
Elternratgeber: Wenn das Kind in die Klinik muss
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Wie Sie Ihrem Kind die Angst vor dem Krankenhaus nehmen.
Interview mit den Kinderärzten Prof. Klemens Raile und Prof. Hermann Girschick
Prof. Raile, bei einem Notfall bleibt in der Regel keine Zeit, das Kind auf das Krankenhaus vorzubereiten. Gibt es trotzdem etwas, was die Eltern in dieser Ausnahmesituation tun können, um dem Nachwuchs die Angst zu nehmen?
Eltern sind die wichtigsten Partner in der Notfallbehandlung ihres Kindes. Ein medizinischer Notfall beim eigenen Kind, wie Bewusstlosigkeit und Zuckungen bei einem ersten Krampfanfall oder plötzliche Atemnot bei einem Pseudokruppanfall sind für die Eltern extrem belastend. Trotzdem kann ich für den Notfall nur empfehlen, soweit es den Eltern möglich ist, Ruhe zu bewahren. Kinder orientieren sich stark am Verhalten der Eltern.
Wie kann das konkret aussehen?
Den Kindern ein Gefühl der Nähe geben: Mit Körperkontakt, beruhigenden Worten und Blickkontakt. Dem Kind unterstützend und ehrlich mitteilen, dass die Ärzte und Pflegekräfte helfen möchten. Bitte auch keine falschen Versprechungen, wie „das tut gar nicht weh“. Beim Erstkontakt in der Rettungsstelle die Beschwerden und Dauer so präzise wie möglich zu schildern. Ärzte und Pflegekräfte stellen oft kurze und präzise Fragen, hier helfen ebensolche kurzen Antworten. Wenn Notfallmaßnahmen erfolgen, wie Sauerstoffgabe oder Anlage einer Infusionsnadel, möglichst den Anweisungen des Personals folgen und uns mit der richtigen Position und Halten Ihres Kindes unterstützen. Zuletzt bitte auch Geduld mitbringen: die Kinder werden bei Vorstellung triagiert, das heißt entsprechend der medizinischen Dringlichkeit eingeteilt. Das kann bei weniger gesundheitsbedrohlichen Notfällen zu längeren Wartezeiten führen.
Prof. Raile, wenn es sich um einen geplanten Klinikaufenthalt handelt, wie bereiten Eltern ihr Kind am besten darauf vor?
Auch für geplante Krankenhausaufnahmen gelten die grade genannten Grundregeln der persönlichen Unterstützung unserer Behandlungsanstrengungen. Eltern können den Kindern bereits vor Aufnahme altersgerecht die geplante Behandlung erklären und alle Fragen des Kindes wahrheitsgemäß beantworten. Bei geplanten Aufnahmen können die Eltern zusätzlich mehr vorbereiten. Sie können Lieblingskuscheltiere, Decken oder ein Lieblingsspielzeug zur Aufnahme mitbringen und auf Station dann die gewohnten Routinen möglichst weiterführen.
Prof. Girschick, was tun die Kliniken selbst, um Kindern Angst zu nehmen und Stress zu reduzieren?
In vielen Kinderkliniken gibt es hierzu gestufte Konzepte, zum Beispiel Kinder aus verschiedenen Altersgruppen an eine Notfallversorgung in einer Kinderrettungsstelle und an stationäre Abläufe in der Klinik heranzuführen. Beispielhaft ist hier das Konzept der Teddyklinik, welches bei uns seit etwa 16 Jahren jährlich angeboten wird. Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren erfahren hier anhand der Versorgung ihres verletzten Teddys wie ein Krankenhaus funktioniert. Vom Aufnahmegespräch bis hin zur klinischen Untersuchung, Ultraschall und Röntgenaufnahme, die Anlage eines Gipses ist alles dabei. Weitere Möglichkeiten sind „Tag der offenen Tür“, Besuchsprogramme (Girls Day) oder auch besondere Mentoring Programme im Bereich der Biomedizin. Zum Beispiel bieten wir älteren Schüler*innen in der Abiturzeit an, „Forschungsthemen“ der fünften Prüfungskomponente als Mentoren zu begleiten.
Prof. Girschick, wie wichtig ist es, dass Eltern in der Klinik aktiv mit eingebunden werden – und wie können sie sich sinnvoll einbringen, ohne den Ablauf zu stören?
Eltern stören in einer Klinik in keiner Weise! Sie sind herzlich willkommen, um gemeinsam mit den Pflegefachpersonal und dem ärztlichen Personal die Kinder optimal zu betreuen. Hierzu werden in der Regel die Kosten für die Mitaufnahme von Eltern bis zum vollendeten 11. Jahr des Kindes auf einer Station übernommen. Je mehr ein Kind Zutrauen zu einer möglicherweise bedrohlichen Situation entwickeln kann, desto besser ist auch der Heilungserfolg. Hier spielen Eltern eine große Rolle.
„Die Beobachtung des Kindes in einer Alltag-ähnlichen Situationen ist für die kinderärztliche Untersuchung durchaus von großer Bedeutung.“

Prof. Girschick, welche Rolle spielt eine kindgerechte Umgebung?
In diesem Zusammenhang spielt natürlicherweise auch eine kindgerechte Umgebung, das Vorhalten von Spielsachen und kindgerechter Beschäftigung eine große Rolle. Gleichzeitig besteht der Vorteil, das Kind in einer spielerischen Umgebung in Bezug auf seinen Entwicklungsstand beurteilen zu können. Die Beobachtung des Kindes in einer Alltag-ähnlichen Situationen ist für die kinderärztliche Untersuchung durchaus von großer Bedeutung. Eine psychologische und psychosoziale Betreuung ist natürlich im Einzelfall genau so wichtig wie die bereits genannte pflegerische und ärztliche Versorgung. Auch diese Versorgung sollte unmittelbar in allen Bereichen der Kindermedizin möglich sein.
Ein anderer Aspekt ist noch die kindgerechte bauliche Ausstattung. Stationen sind in der Regel räumlich besonders gesichert, zum Beispiel durch Video Zugang und Unfall reduzierende Technik wie zum Beispiel der Abdeckung von Türspalten.
Prof. Raile, was dürfen Eltern von einem gut organisierten Aufklärungsgespräch erwarten – z. B. vor einer Operation oder Behandlung?
Kurz gesagt, dürfen Eltern ein vollständiges, ehrliches und verständliches Gespräch erwarten. Eltern sollen in die Entscheidungen zur Behandlung ihres Kindes partnerschaftlich einbezogen werden.
Das Aufklärungsgespräch vor einem geplanten, medizinischen Eingriff sollte mindestens 24 Stunden vorher stattfinden, damit den Eltern noch genügend Vorbereitungszeit mit ihrem Kind bleibt. Der verantwortliche Arzt, der den Eingriff durchführt oder sehr gut damit vertraut ist, sollte die Eltern aufklären. Das Gespräch sollte in ruhiger und vertraulicher Atmosphäre stattfinden können. Die Eltern benötigen genügend Zeit, damit alle Unklarheiten ausführlich beantwortet werden können. Sprachliche Barrieren müssen verständlich überbrückt werden. Auch die Kinder – unsere Patienten - bleiben im Fokus. Sie haben Recht auf eine altersgerechte Aufklärung und sollten verstehen, was passiert, was sich die Ärzte von der Behandlung versprechen und warum ein Eingriff erfolgen muss.
„Die Eltern sind unsere wichtigsten Behandlungspartner für ihr Kind.“

Welche Fragen sollten Eltern bei der Aufnahme oder im Vorgespräch unbedingt stellen?
Ein wichtiger Tipp: Eltern können ihre Fragen gern aufschreiben und zur Aufnahme mitbringen, damit wir alles bestmöglich beantworten können. Wir „Medizin-Profis“ sind oft unter Zeitdruck und diese Checkliste hilft uns gemeinsam im Aufnahmeprozedere und der weiteren, gemeinsamen Behandlung des Kindes. Themen für diese Liste bestimmen die Eltern, aber die folgenden Fragen zur Behandlung sollten nicht fehlen:
- Wer sind meine ärztlichen und pflegerischen Ansprechpartner?
- Was ist die Diagnose und was sind die geplanten Untersuchungen?
- Welche Medikamente bekommt mein Kind?
- Wozu, wie lange und was sind mögliche Nebenwirkungen? Gibt es alternative Behandlungen und was sind Behandlungsrisiken?
Zum Ablauf des Klinikalltags ist für uns gemeinsam wichtig zu planen, wie lange der Aufenthalt dauert und was Zeitbestimmende Untersuchungen oder Befunde sind. Eltern werden zur Behandlungsunterstützung und Anleitung der Pflege nach Entlassung sehr gern mitaufgenommen – ins „Rooming-in“. Besuchsmöglichkeiten sind in der Regel sehr weit gefasst, sollten aber die Kinder und die Abläufe der Station nicht übermäßig belasten. Auch Organisatorisches kann wichtig sein:
- Wird eine Liegebescheinigung für Eltern benötigt?
- Gibt es Nachkontrollen und Folgetermine?
- Wer ist mein Ansprechpartner nach der Entlassung und stellt erforderliche Rezepte aus?
Auch rechtliche Themen, wie die Möglichkeit, eine Behandlung auch Abzulehnen oder die Wege, Kritik an den Abläufen in der Behandlung äußern zu können, gehören dazu. Gerade konstruktive Kritik hilft uns sehr, Abläufe und Kommunikation mit den Eltern zu verbessern.
Prof. Raile, was können Eltern tun, wenn sie den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt – z. B. bei der Medikation oder Betreuung?
Das muss unbedingt sofort bei den zuständigen Kinderpflegekräften und Dienstärzten besprochen werden. Missverständnisse und medizinische Fehler können passieren und die Eltern sind oft die ersten, die Symptome an ihrem Kind beobachten und wertvolle Hinweise geben können. Auch wenn eine Maßnahme nicht verstanden wird oder Eltern damit nicht einverstanden sind, muss das möglichst sofort geklärt werden. Die Eltern sind unsere wichtigsten Behandlungspartner für ihr Kind.
Prof. Girschick, damit Eltern die nötige Ruhe auf ihre Kinder ausstrahlen, ist eine wichtige Voraussetzung, dass sie selbst das Kind mit einem guten Gefühl in die Klinik bringen. Wie erkannt man, dass Qualität und Sicherheit gewährleistet sind?
Diese Frage ist letztendlich gar nicht so einfach zu beantworten—viele Eltern werden sich heute in sozialen Medien oder auf Bewertungsportalen über Erfahrungen anderer Eltern informieren. Von entscheidender Bedeutung ist immer auch noch der Kontakt zum eigenen Kinderarzt oder Kinderärztin. Im Einzelfall informieren sich Eltern sehr genau in unseren Qualitätsberichten, zum Beispiel in Bezug auf die Frühgeborenen-Medizin. Je besser die Versorgung zum einen und der Kontakt zu den Eltern und zu den Kindern gelingt, desto eher werden diese Familien auch die Klinik weiterempfehlen. Innerhalb der Fachgesellschaft der Kinderkrankenhäuser GKind gibt es ein Zertifizierungsmodul „Ausgezeichnet für Kinder“ für den stationären Bereich und auch für die sozialpädiatrischen Zentren. Die darin erfasste Strukturqualität kann zusätzlich helfen, die strukturellen Voraussetzungen für eine gute Versorgung des Kindes abzulesen.
Prof. Girschick, welche Standards oder Zertifizierungen sollten Kinderkliniken oder -stationen erfüllen?
In Deutschland werden die Rechte von Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus vom AKIK Aktionskomitee Kind im Krankenhaus., Bundesverband eV (einem Elternverband) aktiv vertreten. Die AKIK vertritt den europäischen Dachverband „European Association for Children in Hospital“ EACH. In 1988 wurden 10 Artikel in der EACH Carta zur Versorgung von Kindern im Krankenhaus formuliert. Diese Prinzipien sind heute noch gültig. Eine kindgerechte Versorgung, beginnend bereits bei der Erstversorgung in der Rettungsstelle bis hin zur Entlassung, das ist das Ziel!