„Bei uns ist nichts peinlich“ – was tun bei Erektionsstörungen?

Veröffentlicht am

Erektionsstörungen - medizinisch erektile Dysfunktion genannt - können Männer jeden Alters betreffen. Dr. Josefine Horscht, kommissarische Sektionsleitung der Abteilung rekonstruktive Urologie im Vivantes Klinikum Am Urban erklärt, welche Gründe es gibt und was man dagegen tun kann.

Im Interview: Dr. Josefine Horscht

Viele Männer schämen sich, über Erektionsstörungen zu sprechen. Taucht das Thema in Ihrer Sprechstunde eher „nebenbei“ auf, oder kommen die Betroffenen dafür gezielt zu Ihnen?

In der Regel kommen die Patienten mit diesem Anliegen sehr bewusst zu mir. Häufig werden sie vom Hausarzt, Internisten oder Urologen überwiesen, sodass wir direkt mit der zentralen Frage starten: Welche Behandlung ist in diesem konkreten Fall sinnvoll? Ich betone dabei immer: In unserer Sprechstunde gibt es nichts Peinliches. Wer sich hier öffnet, wird ausschließlich medizinisch und ohne jede Wertung betrachtet.

Sie steigen also direkt mit der Ursachenklärung ein?

Ja – zumindest beginnen wir früh mit der Einordnung. Ein strukturiertes Anamnesegespräch gehört immer dazu: Was genau funktioniert beim Sex – und was nicht? Leben Sie in einer Beziehung? Seit wann treten die Probleme auf, wie häufig, und in welchen Situationen? Passiert es nur mit der Partnerin oder dem Partner – oder gibt es die Schwierigkeiten auch bei der Selbstbefriedigung? Diese konkreten Fragen helfen, die möglichen Ursachen systematisch einzugrenzen und den nächsten diagnostischen und therapeutischen Schritt sinnvoll zu planen.

Sind die Ursachen häufiger psychisch oder körperlich?

Das hängt stark vom Alter und der Gesamtsituation ab. Rein psychische Auslöser sehe ich eher bei jüngeren Männern. Mit zunehmendem Alter finden wir deutlich häufiger organische Ursachen. Wichtig ist aber: Körper und Psyche lassen sich hier kaum trennen. Eine körperliche Störung kann psychisch stark belasten – etwa durch Versagensängste – und umgekehrt können psychische Faktoren die Erektionsfähigkeit spürbar beeinflussen oder bestehende organische Probleme verstärken.

Wie beraten Sie junge Männer, die aus psychischen Gründen keine Erektion bekommen?

Oft sind das Sexanfänger oder postpubertäre junge Männer, die eine einzelne Situation als „Versagen“ werten und daraus ableiten, die Partnerin oder der Partner sei unzufrieden gewesen. Dann entsteht Erwartungsangst – und genau die macht es beim nächsten Mal eher schlimmer. Denn Stress und Angst sind der Feind der Erektion.
Ich versuche zunächst zu entlasten und zu erklären, dass das in diesem Alter häufig vorkommt und nichts mit „Männlichkeit“ zu tun hat. Danach geht es darum, den Leistungsdruck rauszunehmen: den Fokus weg von „es muss klappen“ hin zu Nähe, Erregung und Kommunikation. Wenn sich der Teufelskreis aus Angst und Vermeidung festsetzt oder stark belastet, kann sexualtherapeutische Unterstützung sehr hilfreich sein.

Und Angst lässt sich nicht steuern …

Stimmt – und trotzdem ist Angst erst einmal ein sinnvolles Alarmsystem. Man kennt das aus ganz anderen Situationen: Wer vor einer wichtigen Präsentation steht oder in eine Prüfung geht, merkt plötzlich Herzklopfen, schwitzige Hände, einen trockenen Mund. Der Körper schaltet auf „Anspannung“, weil er Leistung erwartet. Für Sexualität ist genau dieser Modus aber ungünstig.
Das Schwierige ist: Versagensangst beim Sex läuft oft unterschwellig, fast automatisch. Umso wichtiger ist es, sie bewusst zu machen und einzuordnen: „Hier besteht keine Gefahr, ich muss nichts beweisen.“ Allein dieses Umdenken nimmt häufig schon Druck heraus.
Manchmal helfe ich zusätzlich kurzfristig, zum Beispiel einmalig mit Sildenafil (Viagra). Das ist dann weniger eine Dauerlösung als ein Türöffner: Der Patient erlebt, dass es körperlich funktioniert. Dieses Erfolgserlebnis gibt Selbstvertrauen zurück – und oft klappt es beim nächsten Mal auch ohne Medikament.

Viagra wirkt also stärker als diese Versagensangst?

In vielen Fällen ja. Wichtig ist: Sildenafil wirkt nicht „von selbst“ – sexuelle Erregung bleibt die Voraussetzung. Ist sie vorhanden, unterstützt das Medikament die Entspannung der Blutgefäße im Penis, sodass die Durchblutung verbessert wird und eine Erektion leichter entsteht und stabiler erhalten bleibt. Damit kann der körperliche Effekt die stress- oder angstbedingte Hemmung oft deutlich abmildern.

Welche körperlichen Ursachen gibt es für Erektionsstörungen?

Sehr häufig liegen organische Faktoren zugrunde – und drei Konstellationen sehe ich in der Praxis besonders oft:
Erstens Folgen von Krebsbehandlungen im Beckenbereich, etwa an Prostata, Blase oder Rektum. Operationen und Bestrahlung können Nerven und Gefäße beeinträchtigen, die die Erektion steuern. Das kann auch bei nervenschonenden Verfahren passieren. Wenn die Reizleitung deutlich gestört ist, reichen PDE-5-Hemmer wie Sildenafil manchmal nicht aus. Dann kommen alternative Verfahren infrage, zum Beispiel die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT).
Zweitens Diabetes mellitus. Durch Gefäß- und Nervenschäden – häufig an den kleinsten Gefäßen (Mikroangiopathie) – wird die Durchblutung des Penis schlechter. Die Folge ist oft, dass die Erektion nicht ausreichend fest wird oder nicht stabil bleibt. Zudem kann eine Erektionsstörung hier ein wichtiges Frühwarnsignal für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein und sollte entsprechend ernst genommen werden.
Drittens Bluthochdruck und Gefäßschäden. Auch hier leidet die Gefäßfunktion, was sich direkt auf die Erektion auswirken kann. Hinzu kommt, dass manche blutdrucksenkenden Medikamente die Situation verstärken können. Deshalb gehört immer auch eine Überprüfung der Medikation dazu – häufig lassen sich Alternativen finden, die den Blutdruck gut kontrollieren, ohne die Sexualfunktion zusätzlich zu beeinträchtigen. Wichtig ist dabei: Bei bestimmten Herzmedikamenten, insbesondere Nitraten, sind PDE-5-Hemmer wie Sildenafil strikt kontraindiziert.

Das betrifft eher ältere Patienten?

In der Regel ja. Organische Ursachen sehen wir deutlich häufiger mit zunehmendem Alter. Bei jüngeren Männern gibt es nur eine kleine Gruppe, bei der tatsächlich eine körperliche Ursache im Vordergrund steht – das sogenannte venöse Leck. Dabei schließen die venösen „Ventile“ im Schwellkörperbereich nicht ausreichend, sodass Blut zu schnell wieder abfließt und die Erektion nicht stabil bleibt.
Das lässt sich in ausgewählten Fällen relativ unkompliziert behandeln: durch einen interventionellen Eingriff, bei dem die betroffenen Venen gezielt verschlossen werden, um den Rückfluss zu reduzieren und die Erektionsstabilität zu verbessern.

Welche Untersuchungen werden bei einer Erektionsstörung durchgeführt?

Dazu gehört immer auch eine körperliche Untersuchung. Wir schauen uns die äußeren Genitalien an, tasten Hoden und Penis ab und achten auf Hinweise wie Veränderungen der Haut, Verhärtungen oder anatomische Besonderheiten. Im nächsten Schritt folgt meist die Gefäßdiagnostik, häufig direkt kombiniert: per Doppler-Ultraschall beurteilen wir die relevanten Arterien und messen die Flussgeschwindigkeit. Oft wird im selben Termin mit einer SKAT-Injektion eine kontrollierte Erektion ausgelöst und anschließend erneut im Ultraschall geprüft, wie der Blutfluss und das „Halten“ der Erektion funktionieren. Aus diesen Befunden ergeben sich dann die nächsten diagnostischen und therapeutischen Schritte.

Was kann gegen Erektionsstörungen getan werden?

Eine bewährte, nicht-medikamentöse Option ist die Vakuumerektionshilfe, oft auch Penispumpe genannt. Direkt vor dem Geschlechtsverkehr wird ein Kunststoffzylinder auf den Penis gesetzt und durch Unterdruck wird Blut in die Schwellkörper gezogen. Anschließend wird ein Penisring übergestreift, der den Blutabfluss bremst; danach wird die Pumpe entfernt und die Erektion bleibt für den Verkehr stabil genug. In der Praxis ist es häufig hilfreich, die Anwendung nicht als rein „technischen“ Schritt zu sehen, sondern sie gemeinsam mit der Partnerin oder dem Partner in das Vorspiel zu integrieren. Das nimmt Druck und macht die Methode alltagstauglicher.

 

Gibt es auch operative Möglichkeiten?

Ja – allerdings ist das in der Regel die letzte Option, wenn konservative Maßnahmen ausgeschöpft sind, also Medikamente, Hilfsmittel und Lebensstilfaktoren. Dann kann man über eine Penisprothese nachdenken: Dabei wird die Funktion der Schwellkörper durch Implantate ersetzt. Wichtig ist die realistische Einordnung: Es handelt sich um einen wirksamen Eingriff, aber mit Komplikationsraten von bis zu etwa 10 Prozent, weshalb man ihn sehr sorgfältig abwägt.
Grundsätzlich gibt es zwei Varianten:
•    Biegsame („malleable“) Implantate: Das sind Silikonzylinder, die dauerhaft eine gewisse Steifigkeit haben und je nach Bedarf positioniert werden. Technisch ist das einfacher, aber der Penis bleibt grundsätzlich eher steif.
•    Hydraulische Penisprothese: Hier werden zwei Hohlkörper implantiert. Zusätzlich sitzt eine Pumpe im Hodensack und ein Flüssigkeitsreservoir im Bauchbereich. Bei Bedarf wird Flüssigkeit in die Zylinder gepumpt – so entsteht eine Erektion, die sich anschließend wieder entleeren lässt.
Die Sensibilität bleibt dabei in der Regel erhalten. Was Patienten wissen sollten: Die Eichel wird durch die Prothese nicht aktiv versteift und bleibt häufig weicher; die Stabilität entsteht vor allem durch die implantierten Zylinder.

Wie ist es für Sie als Frau, Männer in diesem Themenbereich zu beraten und behandeln?

Als Frau habe ich damit sehr gute Erfahrungen – oft sogar einen Vorteil. Viele Männer merken schnell, dass sie bei mir nicht in einem Konkurrenz- oder Bewertungsmodus landen, sondern in einer klar medizinischen, respektvollen Atmosphäre. 
Ich spreche das Thema sachlich an, stelle präzise Fragen und vermittle: Hier geht es nicht um „Leistung“, sondern um Gesundheit und Lebensqualität. Wenn man das so rahmt, entsteht häufig erstaunlich schnell Vertrauen – und genau das ist die Grundlage, um offen über etwas zu sprechen, das vielen zunächst unangenehm ist.

 

Über die Klinik für Urologie

In der Klinik für Urologie sorgt ein hoch qualifiziertes Team für eine individuelle, kompetente sowie persönliche Beratung und Behandlung auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Das gesamte Team der Klinik für Urologie, das Pflegeteam auf den Stationen, dem Funktionsbereich und im OP, alle Ärzt*innen und Mitarbeitenden der anderen Berufe haben das gemeinsame Ziel, Sie in allen Bereichen Ihres Klinikaufenthaltes zu unterstützen und stets ansprechbar zu sein.

Unser Team

Kontakt und Sprechstunden

Teilen Sie den Beitrag

Sie möchten diesen Artikel mit Kolleg*innen, Patient*innen oder in Ihrem Netzwerk teilen?