
Warum ein Fahrradhelm wichtig ist
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Auch vermeintlich harmlose Stürze können zu gravierenden Kopfverletzungen führen.
Interview mit Prof. Andreas Jödicke
Professor Jödicke, in Ihrer Arbeit als Neurochirurg sehen Sie viele schwere Kopfverletzungen nach Fahrradunfällen. Warum ist das Tragen eines Helms aus Ihrer Sicht so wichtig?
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass ein Helm nur bei Fahrradunfällen mit hoher Geschwindigkeit sinnvoll ist. Auch bei scheinbar harmlosen Stürzen – etwa auf nassem Laub oder einer Bordsteinkante – kann es zu ernsten Kopfverletzungen kommen. Interessanterweise gibt es auch immer wieder Fälle, dass Radfahrer durch Ablenkung gegen einen Gegenstand – beispielsweise eine Laterne – fahren, ohne dass eine weitere Person involviert ist.
Wie schützt der Helm?
Der Helm bildet den weichen Schaum um den harten Kasten, also die Knautschzone. Im Moment des Aufpralls soll er möglichst viel Energie herausnehmen und so den Schädelkasten vor der Wucht eines Aufpralls schützen.
Was passiert mit dem Kopf, insbesondere mit dem Gehirn, bei einem Fahrradunfall?
Das Gehirn liegt in einer Flüssigkeit, geschützt im Schädel – quasi schwimmend. Bei einem Aufprall bleibt der Schädel abrupt stehen, das Gehirn aber bewegt sich weiter und prallt ggf. an die Schädelinnenwand. Dabei kann es zu Anprallverletzung der Hirnrinde, Blutungen oder sogar zu einer Zerreißung von Nervenbahnen kommen - also zu einer kombinierten direkten Schädigung der Hirnsubstanz und einer indirekten Schädigung durch Durchblutungsstörungen, die sich dann noch zusätzlich negativ bemerkbar macht.
Alarmzeichen nach Fahrradsturz
Wie spüre ich das als Betroffener und wann sollte ich mich ärztlich behandeln lassen?
Ein typisches Anzeichen wäre leichter lokalisierter Kopfschmerz– der sollte sich zügig zurückbilden. Wenn ich merke, dass dieser Kopfschmerz zunimmt und mir übel wird: Dann ist das ein klares Alarmzeichen. Wenn ich noch erbreche, sollte ich mir schnell jemanden rufen, der mir helfen kann. Denn dann kann es gut passieren, dass Sie in den nächsten Minuten benommen werden. Das darf man einfach nicht unterschätzen. Geht es einem dann weiter schlechter, sollte man sich auf keinen Fall einfach nur hinlegen. Dann kann es tatsächlich passieren, dass man nicht mehr aufwacht.
„Ich bin ganz klar für Helm – Helm in jedem Alter! Aus Coolness keinen Helm zu tragen ist keine Option. “

Woran liegt es, dass sich der Zustand so schnell verschlechtern kann?
Es kann durchaus vorkommen, dass der Anprall das Gehirn noch nicht stark strapaziert, er aber zu einem Bruch des Schädelknochens geführt hat. Durch diesen Bruch kann ein Blutgefäß verletzt werden, was dann zu einer Einblutung an der Oberfläche des Gehirns beziehungsweise zwischen Schädel und Hirnhaut führen kann. So eine Blutung kann sich in 30 bis 120 Minuten nach dem Unfall entwickeln. Der Betroffene fühlt sich in so einem Fall zunächst kaum beeinträchtigt. Doch dann bekommt er Kopfschmerzen, die zunehmen. Er wird benommen und schließlich bewusstlos. Das ist ein absoluter Notfall, der dann operativ behandelt werden muss.
Kann es auch noch nach Tagen zu kritischen Entwicklungen kommen?
Eine strukturelle Verletzung des Hirngewebes selber kann sich über mehrere Tage hinziehen. Dabei kommt es zu Einblutungen in das Gewebe und einer Gehirnschwellung kommen, die zu einem Anstieg des Hirndruckes führen. Auch das ist dann potentiell lebensbedrohlich.
Wie können Sie in der Neurochirurgie Menschen mit schweren Kopfverletzungen helfen?
Einblutungen können wir operativ entfernen. Wenn das darunter liegende Hirn bis dahin keine direkte oder indirekte Schädigung bekommen hat, dann ist das ein heilender Eingriff, meist ohne Spätfolgen. Wenn aber zusätzlich auch das Gehirn verletzt ist, rettet das Entfernen der Einblutung das Leben, aber die Folgen der Hirnverletzung muss man weiter beobachten und später auch rehabilitieren.
Welche Möglichkeiten hat die Neurochirurgie noch?
Wenn das Gewebe verletzt ist, können wir zwar den Druck nehmen, aber das Gewebe leider nicht funktionell ersetzen. Deshalb setzen wir in der Folge auf ein Multimodales Neuromonitoring. Der Begriff beschreibt den Aufwand, den man betreibt, um einen „zweiten Schaden“, also durch eintretende Schwellung oder Durchblutungsstörungen, auf das Gehirn zu erkennen und bestmöglich zu behandeln. Wir messen unter anderem Druck, Hirnströme und die Durchblutung des Hirngewebes, um die Sauerstoffversorgung abzuschätzen. In einigen Fällen muss zur Entlastung des Gehirns die Schädeldecke entfernt werden oder Hirnflüssigkeit durch eine Drainage abgeleitet werden. Es stehen also sehr viele Maßnahmen zur Verfügung, die aber ein extrem gut trainiertes Team auf der Intensivstation brauchen. Denn es geht darum, aufmerksam zu sein, immer voraus zu denken und zu schauen, dass alle Parameter optimal sind, damit es nicht zusätzliche Schädigungen gibt, die das klinische Ergebnis verschlechtern.
Was halten Sie von einer Helmpflicht für Radfahrer*innen?
Ich bin ganz klar für Helm – Helm in jedem Alter! Aus Coolness keinen Helm zu tragen ist keine Option. Allerdings ist es schwierig Menschen nahe zu bringen, was ein Schädel-Hirn-Trauma bedeutet, wenn sie schon nicht verstehen, dass Rauchen schadet.
Wir müssen bei den Kindern anfangen: sie am besten früh daran gewöhnen und Vorbild sein. Wichtig ist auch die Peergroup. Der Helm muss positiv besetzt sein. Auf Social Media, im Fernsehen – überall muss die Botschaft platziert sein: Selbstverständlich mit Helm und Helm ist cool. Vielleicht ist dieser Weg viel besser als eine Gesetzgebung.