
Die Niere - das stille Hochleistungsorgan
Veröffentlicht am
Die Niere ist ein Schwerstarbeiter im Körper. Wie wichtig ihre Funktion ist und wie Nierenerkrankungen erkannt werden können, erklärt der nephrologische Chefarzt Dr. Süha Dasdelen vom Vivantes Humboldt-Klinikum.
Hauptaufgabe der Niere: Das Blut reinigen
Die Nieren filtern Stoffwechselabbauprodukte, Giftstoffe, Medikamente, überschüssige Salze und Wasser aus dem Blut. Etwa 1.500 bis 1.800 Liter Blut werden pro Tag durch die Nieren gepumpt – also nahezu das gesamte Blutvolumen rund 300-mal.
Aus dem gefilterten Blut entsteht der sogenannte Primärharn (ca. 150–180 Liter/Tag). Der größte Teil wird danach wieder zurück in den Körper resorbiert. Übrig bleibt der Endharn, der über die Harnleiter zur Blase gelangt.
Im Durchschnitt scheidet der Mensch ein bis zwei Liter Harn pro Tag aus – und reguliert damit:
- den Flüssigkeitshaushalt
- den Elektrolytgehalt
- das Säure-Basen-Gleichgewicht
- die Blutdrucksteuerung (u. a. über Renin)
- die Blutbildung (über Erythropoetin)
Die Niere ist also nicht nur ein Filterorgan, sondern ein zentrales Regulationsorgan des gesamten Organismus.
„Nierenerkrankungen bleiben in frühen Stadien häufig symptomlos, deshalb sind sie so tückisch. Viele Betroffene bemerken erst spät, dass die Nierenfunktion eingeschränkt ist. Das liegt daran, dass die Niere selbst bei deutlichem Funktionsverlust noch kompensieren kann.“

Erkrankungen der Niere - ein Überblick
Frühe Warnzeichen für Nierenerkrankungen können sein:
- neu aufgetretener oder schwer einstellbarer Bluthochdruck
- Kopfschmerzen, Schwindel, Unwohlsein
- Wassereinlagerungen (Ödeme)
- Übelkeit, Appetitlosigkeit
Gerade der plötzliche Blutdruckanstieg („entgleiste Hypertonie“) ist ein häufiger erster Hinweis auf eine relevante Nierenerkrankung.
Häufige Nierenerkrankungen – ein Überblick
Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer chronischen Nierenerkrankung.
Häufige Ursachen sind:
- Diabetes mellitus (häufigste Ursache weltweit)
- Arterielle Hypertonie
- Zystennieren
- Entzündliche Nierenerkrankungen (z. B. Glomerulonephritis)
- Schmerzmittel-induzierte Schäden
- Gefäßerkrankungen der Niere
Zystenniere oder auch Polyzystische Nierenerkrankung (ADPKD)
Die Zystenniere gehört zu den häufigsten genetischen Erkrankungen überhaupt. Eine Zystenniere wird in der Regel durch Sonografie diagnostiziert. Bei unklaren Befunden werden ergänzend CT oder MRT eingesetzt.
„Moderne können heute in geeigneten Fällen das Fortschreiten einer Zystenniere bremsen. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber früheren Jahrzehnten“, erklärt Chefarzt Dr. Süha Dasdelen. Therapeutisch stünden– abhängig von der Form der Zystenniere – zur Verfügung:
- Tolvaptan zur Progressionsverlangsamung bei autosomal-dominanter polyzystischer Nierenerkrankung (ADPKD)
- sonst rein konservative Maßnahmen (Blutdruckkontrolle, Schmerztherapie, Infektbehandlung)
Akutes vs. chronisches Nierenversagen
Akutes Nierenversagen (AKI): Akute Schädigungen treten oft plötzlich auf und können durch folgende Faktoren ausgelöst werden:
- Infekte
- Flüssigkeitsmangel
- Medikamente (z. B. NSAR)
- akute Blutdruckentgleisungen
- Gefäßerkrankungen
Typische Symptome bei fortgeschrittenem AKI:
- schnelle Gewichtszunahme durch Wasser
- kaum Urinausscheidung
- Übelkeit, Erbrechen
- Juckreiz, Müdigkeit
- Atemnot bei Flüssigkeitsüberladung
Chronische Niereninsuffizienz (CKD):
Chronische Erkrankungen verlaufen schleichend. Erst spät zeigen sich:
- Müdigkeit, Leistungsminderung
- Appetitlosigkeit
- Konzentrationsstörungen
- ausgeprägter Juckrei
- im Endstadium: Urämie
Ab wann ist eine Dialyse notwendig?
Eine Dialyse wird notwendig, wenn:
- die GFR dauerhaft unter 10–15 ml/min liegt und/oder
- klinische Symptome einer Urämie auftreten
- eine therapierefraktäre Überwässerung besteht
- massive Elektrolytstörungen (z. B. Hyperkaliämie) auftreten
- eine schwere metabolische Azidose nicht mehr kompensiert werden kann
- der Blutdruck trotz Therapie nicht kontrollierbar ist
Der nephrologische Chefarzt Dr. Süha Dasdelen ordnet ein: „Entscheidend ist heute nicht mehr allein der Laborwert, sondern die Gesamtsituation der Patientin oder des Patienten – eine Kombination aus Labor, Klinik und Lebensqualität.“
Gute Chancen bei frühzeitiger Therapie
Die Nephrologie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht:
- neue Medikamente zur Verzögerung des CKD-Fortschritts (SGLT2-Inhibitoren, Finerenon)
- genetische Diagnostik bei unklaren Nierenerkrankungen
- moderne Verfahren in Dialyse und Transplantation
- bessere Kontrolle von Herz-Kreislauf-Risiken
Viele Nierenerkrankungen lassen sich heute deutlich besser behandeln als noch vor einigen Jahren. Die Nieren arbeiten unermüdlich – oft im Stillen. Genau deshalb ist Aufmerksamkeit so wichtig: Regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Laborparametern und Urinstatus helfen, Nierenerkrankungen frühzeitig zu erkennen und effektiv zu behandeln.
Was auf Nierenfunktionsstörungen hindeutet

Dr. Süha Dasdelen, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin – Nephrologie im Vivantes Humboldt-Klinikum, erklärt die Funktion der Niere und ihre möglichen Erkrankungen.
Herr Dr. Dasdelen, woran merkt man, dass die Nieren nicht richtig arbeiten?
Dasdelen: Eine Nierenfunktionsstörung beziehungsweise ein akutes Nierenversagen ist in der Frühphase der Erkrankung leider häufig relativ symptomlos, oder es finden sich nur unspezifische Allgemeinbeschwerden. Entscheidend dabei ist auch die Dynamik des Krankheitsgeschehens. Liegen chronische Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes vor, die bei schlechter therapeutischer Einstellung eine eher chronisch schleichende Beeinträchtigung der Nierenfunktion herbeiführen können, geschieht dies häufig relativ symptomarm, zuweilen sogar gänzlich symptomlos.
In frühem Stadium ist es also nicht einfach, geschädigten Niere zu erkennen...
Dasdelen: Stimmt. Anders ist es allerdings bei einer akuten Nierenschädigung. Hier zeigt sich nicht selten eine deutliche Wassereinlagerung im Körper (generalisierte Ödeme), häufig begleitet von einem deutlichen Anstieg des Blutdrucks und Versagen der Urinproduktion. Eine entgleiste Hypertonie, also ein plötzlicher, massiver Blutdruckanstieg, ist nicht selten auch die erste Veränderung im Körper, die auf eine Nierenerkrankung hinweisen kann. Im Rahmen dessen zeigen sich Kopfschmerzen, Unwohlsein und Schwindel.
Ab einem höhergradigen Nierenversagen ist der Körper nicht mehr in der Lage, ausreichend entgiftet zu werden. Dies kann dann durch eine Akkumulation, also Ansammlung, der giftigen Stoffwechselendprodukte zu einer Symptomatik mit Appetitminderung, morgendlicher Übelkeit, Erbrechen sowie hartnäckigem Juckreiz führen. Später kommen erhebliche Müdigkeit, Leistungsminderung und Konzentrationsstörungen hinzu. In fortgeschrittenen Stadien zeigen sich dann auch eine deutliche Gewichtsabnahme beziehungsweise ein kataboler (abbauender) Zustand. Dieser Endzustand wird als Urämie (Harnvergiftung) bezeichnet.
Ab wann ist eine Dialyse nötig?
Dasdelen: Die Notwendigkeit einer Dialysebehandlung setzt sich zusammen aus den objektivierbare Laborparametern sowie aus dem klinischen Bild der fortgeschrittenen Nierenfunktionsstörung. Das Maß für die Nierenfunktion, die sogenannte Glomeruläre Filtrationsrate (GFR), wird normalerweise errechnet beziehungsweise geschätzt aus dem wichtigsten Laborparameter für die Nierenfunktion, dem Serum – Kreatinin. Sinkt die GFR unter einen Wert von 10–15 ml/min, muss eine Dialysebehandlung in Erwägung gezogen werden.
Auch die oben genannten Symptome als Ausdruck einer Nierenvergiftung werden stets mitberücksichtigt. Weiterhin ist entscheidend, ob der Volumenhaushalt nicht mehr ausreichend durch die Nieren reguliert werden kann und es zu einer therapierefraktären Überwässerung der Patientin oder des Patienten kommt. Ebenso können sowohl eine schwere Übersäuerung des Körpers als auch ein schlecht oder nur medikamentös unzureichend eingestellter Blutdruck die Einleitung einer Dialysetherapie notwendig machen.
Für viele Patientinnen und Patienten hat sich die Behandlung von Nierenerkrankungen in den vergangenen Jahren spürbar verbessert. Moderne Medikamente wie SGLT2-Inhibitoren und Finerenon schützen nicht nur die Nieren, sondern auch Herz und Gefäße. Gleichzeitig ermöglichen genetische Diagnostik sowie technische Fortschritte in Dialyse und Transplantation eine individuellere und schonendere Therapie.
