
Alkohol in der Familie: Wie eine Sucht Kinder belastet
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Alkoholsucht in Familien ist ein Tabuthema. Der Psychiater und Entwöhnungsexperte Dr. Alexander Stoll begleitet Betroffene auf ihrem Weg aus der Abhängigkeit und hat dabei stets auch die Situation der Kinder im Blick.
Im Interview: Dr. Alexander Stoll
Welche Vorbildfunktion haben Eltern in Bezug auf den Alkoholkonsum?
Der erste Kontakt mit Alkohol findet meist in der Familie statt. Sucht ist nicht erblich, aber Kinder lernen vom Verhalten der Eltern. Wer sieht, dass Eltern Alkohol zum Beispiel zur Stressbewältigung einsetzen, imitiert das, statt nach alternativen Strategien zu suchen. Hat ein Elternteil eine Alkohol Konsumstörung so hat das Kind ein sechsfach erhöhtes Risiko, ebenfalls später eine Konsumstörung zu entwickeln. Das Aufwachsen in einer suchtbelasteten Familie betrifft in Tempelhof-Schönberg 9000 Kinder.
Wie sollten Eltern das Thema mit ihren Kindern behandeln?
Eltern sind Vorbilder und sollten einen eher restriktiven Umgang mit Alkohol vor den Augen der Kinder pflegen. Wichtig ist auch, keine doppelbödigen Signale zu senden wie „wir sind älter, wir dürfen mehr trinken“. Wenn sich Jugendliche durch den Probierkonsum von den Eltern abgrenzen wollen, sollten sie merken, dass sich ihre Eltern für sie interessieren und sie mit Fürsorge und Sorge begleiten. Eltern können vermitteln, dass Grenzen austesten okay ist, aber nicht okay ist, sich völlig zu entgrenzen. Beruhigend zu wissen: ein Rausch führt nicht automatisch in die Alkoholabhängigkeit.
Was bedeutet es für Kinder, wenn die eigenen Eltern alkoholabhängig sind?
Der elterliche Fokus verschiebt sich von der Erziehung der Kinder hin zu eigenen Konsumbedürfnissen. Kinder wachsen mit der Erfahrung auf, lieber keine Freunde mit nach Hause zu bringen, weil sie nicht wissen, in welchem Zustand gerade das betreffende Elternteil ist. Für dieses wiederum übernehmen Kinder viel zu früh elterliche Pflichten und Verantwortungen. Dies führt dazu, dass Kinder brav elterliche Aufgaben meistern, während ihre eigene Entwicklung darunter leidet. So kann es zu Problemen in der Schule und in Freundschaften kommen. Vertrauen und Verlässlichkeit fehlen oft, und viele versuchen, die familiären Schwierigkeiten zu verbergen.
Was, wenn der Familienalltag trotz Sucht eines Elternteils zu funktionieren scheint?
Alkohol ist in vielen Haushalten selbstverständlich. Drei halbe Liter Bier gelten bei manchen noch als „normal“. Aber bereits über 0,3 Liter Bier pro Tag bei Frauen und über 0,5 Liter bei Männern sind ein riskanter Konsum. Die gesundheitlichen Schäden treten weniger kurzfristig, sondern vielmehr langfristig als Organschäden auf. So kann der Alltag zunächst tatsächlich noch gemeistert werden, jedoch längerfristig bemerken Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder weniger oder reagieren nicht angemessen darauf.
Woran erkennt das Umfeld betroffene Kinder?
Das ist schwierig, da die meisten Kinder auffällig unauffällig sind, manchmal ist das sogar genau ein erster Hinweis. Weitere Signale sind oft nur indirekt wahrnehmbar und müssen immer zusammen mit dem Verhalten der Eltern betrachtet werden.

Wie spricht man Betroffene im Umfeld an?
Ohne Vorwürfe – stattdessen mit ehrlicher Sorge. Zum Beispiel, indem man sagt, dass man sich wundert oder fragt, ob es der Person gut geht. Bei akuter Gefährdung eines Kindes ist man jedoch verpflichtet, zu handeln.
Wie unterstützt die Hartmut-Spittler-Fachklinik Menschen mit Alkoholabhängigkeit?
Die Klinik bietet Elternarbeit an – unter anderem Psychoedukation, Beratung und Training, wie man als Eltern kindgerecht kommuniziert über das eigene Suchtproblem. Zudem besteht eine enge Zusammenarbeit mit Hilfsangeboten für Kinder und Jugendliche, etwa dem Projekt „ESCAPE“ des Berliner Notdienstes oder aufsuchenden Erziehungshilfen der Jugendämter.
Wann wird ein Kind in Obhut genommen?
Nur im Extremfall im Rahmen einer akuten Krise. Zunächst werden immer Hilfsangebote geprüft, die die Familie stabilisieren. Nicht selten gibt es Therapieauflagen, damit Eltern ihr Sorgerecht behalten können. Die Möglichkeit, bei ihren Kindern zu bleiben, ist für viele eine starke Motivation, mit Hilfe unserer Therapie sich zu verändern.
