauso sicher ist wie eine Mastektomie, in frühen Stadien teilweise sogar mit einem leichten Überlebensvorteil.

Wie werden Patientinnen in die Therapieentscheidung einbezogen?

Die Diagnose Brustkrebs stellt viele Frauen zunächst vor eine emotionale Ausnahmesituation. Umso wichtiger ist es, dass Patientinnen mit ihren Fragen, Sorgen und persönlichen Wünschen nicht allein gelassen werden. Deshalb wird die Behandlung heute gemeinsam mit der Patientin geplant. Unser Ärzteteam nimmt sich Zeit, die unterschiedlichen Möglichkeiten verständlich zu erklären und individuell zu besprechen. Dazu gehören:

• eine ausführliche Aufklärung über die verschiedenen Behandlungsoptionen 

• eine transparente Darstellung von Vorteilen, möglichen Risiken und Folgen der jeweiligen Therapie 

• die Berücksichtigung persönlicher Wünsche, Lebensumstände und individueller Bedürfnisse 

Denn nicht jede Frau hat dieselben Prioritäten: Für manche steht der möglichst vollständige Erhalt der Brust im Vordergrund, andere wünschen sich vor allem größtmögliche Sicherheit oder möchten bestimmte Therapien bewusst vermeiden.

Wichtig ist, dass Patientinnen diese Entscheidungen nicht allein treffen müssen. Moderne Brustzentren wie wir begleiten sie Schritt für Schritt und entwickeln gemeinsam mit ihnen ein Behandlungskonzept, das sowohl medizinisch sinnvoll als auch persönlich passend ist.

Welche medizinischen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine brusterhaltende Operation durchgeführt werden kann – und warum ist anschließend meist eine Bestrahlung notwendig?

Eine brusterhaltende Operation ist möglich, wenn der Tumor vollständig entfernt werden kann, wenn also „im Gesunden“ operiert wird und wenn ein gutes Verhältnis zwischen Tumorgröße und Brustgröße besteht. Außerdem sollten keine ungünstigen genetischen oder biologischen Faktoren dagegensprechen. 

Ein wichtiger Aspekt ist die sogenannte Tumor-Brust-Relation: Ein kleiner Tumor in einer größeren Brust lässt sich oft problemlos entfernen – bei sehr kleinen Brüsten kann selbst ein mittelgroßer Tumor eine Mastektomie erforderlich machen.

Nach der Operation folgt in den meisten Fällen eine Strahlentherapie. Denn auch wenn der Tumor vollständig entfernt wurde, können sich im umliegenden Gewebe noch einzelne, mit bloßem Auge oder in der Bildgebung nicht erkennbare Krebszellen befinden. Die Bestrahlung reduziert das Risiko eines Rückfalls deutlich, indem sie diese verbleibenden Zellen zerstört. Dabei wird in der Regel die gesamte Brust behandelt, da sich potenziell veränderte Zellen im gesamten Gewebe befinden können.

Ein Fortschritt sind für uns sogenannte onkoplastische Verfahren. Das ist eine Kombination aus Tumorchirurgie und plastischer Chirurgie und so können heute auch größere Tumoren entfernt werden, ohne dass die Brustform stark beeinträchtigt wird.

Wann ist eine Brustentfernung notwendig – und was bedeutet das konkret?

Wann ist eine Mastektomie notwendig? In welchen Situationen raten Sie zu einer vollständigen Entfernung der Brust?

Eine Mastektomie wird empfohlen, wenn eine brusterhaltende Therapie medizinisch nicht sinnvoll oder nicht möglich ist. Das kann der Fall sein:

• bei sehr großen Tumoren im Verhältnis zur Brust 

• bei mehreren Tumorherden in unterschiedlichen Bereichen (Multizentrizität) 

• wenn eine vollständige Entfernung im Gesunden nicht sicher möglich ist 

• wenn eine Bestrahlung nicht durchgeführt werden kann oder gewünscht ist 

• bei bestimmten genetischen Risiken (z. B. BRCA1/BRCA2-Mutationen) 

• bei seltenen, aggressiven Tumorformen 

Auch persönliche Wünsche spielen eine wichtige Rolle. Manche Patientinnen entscheiden sich bewusst für eine Mastektomie, etwa um das Rückfallrisiko subjektiv zu reduzieren oder weitere Behandlungen wie die Bestrahlung zu vermeiden.

Ein modernes Konzept ist die sogenannte „Deeskalation“ der Therapie: Ziel ist es, so wenig invasiv wie möglich zu behandeln – aber so viel wie nötig. Das bedeutet: Jede Entscheidung wird individuell getroffen, basierend auf medizinischen Daten und den Wünschen der Patientin.

Brustrekonstruktion ist nicht gleich Brustrekonstruktion - Möglichkeiten und Innovationen

Wann und wie werden Patientinnen über eine Brustrekonstruktion informiert? Welche Möglichkeiten gibt es?

Wir beginnen die Beratung zur Brustrekonstruktion heute sehr früh, oft bereits vor der eigentlichen Tumoroperation. Uns ist wichtig, dass jede Patientin von Anfang an weiß: Sie hat Zeit, Fragen zu stellen, und sie hat vor allem eine echte Wahl. Eine Rekonstruktion ist möglich, aber sie ist kein Muss.

Grundsätzlich stehen zwei bewährte Verfahren zur Verfügung:

Implantatbasierte Rekonstruktion

• häufig direkt im Rahmen der Brustentfernung möglich (primäre Rekonstruktion) 

• Das Implantat wird heute in der Regel schonend auf dem Muskel statt darunter platziert, was die Erholung erleichtert 

Eigengewebsrekonstruktion

• Aufbau der Brust mit körpereigenem Gewebe, zum Beispiel vom Bauch 

• technisch aufwendiger, aber langfristig oft sehr stabil 

• viele Patientinnen empfinden das Ergebnis als natürlicher und berichten über weniger spätere Folgeeingriffe 

In vielen Fällen entscheiden wir uns zunächst für ein Implantat, das direkt bei der OP eingesetzt wird – entweder als endgültige Lösung oder als sogenannter Platzhalter, falls zu einem späteren Zeitpunkt eine Eigengewebsrekonstruktion gewünscht oder sinnvoll ist.

Ein großer Vorteil unserer Arbeit im Brustzentrum ist die enge, eingespielte Zusammenarbeit zwischen der Gynäkologie und der plastischen Chirurgie. Dadurch können wir Patientinnen sehr früh und gemeinsam beraten, also nicht erst nach der Operation, sondern bereits im Rahmen der ersten Behandlungsschritte.

Für die Eigengewebsrekonstruktion arbeiten wir eng mit der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie von Vivantes im Klinikum im Friedrichshain zusammen. Darüber hinaus bestehen sehr gute und etablierte Kooperationen mit dem Martin-Luther-Krankenhaus sowie dem Elisabeth Krankenhaus. So stellen wir sicher, dass jede Patientin frühzeitig alle Möglichkeiten kennt und gemeinsam mit uns einen Weg wählen kann, der medizinisch sinnvoll ist und sich zugleich für sie persönlich stimmig anfühlt.

Was sind die Goldilocks-Mastektomie und die Aesthetic Flat Closure? Gibt es heute auch Möglichkeiten für Frauen, die bewusst keine Brustrekonstruktion wünschen?

Nicht jede Frau möchte nach einer Brustentfernung eine Brustrekonstruktion mit Implantaten oder Eigengewebe. Auch dieser Wunsch wird heute respektiert und in die Behandlungsplanung einbezogen. Dafür stehen moderne Operationsverfahren zur Verfügung, die sowohl medizinische als auch ästhetische Aspekte berücksichtigen.

Eine Möglichkeit ist die Aesthetic Flat Closure (ästhetischer Flachverschluss). Dabei wird nach der Brustentfernung die Brustwand so geformt, dass eine möglichst glatte und symmetrische Kontur entsteht. Überschüssige Haut wird entfernt und das Gewebe sorgfältig angepasst. Ziel ist ein ästhetisch ansprechendes Ergebnis – bewusst ohne Brustaufbau.

Ein weiteres Verfahren ist die Goldilocks-Mastektomie. Dabei wird nach der Entfernung des Brustdrüsengewebes vorhandenes Haut- und Fettgewebe genutzt, um eine kleine natürliche Brustkontur zu formen. Auf Implantate oder eine Eigengewebsrekonstruktion von einer anderen Körperstelle kann dabei häufig verzichtet werden. Das Verfahren eignet sich allerdings nicht für jede Patientin und hängt unter anderem von der individuellen Körperform und der vorhandenen Gewebemenge ab.

Wichtig ist uns: Es gibt heute nicht mehr nur die Entscheidung zwischen Brustrekonstruktion oder keiner Rekonstruktion. Gemeinsam besprechen wir mit jeder Patientin alle Möglichkeiten – von der Implantatrekonstruktion über den Aufbau mit Eigengewebe bis hin zu Verfahren wie der Aesthetic Flat Closure oder der Goldilocks-Mastektomie. So finden wir gemeinsam den Weg, der medizinisch sinnvoll ist und am besten zu den persönlichen Vorstellungen und Lebensumständen passt.

Welche neuen Entwicklungen gibt es in der Brustchirurgie und Rekonstruktion noch?

Die Brustkrebsbehandlung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Ziel moderner Therapiekonzepte ist es heute, Krebs möglichst sicher zu behandeln und gleichzeitig den Körper so wenig wie möglich zu belasten. Zu den wichtigsten Fortschritten gehören:

• Onkoplastische Chirurgie: Moderne Operationsverfahren ermöglichen es häufig, auch größere Tumoren brusterhaltend zu entfernen und die Brustform dabei möglichst natürlich zu erhalten. 

• Schonendere Implantattechniken: Implantate werden heute meist auf dem Brustmuskel statt darunter eingesetzt. Dadurch haben viele Patientinnen weniger Schmerzen und sind nach der Operation schneller wieder beweglich. 

• Deeskalation der Therapie: In bestimmten Situationen kann heute auf einzelne operative Schritte verzichtet werden – etwa auf die Entfernung von Wächterlymphknoten bei ausgewählten Patientinnen. Grundlage dafür sind neue wissenschaftliche Erkenntnisse und aktualisierte Leitlinien. 

• Engere Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche: Brustchirurgie, Plastische Chirurgie, Onkologie, Strahlentherapie und Psychoonkologie arbeiten heute eng zusammen, um Patientinnen möglichst umfassend zu begleiten. 

Diese Entwicklungen zeigen: Brustkrebstherapien werden immer präziser, schonender und stärker an die jeweilige Lebenssituation der Patientin angepasst. 

Welche Rolle spielt die psychologische Unterstützung vor und nach der Operation?

Die Diagnose Brustkrebs ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine enorme emotionale Belastung. Deshalb ist die psychoonkologische Betreuung ein zentraler Bestandteil moderner Brustzentren. Unsere Patientinnen erhalten viel Unterstützung, und zwar direkt nach der Diagnose, während der Therapie wie etwa Chemotherapie sowie natürlich auch vor und nach Operationen. Unsere Angebote reichen von Gesprächen mit unseren erfahrenen Psychoonkologinnen bis hin zu konkreten Hilfen wie Entspannungsübungen. Die Unterstützung ist selbstverständlich freiwillig, aber wir bekommen immer wieder gespiegelt, dass dies für viele Patientinnen eine große Hilfe im Umgang mit der Erkrankung ist.


Vivantes Brustzentrum

Die Sprechstunde ist Ihre zentrale und erste Anlaufstelle. Hier können Sie täglich und bei auffälligen Befunden auch sehr kurzfristig einen Termin vereinbaren. 

Diagnostik im Rahmen der Brustsprechstunde

Sollten Sie oder Ihre betreuende Ärztin/Ihr betreuender Arzt auffällige Befunde entdecken, können Sie sich durch die niedergelassene Kollegin/den niedergelassenen Kollegen zur weiteren ambulanten Abklärung in unsere Sprechstunde (MVZ) überweisen lassen. Hier werden alle erforderlichen bildgebenden Verfahren (Ultraschall, Mammographie, MRT) veranlasst.

Sollten Gewebeproben zur histologischen Sicherung notwendig sein, können Stanz- und Vakuumbiopsien direkt durchgeführt werden. Der feingewebliche Untersuchungsbefund liegt in der Regel am nächsten Tag vor und wird umgehend mit Ihnen besprochen.

Wird ein auffälliger Befund im Rahmen des Mammographiescreenings (für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren) festgestellt, so erfolgt die Abklärung im Screeningzentrum.

Unsere ambulante Betreuung umfasst ebenfalls Vor- und Nachsorgeuntersuchungen sowie Beratungen bei familiärer Brustkrebsbelastung. Sie können sich mit jeder Fragestellung gerne an uns wenden.

Terminabsprache

MVZ Brustsprechstunde
Melek Kurt
Tel. (030) 130 22 2040
Fax (030) 130 22 2045

 

Teilen Sie den Beitrag

Sie möchten diesen Artikel mit Kolleg*innen, Patient*innen oder in Ihrem Netzwerk teilen?