
Was tun gegen Schluckstörungen nach dem Schlaganfall?
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Maria-Leonie Brauda ist Logopädin im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und arbeitet dort unter anderem mit Patient*innen zusammen, die einen Schlaganfall erlitten haben. Neben Sprech- und Sprachstörungen haben viele Schlaganfallpatient*innen eine Schluckstörung (Dysphagie).
Im Interview: Maria-Leonie Brauda, Logopädin im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum

Kommen Schluckstörungen nach einem Schlaganfall häufig vor?
Ja, rund 50 Prozent der Patient*innen leiden in der Akutphase unter einer Dysphagie und erhalten logopädische Diagnostik und Therapie. In dieser frühen Zeit liegt der Fokus meist auf adaptiven Maßnahmen, wie der Kostanpassung (z. B. breiige Speisen) oder der Ernährung über eine Nasogastralsonde, um die Versorgung sicherzustellen.
Die gute Nachricht: Etwa die Hälfte dieser Betroffenen erholt sich durch eine sogenannte Spontanremission völlig von selbst. Bei der anderen Hälfte hält die Störung länger an; hier liegen oft weitere Beeinträchtigungen wie Lähmungen oder Sprach- bzw. Sprechstörungen vor, was eine intensive Rehabilitation erfordert.
Wie gut und schnell die Erholung verläuft, hängt vor allem von der Größe und Lage des geschädigten Areals im Gehirn ab. Aber auch Faktoren wie das Alter, Vorerkrankungen, der Ernährungszustand und die körperliche Fitness spielen eine wichtige Rolle. Da die Heilungsprozesse im Gehirn sehr komplex sind, lässt sich nie mit Gewissheit vorhersagen, ob sich das Schlucken schnell bessert oder dauerhaft beeinträchtigt bleibt.
Warum beeinträchtigt der Schlaganfall das Schlucken?
Schlucken ist ein hochkomplexer Vorgang: Er beginnt mit dem willentlichen Schlucken, etwa beim Kauen, und geht in einen reflektorischen Prozess über – ein automatisierter Schutzmechanismus, der tief in unserem Nervensystem verankert ist.
Durch einen Schlaganfall – sei es durch eine Blutung oder einen Gefäßverschluss – werden die Leitungsbahnen unterbrochen, die diese Vorgänge steuern. Anders als beim Sprachzentrum, das meist klar einer Hirnhälfte zugeordnet ist, wird das Schlucken über ein Netzwerk in beiden Hirnhälften kontrolliert. Welche Seite dabei die ‚Federführung‘ übernimmt, ist individuell verschieden. Entscheidend für die Schwere der Störung ist daher weniger die reine Größe, sondern vor allem die Lage des betroffenen Areals.
Besonders kritisch sind Hirnstamminfarkte: Da im Hirnstamm die zentralen Reflexe und lebenswichtige Funktionen wie die Atmung auf engstem Raum gesteuert werden, führen dort selbst kleinste Schädigungen fast immer zu schweren Schluckstörungen.
Welche äußeren Warnzeichen für Schluckstörungen können Angehörige erkennen?
Unabhängig von einem Schlaganfall lassen sich äußere Anzeichen für Schluckstörungen beim Essen oder Trinken erkennen, wenn das Gegenüber husten muss, obwohl keine Atemwegserkrankung vorliegt. Auch wenn sich beim Sprechen die Stimmqualität verändert und die Stimme ‚feucht‘ oder belegt klingt, ist das ein Warnsignal. Allerdings gibt es nicht immer diese klaren Anzeichen; eine Dysphagie kann sich auch indirekt durch starken Gewichtsverlust oder wiederkehrende Atemwegsinfekte zeigen.
Interessant ist auch, dass die Eigenwahrnehmung sehr unterschiedlich sein kann: Während viele Betroffene das Problem selbst gut spüren, nehmen beispielsweise Parkinsonpatientinnen Einschränkungen wie eine Schluckstörung meist weniger gut wahr. In diesen Fällen ist die aufmerksame Beobachtung durch die Angehörigen besonders wichtig.
Sobald Warnzeichen bemerkt werden, ist eine logopädische Diagnostik unerlässlich. Durch eine klinische Untersuchung und ggf. eine instrumentelle Diagnostik wie die FEES (endoskopische Untersuchung) können Logopädinnen genau feststellen, an welcher Stelle der Schluckakt gestört ist und Therapieempfehlung geben.
Wie wird eine Schluckstörung in der Klinik diagnostiziert?
Während bei einem Armbruch ganz selbstverständlich ein Röntgenbild gemacht wird, um die Diagnose zu sichern, wird eine apparative Untersuchung bei Schluckstörungen oft noch zu selten eingefordert. Dabei liegt es auf der Hand: Von außen können wir nicht sehen, was im Inneren passiert – zum Beispiel, ob eine Patientin oder ein Patient still aspiriert. Das bedeutet, dass Nahrung oder Flüssigkeit in die Luftröhre gelangt, ohne dass ein Hustenreflex ausgelöst wird, was schlimmstenfalls zu Lungenentzündungen führen kann.
Über eine kleine, flexible Kamera, die durch die Nase eingeführt wird, gewinnen wir einen direkten Blick in den Rachenraum. Um Reste oder mögliches Aspirat (z.B. Nahrung in der Luftröhre) deutlich sichtbar zu machen, färben wir die Test-Lebensmittel mit blauer Lebensmittelfarbe an. Der starke Farbkontrast zur Schleimhaut zeigt uns sofort, ob der Schluckreflex rechtzeitig auslöst, Rückstände verbleiben oder ob Nahrung den falschen Weg nimmt.
Wie gehen Sie vor, wenn das Schlucken nicht funktioniert?
Wir testen systematisch mit verschiedenen Konsistenzen, Flüssigkeiten und prüfen, ob Medikamente sicher und effektiv geschluckt werden. Gerade bei Parkinsonpatient*innen sehen wir in der Untersuchung häufig, dass Tabletten im Rachen verbleiben, anstatt im Magen zu landen. Das erklärt oft auch die fehlende oder schwankende Wirkung der Medikamente.
Wichtige Fragen dabei sind: Kann der Speichel kontrolliert werden? Erfolgt bei Verschlucken ein kräftiger Hustenstoß? Oft lässt sich das Schlucken schon durch Haltungsänderungen oder Kostanpassungen sicherer gestalten. Am Ende steht jedoch immer der Wille der Patient*innen. Wir beraten und klären über Risiken auf, aber die Entscheidung liegt bei den Betroffenen – wobei die Prioritäten auf einer Palliativstation andere sind als auf der Stroke Unit.