Hämophilie dauerhaft kontrollieren durch Gentherapie

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Menschen, denen ein wichtiger Gerinnungsfaktor im Blut fehlt, müssen lebenslang Medikamente spritzen. Eine Gentherapie kann helfen, diese durch eine einmalige Infusion zu ersetzen und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.

Im Interview: PD Dr. Robert Klamroth, Chefarzt der Klinik für Angiologie im Vivantes Klinikum im Friedrichshain

PD Dr. Robert Klamroth behandelt deutschlandweit die meisten Patient*innen mit dem gerade erst zugelassenen gentherapeutischen Verfahren gegen die beiden Formen der Bluterkrankheit Hämophilie A und B. 

Welche Symptome zeigen sich bei Hämophilie?

Schon ein kleiner Stoß kann bei Betroffenen zu Blutergüssen führen, es kommt ohne erkennbare Verletzungen zu Blutungen, oder es gibt Einblutungen in die Weichteile und Gelenke, die daraufhin anschwellen und schmerzen. Es kann zu irreparablen Schädigungen der Gelenke, Organe und Weichteile kommen. In den 50er Jahren hatten Menschen mit schwerer Hämophilie nur eine Lebenserwartung von 20 Jahren. Inzwischen kann die Erkrankung mit Medikamenten gut behandelt werden.

Wie unterscheiden sich Hämophilie A und B und welche kann gentherapeutisch behandelt werden?

Beide Formen der Hämophilie, bei denen im Blutplasma ein bestimmtes Eiweiß fehlt, das die Blutung stoppt, können gentherapeutisch behandelt werden. Bei der etwas häufiger vorkommenden Hämophilie A fehlt im Blut der Gerinnungsfaktor VIII, bei der etwas selteneren Hämophilie B fehlt im Blut der Gerinnungsfaktor IX. Die Symptome der beiden Erkrankungen sind ähnlich.

Für wen kommt die Gentherapie aktuell infrage?

Bisher wird sie Erwachsenen angeboten, die unter einer schweren Ausprägung der Bluterkrankheit leiden. Das bedeutet, der Gerinnungsfaktor ist nur minimal oder gar nicht vorhanden. Ein weiteres Kriterium ist eine gesunde Leber, weil der Gerinnungsfaktor letztlich in den Leberzellen produziert werden soll. Außerdem dürfen bei den Betroffenen von Hämophilie A bestimmte Antikörper nicht vorliegen.

Welche sind das und warum?

Für die Behandlung wird das funktionsfähige Faktor-VIII-Gen, also eine Bauanleitung des Gerinnungsfaktors mithilfe eines viralen Vektors als Transportmittel – also einer sogenannten Genfähre - auf dem Boden eines Adeno-assoziierten Virus (AAV) in den Körper eingebracht. Etwa ein Drittel der Betroffenen hat Antikörper gegen diesen AAV-Subtyp, was sie von der Therapie ausschließt. Bei ihnen käme es sonst zu einer körpereigenen Abwehr und die Gentherapie schlüge nicht an. Bei Hämophilie B ist es ähnlich, allerdings sind hier nicht zu hohe Antikörperspiegel akzeptabel.

Wie läuft das ganz praktisch ab und wie lange wirkt die Therapie?

Das Gentherapeutikum wird einmalig intravenös als Injektion verabreicht und soll das Gerinnungsfaktor-Gen in die Leberzellen transportieren. Das dauert ungefähr ein bis zwei Stunden. In der Leber wird dann ein funktionstüchtiger Gerinnungsfaktor hergestellt. Nach der Behandlung von Hämophilie B hatten wir bisher über dreizehn Jahre eine konstante Produktion des Gerinnungsfaktors. Bei der Behandlung von Hämophilie A fiel der Faktorspiegel mit der Zeit ab. Wir gehen derzeit aber davon aus, dass die Gentherapie fünf bis zehn Jahre wirkt. Der Unterschied ist, dass das Gen durch die Genfähre direkt in die Leberzelle gebracht wird, wo der Gerinnungsfaktor IX produziert wird. Der Faktor VIII wird dagegen nicht in der Leberzelle selbst, sondern in den Endothelzellen der Lebergefäße und anderen Endothelzellen produziert.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Bei richtiger Dosierung ist die Genfähre sicher, es sind keine Allergien zu erwarten. Aufgrund der körpereigenen Immunabwehr können aber bei einem Teil der Patientinnen und Patienten trotzdem vorübergehende Entzündungen in der Leber ausgelöst werden. Wir beobachten die Betroffenen und steuern bei Bedarf mit einer Kortisonbehandlung gegen. Die ersten sechs Monate werden die Leberreaktionen durch wöchentliche Blutabnahmen engmaschig überwacht, dann werden die Intervalle größer. 

Wie verändert sich der Alltag nach erfolgreicher Gentherapie?

Die Gentherapie kann lebensverändernd wirken – wir sprechen von einem „hemophilia free mind“. Wenn ich ohne medikamentöse Therapie konstant geschützt bin, die Medikamente beispielsweise nicht mehr mit auf Reisen nehmen muss, die Krankheit vergessen kann, führe ich ein freieres Leben. Das hat positive Auswirkungen auf Familie, Freizeit, Beruf, Bewegung und Lebensfreude. 

Haben manche Patient*innen Zweifel, weil die Therapie so neu ist?

Die Gentherapie ist tatsächlich noch eine relativ junge Therapie und Langzeitnebenwirkungen noch unbekannt. Sie wurde aber innerhalb vieler Studien bereits bei über 130 Patient*innen durchgeführt und insgesamt wurden über 200 Menschen behandelt.

Warum können Kinder keine Gentherapie erhalten?

Bei Kindern wächst die Leber sehr schnell, die Leberzellen teilen sich und der Effekt der Produktion des Gerinnungsfaktors geht schnell verloren.

Wer übernimmt die Kosten für die Gentherapie? 

Nach den erfolgreichen Studien der Gentherapie wurde diese für Hämophilie A und B zugelassen, sodass die Behandlung durch Krankenkassen übernommen wird. Die erfolgreiche Gentherapie ist kosteneffektiv, da Patientinnen und Patienten alternativ ihr Leben lang Medikamente einnehmen müssten.
 

Hämophilie

Das Blut braucht verschiedene Eiweiße („Gerinnungsfaktoren“), um eine Blutung zu stoppen. Fehlt eines davon, dauert es deutlich länger, bis sich ein stabiler Blutpfropf bildet – oder er entsteht nicht ausreichend.

Häufigste Form der Bluterkrankheit betrifft vor allem Männer

Hämophilie ist die häufigste Form der sogenannten Bluterkrankheit und betrifft als x-chromosomale Erbkrankheit vor allem Männer. Frauen können die Erkrankung übertragen und an einer leichten Form erkranken. In Deutschland sind schätzungsweise 5.000 Patient*innen von Hämophilie A betroffen, unter Hämophilie B leiden rund 1.000 Menschen in Deutschland. (Quelle: Deutsches Hämophilie Register)

Kontakt zur Vivantes Klinik für Angiologie und Hämastaseologie

Sie erreichen uns per E-Mail oder telefonisch 030 130 23 1575

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