
Psychische Gesundheit und Prävention stärken: Früherkennung in der Schule
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Ein Team des adoleszenzpsychiatrischen FINK-Projekts der Klinik für Psychiatrie am Vivantes Klinikum Neukölln unter der Leitung von Sandeep Rout war an einer Schule in Berlin Neukölln, um über den Umgang mit psychischen Krisen im jungen Erwachsenenalter aufzuklären.
Interview mit Sandeep Rout, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum Neukölln
Herr Rout, wie entstand die Idee zum Mental-Health-Studientag?
In unserer psychiatrischen FINK-Sprechstunde wurde deutlich, dass sich psychische Krisen von Jugendlichen oft schon in der Schule anbahnen. In Zusammenarbeit mit der Vivantes Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und dem Albert-Schweitzer-Gymnasium haben wir das Format entwickelt, um Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Sozialarbeiter*innen darin zu schulen, sowohl die eigene psychische Gesundheit im Blick zu behalten, als auch Warnsignale psychischer Belastungen bei Schüler*innen frühzeitig zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Prävention beginnt ja bereits bevor Symptome sichtbar werden. Wie können Schulmitarbeiter*innen aktiv werden?
Als niedrigschwelliges Angebot gibt es den schulpsychologischen Dienst. Dieser kann intervenieren, bevor es eine Diagnose gibt und sich an das FINK-Team wenden oder an die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Standort Neukölln – denn je früher eine psychische Krise behandelt wird, desto besser. Aber auch Lehrer*innen können die Nöte ihrer Schüler*innen erkennen und das Thema ansprechen.
Inwiefern ist die psychische Gesundheit ein wichtiger Teil des Schulalltags?
Gerade in der Pubertät sind viele Entwicklungsaufgaben zu erfüllen, vom Umgang mit Konsumgütern und Medien, über die Suche nach der eigenen Identität, die Ablösung von den Eltern, erste Paarbeziehungen, bis hin zu beruflichen Plänen. Es ist herausfordernd, das alles ohne Überforderung zu schaffen.
Viele Schüler*innen in Neukölln leben zudem in einem interkulturellen Spagat: Sie wollen in einer Klasse dazugehören, im eigenen Elternhaus sind mitunter aber ganz andere Werte wichtig.
In einem der Workshops wurde über den pathologischen Medienkonsum aufgeklärt. Wie war Ihr Ansatz?
Wir wollten dafür sensibilisieren, wie Jugendlichen unter Anleitung der eigenverantwortliche Umgang mit Smartphone & Co vermittelt werden kann – statt Verbote in den Mittelpunkt zu stellen. Also starre Grenzen wie „Du darfst nur so-und-so-lange surfen, weil es schlecht für Dich ist“ – stoßen naturgemäß auf Widerstand – denn der gehört zum Ablösungsprozess in der Adoleszenz dazu. Vielmehr geht es darum, dass die Kinder frühzeitig selbst ein Gefühl für Vorteile und Risiken des Medienkonsums erlernen.
Was versteht man unter dem „Open-Dialogue-Ansatz“ der ebenfalls vermittelt wurde?
Der Open-Dialogue-Ansatz basiert auf einer offenen, wertschätzenden und non-direktiven Kommunikation. Statt Lösungen vorzugeben, werden sie systemisch und trialogisch mit den Sichtweisen aller Beteiligten wie Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern entwickelt. Jeder wird auf Augenhöhe gehört und berücksichtigt, um Konflikten vorzubeugen, Kompromisse zu finden, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise werden neben den Eltern auch die Schüler*innen gefragt „wollen wir auf der Klassenfahrt Handys dabeihaben?“ Das funktioniert nur, wenn wir uns gegenseitig zuhören, ohne zu bewerten.
Ein Thema des Workshops waren toxische Beziehungen. Was versteht man im Schulkontext darunter?
Die erste Frage wäre, was sind Beziehungen aus therapeutischer Sicht? Wo gibt es im Klassenraum Abhängigkeiten? Welches Verhältnis haben Lehrer*innen und Schüler*innen, oder Schüler*innen untereinander? Beispielsweise folgt ein Jugendlicher einem anderen, wiederholt seine Meinung und Aussagen, wirkt dabei aber nicht authentisch. Letztlich besteht die Toxizität hier in einem Ungleichgewicht, weil der eine etwas bietet, das ein anderer braucht. Der Bedürftige ist abhängig davon, wieviel er vom anderen bekommt. Es geht also um Verlustängste. Um aus dem Teufelskreis zu entkommen ist es nötig, eine Vertrauensperson zu finden, oder in größerer Runde darüber zu sprechen, um den eigenen Ausweg zu finden.

Worum geht es im Spannungsfeld von Psyche und Gesellschaft?
In Peer-Groups und der Gruppendynamik von Klassengemeinschaften, führt Andersartigkeit oft zum Ausschluss einzelner. Auf der anderen Seite trauen sich manche Jugendliche auch nicht, sich zu zeigen, aus Angst, abgelehnt zu werden. Umso wichtiger ist es, dass Lehrer*innen und andere Bezugspersonen mit allen Beteiligten darüber sprechen. So kann betont werden, wie wichtig und bereichernd jeder einzelne für die Gruppe ist, und es geht darum, danach zu fragen, was eine Schülerin oder ein Schüler braucht, um sich wohlzufühlen.
Welche Strategien gibt es für einen Umgang mit Anspannung?
Schulischer Druck, oder schlechte Ergebnisse können bei Schüler*innen zu negativen Gefühlen führen. Während Jungen darauf eher mit Aggression reagieren, richtet sich die Wut bei Mädchen tendenziell nach innen, manche verletzen sich selbst, wobei das natürlich auch bei Jungen vorkommt. Durch Skillstraining kann der Umgang mit solchen Impulsen besser kontrolliert werden. Etwa durch Gedankenspiele lernen wir besser wahrzunehmen, wenn sich ein Gefühl ankündigt, üben es zuzulassen, es zu benennen. Nach einer misslungenen Klassenarbeit beispielsweise sind wir durch das Ergebnis schon selbst gestraft, was wir brauchen ist Trost, keine zusätzliche Zurechtweisung. Ein Elternteil könnte sagen „ich verstehe, dass Du wütend bist, vielleicht bist Du aber auch traurig, dass es diesmal nicht geklappt hat?“ – Das Aussprechen erleichtert es, mit den Gefühlen umzugehen.
Wie häufig sind psychische Erkrankungen im Jugendalter?
Jeder zweite, oder dritte Mensch hat im Leben eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung. Und 75 Prozent aller psychischen Erkrankungen entstehen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren. Damit es nicht so weit kommt, ist es wichtig auf frühe Warnsignale zu achten – also noch besser als eine Frühintervention, wenn eine Erkrankung mit Symptomen auftritt, ist die Früherkennung.
FINK Transitions- und Adoleszenzpsychiatrie
Befinden Sie sich in einer privaten oder beruflichen Krise? Hat sich Ihre Lebenssituation zuletzt negativ verändert? Leiden Sie unter Ängsten und Unsicherheit? Erleben Sie im Moment häufiger Konflikte mit Kollegen*innen, Freunden*innen, Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin?
Psychische Störungen sind oft beeinflusst durch schwierige Lebenssituationen und Belastungen. Circa 75% aller psychischen Störungen beginnen vor dem 24. Lebensjahr.
Aus diesem Grund bietet FINK für junge Erwachsene von 18 bis 30 Jahren die Beratung und Behandlung in Krisensituationen und bei psychischen Erkrankungen.
Das FINK-Angebot setzt keine psychiatrische Diagnose voraus, sondern dient der Behandlung und Unterstützung bei jeder Form von seelischen Krisen.
Ziel ist es, seelische Krisen möglichst frühzeitig zu erkennen, zu begleiten und geeignete Hilfsangebote zu vermitteln.
Adoleszenzsprechstunde
Unverbindliches Erstgespräch und gegebenenfalls Behandlung im Rahmen der psychiatrischen Institutsambulanz:
- Offenes Gesprächsangebot in seelischen Krisen
- Hilfestellung bei der Lebensplanung (Studium, Ausbildung, Beruf, Wohnen u. a.)
- Therapeutische Hilfestellung in zwischenmenschlichen Beziehungen (Familie, Freunde etc.)
- Psychotherapeutische Einzelgespräche
- Unterstützung bei sexuellen Identitätsfragen
- Früherkennung psychiatrischer Erkrankungen
- Bei Bedarf Vermittlung in intensivere Behandlungsformen (z. B. Tagesklinik)
- Unterstützung bei Suche nach ambulanter Psychotherapie
- Testpsychologische Diagnostik
Transitionssprechstunde
Ein gemeinsames Angebot der Erwachsenen- und der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur fächerübergreifenden Einschätzung und Behandlungsplanung sowie der Übergangsgestaltung von der kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung hin zur erwachsenenpsychiatrischen Behandlung.
Adoleszenzgruppe 1 und 2
Die tiefenpsychologisch fundierten psychotherapeutische Gruppen richten sich an junge Erwachsene und bietet einen Raum für therapeutisch geleiteten Austausch zur Besprechung und Bearbeitung von Konflikten mit sich und Anderen. Das Angebot richtet sich an Personen mit oder ohne ambulante Behandlung.
Skillsgruppe
Das Ziel der Gruppe ist es, einen Umgang mit Erregungs- und Anspannungszuständen zu erlernen. Der Fokus liegt auf der Stress- und Emotionsregulierung. Das Angebot richtet sich an ambulante, stationäre, teilstationäre und stationsäquivalente Patienten*innen.