
Lipödem – was hilft bei gestörter Fettverteilung?
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Schmerzhafte Beine, erfolglose Diäten und oft ein jahrelanger Leidensweg: Das Lipödem betrifft Millionen Frauen. Ein Plastischer Chirurg und Chefarzt informiert über eine chronisch gestörte Fettverteilung.
Interview mit Chefarzt: Lipödem und Liposuktion im Überblick
Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung, die lange verkannt oder mit Übergewicht verwechselt wurde. Für die Betroffenen bedeutet das nicht nur körperliche Schmerzen, sondern auch eine enorme psychische Belastung. Moderne medizinische Erkenntnisse zeigen jedoch: Es gibt wirksame Behandlungsansätze. Privatdozent Dr. Jochen-Frederik Hernekamp, Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie am Vivantes Klinikum im Friedrichshain, gibt Einblicke in Diagnose, Therapie und operative Möglichkeiten.
Was ist ein Lipödem? Ursachen, Symptome und häufige Fehldiagnosen
Herr Privatdozent Dr. Hernekamp, was genau ist ein Lipödem und wie häufig ist es?
Das Lipödem ist eine chronische Störung der Fettverteilung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Typisch ist eine symmetrische, krankhafte Fettvermehrung an Beinen, Hüfte und Gesäß, seltener auch an den Armen. Hände und Füße bleiben meist ausgespart. Man schätze, etwa 10 Prozent aller Frauen sind betroffen. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch, da viele Betroffene ihre Beschwerden nicht abklären lassen oder sich selbst die Schuld geben. Wichtig ist aber zu wissen: Das ist keine Frage von Disziplin, sondern eine Erkrankung. Denn das Lipödem ist keine Folge von falscher Ernährung oder Bewegungsmangel.
Warum wird das Lipödem so häufig spät erkannt?
Viele Frauen haben lange Leidenswege hinter sich. Diäten oder Sportprogramme zeigen keinen Erfolg, weil die betroffenen Regionen kaum auf die üblichen Maßnahmen reagieren. Häufig wird die Erkrankung mit Adipositas oder einem Lymphödem verwechselt. Aufklärung fehlt sowohl in der Bevölkerung als auch im medizinischen Bereich.
„Neben den sichtbaren Veränderungen leiden Frauen an Schmerzen, Spannungsgefühlen, Schwellungen und ausgeprägter Druckempfindlichkeit. Psychische Belastungen durch das veränderte Körperbild sind häufig und können zu Depressionen oder sozialem Rückzug führen.“

Welche Beschwerden treten auf? Wie unterscheiden sich die verschiedenen Stadien eines Lipödems – und was bedeuten sie für Verlauf und Symptome?
Beim Lipödem wird das Fortschreiten der Erkrankung klassischerweise in drei klinische Stadien eingeteilt. Diese beziehen sich ausschließlich auf strukturelle Veränderungen im Unterhautfettgewebe und an der Hautoberfläche, nicht direkt auf die Stärke von Schmerzen oder Beschwerden – diese können bereits im frühen Stadium sehr ausgeprägt sein.
Lipödem Stadium I
Im ersten Stadium ist die Hautoberfläche noch glatt, das Unterhautfettgewebe jedoch bereits gleichmäßig verdickt. Beim Abtasten kann das Fettgewebe feinknotig sein, oft fühlen sich kleine, „perlengroße“ Knoten unter der Haut an. Die Proportionen zwischen den betroffenen Extremitäten und dem restlichen Körper wirken zunehmend disproportional.
Lipödem Stadium II
Im zweiten Stadium kommt es zu sicht- und tastbaren Veränderungen der Hautstruktur: Die Haut wird uneben, weist Dellen und Wellen auf („Matratzen oder Orangenhaut Phänomen“). Das Fettgewebe ist grobknotiger und kann druckempfindlicher sein. Diese strukturellen Veränderungen sind meist begleitet von stärkerer Schwellneigung und Schmerzen.
Lipödem Stadium III
Im dritten Stadium zeigt sich eine deutliche Umfangsvermehrung des Fettgewebes mit ausgeprägten, groben Fettlappen oder Überhängen („Wammen“) vor allem an Oberschenkeln, Hüfte, Gesäß oder Knie. Die Haut verliert an Elastizität, das Gewebe verhärtet sich, und die körperlichen Deformationen werden stärker ausgeprägt. Folgen können Bewegungseinschränkungen, Funktionseinschränkungen, erhöhter Druck auf Gelenke und Begleiterkrankungen sein.
Manche erfassen zusätzlich einen sogenannten „Stage IV“ Zustand als Kombination aus Lipödem und sekundärem Lymphödem (Lipolymphödem) auf, wobei die Lymphabflussstörung hier eine überlagerte Schwellung bewirkt.
Neben den sichtbaren Veränderungen leiden Frauen an Schmerzen, Spannungsgefühlen, Schwellungen und ausgeprägter Druckempfindlichkeit. Psychische Belastungen durch das veränderte Körperbild sind häufig und können zu Depressionen oder sozialem Rückzug führen. Das Lipödem schreitet oft fort.
Wichtig ist: Die Einordnung in ein Stadium dient vor allem der objektiven Beschreibung des Gewebezustands und weniger der Schmerzbewertung. Schmerzen, Druckempfindlichkeit oder Hämatomneigung können bereits im Frühstadium ausgeprägt sein und sind individuell verschieden. Eine präzise Einordnung hilft uns also dabei, den geeigneten Therapie und Behandlungsverlauf zu planen.
Konservative Therapie beim Lipödem – was hilft ohne Operation?

Welche konservativen Behandlungsmöglichkeiten gibt es beim Lipödem? Wie wirkt die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE)?
Die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) ist die wichtigste konservative Therapie beim Lipödem. Sie kann das krankhafte Fettgewebe nicht heilen, lindert aber Schwellungen, Schmerzen und Spannungsgefühle und verbessert die Beweglichkeit.
KPE besteht aus drei Kernbausteinen:
1. Manuelle Lymphdrainage (MLD)
Sanfte, rhythmische Massagen der betroffenen Regionen, die die Lymphflüssigkeit in funktionierende Gefäße transportieren und Schwellungen reduzieren.
2. Kompressionstherapie
Beine, Arme oder andere Regionen werden nach der Massage mit Kompressionsstrümpfen oder -wickeln versorgt, um die Wirkung zu stabilisieren und erneute Flüssigkeitsansammlungen zu verhindern.
3. Bewegung
Leichte körperliche Aktivität wie Spazieren, Radfahren oder Schwimmen unterstützt den Lymphfluss und die Muskulatur.
Eine KPE wird meist mehrmals (2-3x) wöchentlich durchgeführt, jede Sitzung dauert etwa 60 Minuten. Ergänzend lernen Patient*innen Selbstmaßnahmen zur häuslichen Anwendung. Die Therapie lindert Symptome, unterstützt die Beweglichkeit und bereitet – falls notwendig – auf operative Eingriffe wie eine Liposuktion vor.
Wann kommt eine operative Behandlung infrage?
Ab dem Stadium II kann eine Liposuktion bei Lipödem sinnvoll sein, vor allem wenn konservative Methoden wie die KPE nicht mehr ausreichen. Unser Ziel ist dabei die gezielte Entfernung krankhaften Fettgewebes, und nicht die Gewichtsreduktion, um Schmerzen zu lindern und die Körperform zu normalisieren.
Liposuktion bei Lipödem: Ablauf, Nachsorge und langfristige Ergebnisse

Wie läuft eine Liposuktion bei Lipödem ab? Wie ist die Beratung und was passiert bei der OP und nach der Fettabsaugung?
Eine Liposuktion bei Lipödem ist ein mehrstufiger, sorgfältig geplanter Prozess, individuell auf die Patientin abgestimmt. Zunächst erfolgt ein ausführliches Beratungsgespräch: Befundaufnahme, Bestimmung des Lipödemstadiums und Klärung, ob eine Operation sinnvoll ist. Wir besprechen Nutzen, Risiken, Kompressionsformen und die Art der Narkose – je nach Befund lokal oder in Vollnarkose.
Am Operationstag werden kleine Hautschnitte/Stichinzisionen gesetzt, über die feine Kanülen in das Unterhautfettgewebe eingeführt werden. Das Fett wird schonend gelöst und abgesaugt, etwa mittels wasserstrahl- oder vibrationsassistierter Liposuktion. Dabei werden umliegende Strukturen wie Lymphgefäße und Nerven geschont. Ich möchte betonen: Unser OP-Ziel ist Schmerzlinderung, Volumenreduktion und Verbesserung der Lebensqualität – und nicht primär die Gewichtsabnahme.
Nach der Operation beginnt die Nachsorge, die entscheidend für das Behandlungsergebnis ist. Direkt danach tragen Patientinnen enganliegende Kompressionskleidung, meist über mehrere Wochen, um Schwellungen zu reduzieren und die Wundheilung zu unterstützen.
Bereits ab dem zweiten Tag kann mit manueller Lymphdrainage begonnen werden, um Flüssigkeit abzutransportieren und Schwellungen zu verringern. Leichte Bewegung, wie Spaziergänge, unterstützt die Heilung. Schwellungen, Blutergüsse und Druckgefühle sind normal und klingen in Tagen bis Wochen ab. Das endgültige Ergebnis zeigt sich oft erst nach mehreren Monaten. In vielen Fällen ist eine längerfristige Anpassung der Kompressionstherapie notwendig.
Ist nach einer Liposuktion bei Lipödem eine Hautstraffung notwendig? Welche Möglichkeiten des Bodycontouring nach Fettabsaugung gibt es?
Bei größeren Fettmengen oder einer geringen Rückbildungsfähigkeit der Haut kann eine chirurgische Hautstraffung nach einer Liposuktion sinnvoll sein. Diese Verfahren fallen unter das sogenannte Bodycontouring, bei dem überschüssige Haut gezielt entfernt und die Körperform harmonisch wiederhergestellt wird.
Je nach individuellem Befund können verschiedene Regionen behandelt werden, , Ober- Unterschenkel Hüfte oder Gesäß. Darüber hinaus werden diese Verfahren auch im Bereich der Brust, Oberarme oder am Bauch eingesetzt, wobei diese Körperregionen eher selten im Zusammenhang mit dem Lipödem stehen. Die Eingriffe lassen sich teilweise kombiniert, in der Regel aber in mehreren Schritten durchführen. Zusätzlich können noch verbliebene Fettüberschüsse gezielt über eine klassische Fettabsaugung korrigiert werden.
Die Klinik profitiert hierbei von ihrer langjährigen Erfahrung, insbesondere durch die enge Zusammenarbeit mit dem Vivantes Adipositaszentrum, um funktionell und ästhetisch optimale Ergebnisse für die Patientinnen zu erzielen.
Welche Rolle spielt Ihre Klinik bei der langfristigen Betreuung?
Wir beraten Patientinnen umfassend, verantwortungsvoll und realistisch. Während des gesamten Behandlungsverlaufs begleiten wir sie, koordinieren Therapien und unterstützen bei medizinischen Gutachten für Krankenkassen. Unsere Klinik der Maximalversorgung bietet das gesamte Spektrum der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgie an. Modernste Operationsverfahren, mikrochirurgische Techniken und höchste Qualitätsstandards sind selbstverständlich. Ziel ist stets: Verbesserung der Körperform und Lebensqualität der Patient*innen.
Allgemeine Anfragen
Vivantes Klinikum im Friedrichshain
Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie
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Telefon:030 130 23 1992
E-Mail:plastische-chirurgie.kfh@vivantes.de
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030 130 23 1992
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Bei Fragen zum Wundmanagement steht Ihnen unsere zertifizierte Wundspezialistin Frau Sandra Seurig zur Verfügung.
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