Beckenbodenschrittmacher: vorbei die ständige Toilettensuche

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Permanenter Stuhldrang, unkontrollierter Stuhlverlust oder Probleme beim Wasserlassen – wie die sakrale Neuromodulation (SNS) - auch bekannt als „Beckenbodenschrittmacher“ - Betroffenen den Leidensdruck im Alltag nimmt.

Interview mit Chefarzt Dr. med. Skander Bouassida

Herr Dr. Bouassida, was bedeutet schwere Inkontinenz für Betroffene?

Viele Menschen mit Inkontinenz oder Entleerungsstörungen berichten mir, dass sie gar nicht mehr aus dem Haus gehen, oder nur noch, wenn sie wüssten, wo die nächste Toilette ist – einfach aus Angst vor einem „Unfall“. Reisen, Restaurantbesuche, Familienfeste oder Sport werden zur Belastungsprobe. In der Folge ziehen Betroffene sich zurück, verlieren ihre Spontaneität und Freiheit. 
Auch Intimleben und Partnerschaft können massiv leiden. Viele schämen sich, oder entwickeln depressive Symptome, was auch gravierende Folgen für Familie und Beruf haben kann. Im höheren Alter ist Stuhlinkontinenz zudem ein Hauptfaktor für eine Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung.

Wer ist besonders betroffen?

Inkontinenz kann jeden treffen, in jedem Alter – besonders häufig sehen wir es bei älteren Menschen, bei Frauen nach vaginalen Geburten und bei Patientinnen und Patienten nach Operationen oder Bestrahlungen im Bereich des Mastdarms.

Aber niemand muss das einfach hinnehmen. Es gibt heute gute medizinische Möglichkeiten – weit über Windeln oder einen künstlichen Ausgang hinaus. Betroffene sollten den Mut finden, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen.

Eine Option ist der sogenannte Beckenbodenschrittmacher. Wie funktioniert der?

Ähnlich wie ein Herzschrittmacher reguliert das kleine Gerät über zwei weiche Drähte elektrische Signale im Körper. Allerdings geht es hier nicht um das Herz, sondern um die Nerven im Beckenboden. Diese steuern Darm, Blase und Teile der Sexualfunktion, sind eng verbunden mit dem Hirn und dem Rückenmark. Bei der sakralen Neuromodulation werden spezielle weiche Elektroden an diese Nerven herangeführt, um gestörte Signalwege zu optimieren.

Sakrale Neuromodulation

Behandlungsbereiche:

• Stuhlinkontinenz (häufigste Diagnose)
• überaktive Blase mit häufigem Harndrang
• Harnverhalt mit Restharnbildung (Atone Blase)
• bestimmten Formen chronischer Verstopfung
• ausgewählten chronischen Beckenbodenschmerzen
• LARS: Kombination aus Inkontinenz, Drang und Entleerungsstörung nach Rektum-OP oder Bestrahlung

Das klingt technisch aufwendig – ist das ein großer Eingriff?

Der technische Aufwand und die notwendige Expertise sind zwar hoch, der Eingriff selbst ist aber sehr schonend. Wir operieren nicht direkt am geschädigten Organ, also Darm oder Blase, sondern platzieren die Elektrode in der Nähe der Sakralnerven. Nicht am Rückenmark, nur über einen wenige Millimeter großen Stich am Kreuzbein. Die Batterie kann – je nach Bedarf – 3 bis 15 Jahre halten und ist unkompliziert wechselbar.

Wie wirkt diese Therapie im Alltag?

Das Ziel ist nicht, Darm oder Blase „fernzusteuern“. Vielmehr verbessern wir die natürlichen Abläufe und die Kommunikation zwischen Gehirn und Beckenorganen. Der Drang ist wieder besser wahrnehmbar und kontrollierbar, Kraft und Sicherheit steigen. 

Wie lässt sich herausfinden, ob man für das Verfahren geeignet ist?

Es gibt eine vorgeschaltete Testphase. Über zwei bis vier Wochen prüfen wir mit einem externen Gerät, ob die Therapie anschlägt und justieren die Reizströme nach. Nur wenn eine mindestens fünfzigprozentige Verbesserung eintritt, und die Betroffenen zufrieden sind, wird das System dauerhaft unter der Haut implantiert. Danach ist nur noch eine jährliche Routinekontrolle nötig. 

Gibt es Patient*innen, bei denen die Methode nicht wirkt?

Ja. Voraussetzung ist, dass die Nervenverbindung grundsätzlich noch vorhanden ist. Bei kompletter Querschnittlähmung etwa ist die Therapie nicht wirksam. Ein anderer Aspekt sind die Erwartungen der Patientinnen und Patienten: Die Symptome verbessern sich, aber nicht immer kann eine perfekte Kontinenz garantiert werden.
In jedem Fall klären wir zunächst sorgfältig ab, ob die Beschwerden durch eine behandelbare Ursache entstehen. Beispielsweise kann ein Darmvorfall, eine Senkung der Beckenorgane oder Verletzungen des Schließmuskels ähnliche Symptome verursachen. Außerdem sollten konservative Therapien bereits ausgeschöpft sein. Dazu gehören Ernährungsanpassungen, Medikamente, Beckenbodentraining oder Physiotherapie.

Über 370 Beckenbodenschrittmacher in 15 Jahren

Handelt es sich um eine Kassenleistung?

Die sakrale Neuromodulation ist ein seit den 1980er Jahren etabliertes Verfahren, wir haben seit 2011 Erfahrungen damit gesammelt und inzwischen über 370 Beckenbodenschrittmacher eingesetzt. Grundsätzlich handelt es sich um eine Kassenleistung, auch wenn sich die Kassen zunehmend schwertun, den Eingriff zu bezahlen und wir uns immer neu dafür einsetzen müssen – obwohl die Gesundheitskosten für die Inkontinenz dadurch viel geringer sind. 
 

Koloproktologie im Vivantes Humboldt-Klinikum

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