
Fragen frischgebackener Eltern – ein Besuch im SPZ
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Janine Koch arbeitet im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Vivantes Klinikum im Friedrichshain als Kindertherapeutin und Osteopatin. Fragen und Nöte die von Eltern an sie herangetragen werden, gehen oft über die körpertherapeutische Behandlung hinaus.
Im Interview: Janine Koch
Janine Koch arbeitet im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Vivantes Klinikum im Friedrichshain als Kindertherapeutin und Osteopatin. Fragen und Nöte die von Eltern an sie herangetragen werden, gehen oft über die körpertherapeutische Behandlung hinaus.
Erwachsene kommen oft mit Schmerzen und Spannungsstörungen zu Physiotherapeut*innen und Osteopat*innen – aus welchen Gründen sind Säuglinge bei Ihnen in Behandlung?
Frühgeborene haben häufig motorische Entwicklungsstörungen, die ich als Physiotherapeutin beurteile und wenn nötig behandle. Je nachdem, wie Schwangerschaft und Geburt für das Baby verlaufen sind, welche Erfahrungen die Säuglinge nach der Geburt gemacht haben, können sie Spannungsstörungen im Körper haben, die sich auf die Bewegungen auswirken. Manchmal sind das auch Hinweise auf darüber hinaus gehende Erregungszustände des vegetativen Nervensystems die sich körperlich äußern.
Auf welchem Weg finden die Familien zu Ihnen?
Für Frühgeborene, die vor einer bestimmten Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, wird die Begleitung durch das SPZ schon in der Klinik angeboten. Gerade zum Lebensbeginn, besonders mit einem längeren Klinikaufenthalt als Start, sind es besondere Herausforderungen die von der Familie bewältigt werden müssen. Eine Physiotherapeut*in gehört zu den ersten klinischen Kolleg*innen, die einen Säugling sehen. Eltern sind zu Beginn nicht immer sicher im Umgang mit den Frühchen, sodass wir sie therapeutisch auffangen und im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) das weiterführen, was auf der Station in der Klinik begonnen wurde.
Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Eltern?
Die Eltern spielen eine entscheidende Rolle. Heutzutage geht leider vielen die Intuition verloren. Menschen sind zunehmend in den sozialen Medien unterwegs, sind verunsichert, lesen schnell etwas nach, hören weniger auf ihr Bauchgefühl. Dazu kommt, dass Eltern von Frühgeborenen lange auf der Station bleiben, manchmal acht bis zwölf Wochen, wo ihnen ein Großteil der Verantwortung abgenommen wird. Das ist auch richtig so, schließlich geht es mitunter um Leben und Tod. Wenn sie entlassen werden, stehen sie aber im luftleeren Raum, allein mit ihren Sorgen.
Wie kann ihnen geholfen werden?
Hier im SPZ versuchen wir ihnen einen Rahmen zu geben, einen Ort, wo sie ihre Fragen loswerden können, die meistens den ganz praktischen Alltag betreffen: Wie drehe ich mein Kind vom Rücken auf den Bauch? Wie trage ich es am besten? Wie hebe ich es hoch? Reicht ein Maxi-Cosi, oder brauche ich einen Kinderwagen? Darf ich eine Tragevorrichtung benutzen? Es geht aber auch um die Nachsorge, wenn zum Beispiel keine unterstützende Familie zu Hause vor Ort ist. Natürlich hilft es, wenn die Oma mal eine Gemüsesuppe kocht. Aber das Leben in Kleinfamilien mit dem Generationenwissen gibt es immer seltener.
Werden auch Fragen gestellt, die über die Körpertherapie hinausgehen?
Wir haben zum Glück ein sehr breit aufgestelltes Team. Jedem Kind sind Kolleg*innen aus der Neuropädiatrie zugeordnet, Psycholog*innen, Physio-, Ergo-, Logopäd*innen, die mit ihrem Fachwissen unterstützen. Natürlich haben die Eltern sehr viele und große Fragen. Der soziale Druck ist hoch. Sie gehen wieder arbeiten, das eigene Kind wird älter. Wird es jemals laufen lernen? Wird es sprechen? Auf eine klassische Schule gehen? Ich werde auch von Eltern eines drei Monate alten Kindes gefragt, ob es Abitur machen wird. Weil die Sorgen groß sind.
Was antworten Sie?
Ich beantworte ehrlich, was ich beantworten kann und denke dabei in kleinen Schritten. Mein Ziel ist jeweils die altersgemäße Teilhabe des Kindes. Das versuche ich auch den Eltern zu vermitteln: Jetzt geht es erst einmal darum, was wir im Laufe der nächsten drei Monate erreichen können. Und wenn ich keine Antwort habe, versuche ich an die Expert*innen unseres Netzwerks zu vermitteln.

Was wären wichtige Ziele der Behandlung von Säuglingen?
Eine altersgerechte Teilhabe und damit Motorik. Kann das Baby greifen? Die Hand zum Mund führen? Es geht um das Zusammenspiel von Struktur, bezogen auf körperliche Einschränkungen und Funktionen – mit Blick auf die Haltung und Bewegung. Bei einer Zerebralparese kann es beispielsweise zu Beeinträchtigungen der Koordination, der Motorik, und der Sprache kommen, weil das frühkindliche Gehirn geschädigt wurde.
Behandeln Sie auch ältere Kinder?
Ja, wir begleiten die Familien von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr, ganzheitlich, je nach Unterstützungsbedarf. Bei den ganz Kleinen geht es häufig um Themen wie Essen, Spontanmotorik. Später um die altersgerechte Koordination und die Teilhabe im Umfeld Kita/Schule, das Verhalten, den Umgang mit Anderen. Wenn ein Kind nicht oder zeitverzögert Laufen lernt, kümmern wir uns um die Hilfsmittelversorgung. Hier geht es – wie in allen Altersstufen - um Teilhabe.
Was bedeutet Teilhabe im Rahmen der Therapie?
Wir begleiten bei dem Weg durch verschiedene Lebensphasen, den Umfang bestimmt immer die Familie. Dabei geht es nicht nur um medizinische Möglichkeiten, oder unsere Ziele und Vorstellungen, sondern um die Kinder und ihre individuellen Bedürfnisse. Beim Anamnesegespräch frage ich: „Was ist DEIN Ziel, was möchtest DU? Wenn ein Jugendlicher zum Beispiel „allein ein Eis essen gehen“ möchte, ohne seine Mutter, aber nicht laufen kann, dann besteht die Teilhabe darin, dass wir vielleicht eher eine:n Einzelfallhelfer:in oder einen Rollstuhl etablieren, um das Ziel des Kindes zu erreichen.
Wer kann Ihre Unterstützung in Anspruch nehmen?
Die Überweisung ins SPZ erfolgt immer über Kinderärzt*innen oder die Klinik bei komplexen Fällen, oder Frühgeburten. Es werden aber auch 14jährige überwiesen, weil sie beispielsweise Kopfschmerzen haben und dadurch hohe Fehlzeiten in der Schule, ihren Hobbys und Interessen nicht mehr nachgehen können. Dann erfolgt neben einer ausführlichen klinischen Untersuchung, Laborwerten bei Bedarf auch eine Diagnostik über bildgebene Verfahren (z.B.MRT). Sind körperliche Reaktionen medizinisch erklärbar aufgrund der Diagnostik? Hat die Symptomatik etwas mit dem vegetativen Nervensystem zu tun? Hat der Jugendliche besonders großen Stress?
Der Kontakt mit Ihnen ist sehr persönlich, vielleicht sogar intim. Hat die Chemie mit den jungen Patient*innen mal nicht gestimmt?
Ehrlich gesagt kam das nie wirklich so vor. Kinder sind sehr direkt und wenn man ihnen ehrlich und offen begegnet, dann findet man eigentlich immer einen Zugang. Es sind eher, aber wirklich selten, mal Schwierigkeiten im Kontakt mit den Eltern, besonders wenn die Interaktion zwischen Eltern und Kindern nicht harmonisch und/oder angespannt ist, Eltern sehr aufgeregt sind und viele Sorgen und Nöte haben. Abgesehen davon würde ich mich auch nicht von jedem anfassen und behandeln lassen. Ich versuche einen Zugang zu finden, indem ich zuhöre: Und ein „Nein“ ist ein nein.
Welche Techniken nutzen Sie in der Therapie?
Je nach Diagnose gibt es verschiedene Methoden der neurologischen Krankengymnastik bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Dabei werden Körperzonen aktiviert, damit Bewegungsmuster neu abgespeichert, die Koordination und das Gleichgewicht verbessert werden. Dann leitet man die Eltern immer im Handling an, unterstützt bei den aktuellen Haltungs – und Bewegungsmustern und gestaltet gemeinsam das häusliche Umfeld (z.B. Spielangebote). Es gibt viele weitere Möglichkeiten dem Kind und der Familie therapeutisch zu begegnen. Ich versuche eine Technik zu finden, die nicht nur zu den Kindern, sondern auch zu den Eltern passt, damit es einen direkten Übertrag in das häusliche Umfeld geben kann.
Was empfehlen Sie Eltern, die ihre Kinder unterstützen wollen?
Zunächst einmal sollten die Eltern nicht zu streng mit sich selbst sein, keiner von uns ist perfekt und sollte den Anspruch haben perfekt zu sein. Mütter könnten sich untereinander mehr stützen und gnädiger miteinander sein, statt sich Vorwürfe zu machen oder übereinander zu urteilen. Denn nicht selten gibt es einen Wettstreit oder ein Ranking unter Müttern darüber, wie die Geburt verlaufen ist, wie es mit dem Stillen und Füttern klappt. Gerade für unsere Familien im SPZ mit einem schwierigen Start für ihr Frühgeborenes in das Leben, sind solche Vergleiche toxisch und nicht selten ziehen sich Mütter in dieser Zeit aus dem sozialen Leben zurück. Schaffen sie sich Ressourcen, beziehen sie ihre Familie und nahestehende Personen als Hilfe im Alltag ein.