
Letzte Hilfe Kurs: Jeder kann lernen Menschen am Lebensende zu begleiten
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Das Lebensende unserer Angehörigen oder Freunde macht viele von uns hilflos. Wie können wir sie gut in den letzten Wochen und Tagen begleiten, was ist normal im Sterbeprozess und wie können wir uns vorbereiten? Ein Gespräch mit Hospizmitarbeitenden zum Thema Sterbebegleitung gibt Antworten.
Wissen über Sterbebegleitung
Der Tod eines geliebten Menschen ist eine der größten Herausforderungen im Leben. Oft fühlen wir uns hilflos, unsicher oder überfordert, auch weil traditionelles Wissen über Sterbebegleitung über Generationen verloren gegangen ist. Um dieses Wissen zurückzugewinnen, gibt es Kurse zur „Letzten Hilfe“ an. Hier lernen interessierte Menschen, wie sie ihre Angehörigen oder Freunde in der letzten Lebensphase begleiten und unterstützen können.
Wir haben mit zwei erfahrenen Hospizmitarbeitenden gesprochen, die seit vielen Jahren Menschen am Lebensende begleiten und nun „Letzte Hilfe“-Kurse anbieten. Die stellvertretende Hospiz- und Pflegedienstleiterin Dagmar Nitsche und der Pflegedienstleiter Fabian Kolditz geben Einblicke, wie wir sterbende Menschen tröstend und gut begleiten können und was auf uns zukommt.
Warum ist der „Letzte Hilfe“-Kurs wichtig für Angehörige – gerade mit Blick auf Tod und Sterben?
Dagmar Nitsche: Der Letzte-Hilfe-Kurs ist deshalb so wertvoll, weil er Menschen in einer der verletzlichsten Lebensphasen Orientierung gibt. Viele Angehörige fühlen sich am Lebensende eines geliebten Menschen unsicher: Was ist jetzt normal? Woran erkenne ich, dass jemand im Sterben liegt? Wie kann ich helfen, ohne etwas falsch zu machen? Wir erleben häufig, dass schon allein das Wissen um grundlegende Prozesse der Sterbebegleitung Angst reduziert.
Der Kurs vermittelt nicht nur Fakten, wir wollen die innere Haltung stärken: Sterben ist ein natürlicher Prozess, kein medizinischer Notfall. Dieser Perspektivwechsel nimmt Druck und ermöglicht es Angehörigen, präsenter und liebevoller bei der sterbenden Person zu sein. Ergänzend greifen wir typische Fragen aus der Praxis auf und erklären, wie sich Menschen körperlich und seelisch in ihrer letzten Lebensphase verändern können. Dieses Wissen schafft Sicherheit – und die ist die wichtigste Grundlage, um beruhigend begleiten zu können.
Jeder Mensch stirbt so individuell, wie er gelebt hat. Manche ziehen sich über Wochen zurück, schlafen viel, sprechen kaum noch. Andere bleiben bis kurz vor ihrem Tod wach, klar und orientiert. All das ist nicht ungewöhnlich.

Im Letzte Hilfe-Kurs sprechen Sie auch über Vorsorge, Gespräche und Entscheidungen. Welche Bedeutung hat das für eine gute Sterbebegleitung?
Fabian Kolditz: Vorsorge schafft Klarheit und entlastet uns in Situationen, die sonst wohl voller Unsicherheit wären. Eine Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht oder bereits geführte Gespräche über Wünsche am Lebensende geben Angehörigen etwas sehr Wichtiges: Gewissheit. Sie wissen dann, ob der Mensch etwa zu Hause sterben möchte oder in ein Hospiz möchte, welche medizinischen Maßnahmen er akzeptiert und was ihm an Würde und Nähe wichtig ist.
Im Letzte Hilfe-Kurs vermitteln wir, dass Vorsorge kein „Thema für später“ ist, sondern ein Akt der Fürsorge – für sich selbst und für die Menschen, die einen begleiten. Ergänzend gehen wir darauf ein, warum viele Entscheidungen im Sterbeprozess leichter werden, wenn sie bereits zuvor gemeinsam getroffen wurden. Angehörige müssen dann weniger interpretieren, was gewollt ist, und können sich stärker auf das Wesentliche konzentrieren: auf Nähe, Ruhe und persönliche Begleitung. Bis hin zur Bestattung: Wir empfehlen zum Beispiel auch schon ein Bestattungsunternehmen vor dem Tod anzufragen und dort Daten zu hinterlegen.
Welche Anzeichen am Lebensende sind für Angehörige besonders typisch und was hilft, damit umzugehen?
Dagmar Nitsche: Sterben ist ein natürlicher Prozess, der genauso individuell verläuft wie das Leben selbst. Manche Menschen ziehen sich über Wochen zurück, schlafen viel, sprechen kaum noch – andere bleiben bis zuletzt wach, klar und orientiert. Angehörige lernen, diese Einzigartigkeit zu respektieren.
Häufige Anzeichen des nahenden Todes sind zunehmende Müdigkeit, immer längere Schlafphasen, veränderte Atmung, kühlere Hände und Füße, ein weißes Dreieck um Nase und Mundpartie bis hin zum Kinn oder ein verlangsamter Puls oder ein Blick, der „in die Ferne geht“. Diese Veränderungen können auf die begleitenden Menschen beunruhigend wirken, vor allem wenn man sie zum ersten Mal erlebt. Wir geben im Kurs deshalb konkrete Hinweise: warme Socken oder leichte Decken, je nach Bedürfnis, den Oberkörper etwas hochlagern, das Zimmer lüften und selbst regelmäßig Pausen einlegen.
Auch Geräusche wie die „Rasselatmung“ können zwar unangenehm für Zuhörende sein, sind aber nicht schmerzhaft für den Sterbenden. Angehörige erfahren bei uns, wie sie Atemrhythmen begleiten können – beispielsweise indem sie selbst ruhig und tief atmen und dadurch eine stabilisierende Atmosphäre schaffen. Das Wissen um diese häufigen und typischen körperlichen Vorgänge nimmt vielen die Angst und vermittelt Sicherheit.
Warum ist Mundpflege am Lebensende so wichtig – und wie können Angehörige sie durchführen?
Dagmar Nitsche: Mundpflege gehört zu den einfachsten, aber wirkungsvollsten Formen der Zuwendung. Viele Menschen essen und trinken in ihren letzten Tagen kaum noch. Das ist ein natürlicher Prozess, der Körper benötigt keine Nahrung mehr. Dennoch kann der Mund trocken werden, was unangenehm oder sogar schmerzhaft sein kann. Mit kleinen Hilfsmitteln wie befeuchteten Tupfern, Wattestäbchen oder etwas Öl auf den Lippen lässt sich viel Wohlbefinden schenken.
Wir zeigen Angehörigen, wie sie diese Mundpflege sanft und sicher ausführen können. Es ist ein Moment von Nähe, der auch emotional wirkt: „Ich kann etwas tun, ich kann lindern.“ Diese kleinen Gesten können dem Menschen Würde und Fürsorge vermitteln. Genau das macht Mundpflege zu einem zentralen Thema in der Sterbebegleitung.
Wie können Angehörige Leiden lindern, wenn sie selbst keine Pflegeerfahrung haben?
Fabian Kolditz: Die meisten Angehörigen unterschätzen, wie viel sie beitragen können, auch ohne medizinisches Fachwissen. Leiden lindern bedeutet nicht immer Schmerzbehandlung – das übernehmen ja palliative Fachkräfte –, sondern umfasst viele einfache Maßnahmen: Ruhiges Dasein, die Hand halten, Stille ermöglichen, Licht dimmen, Lieblingsmusik spielen oder Düfte einsetzen. Auch eine gute Lagerung kann viel bewirken, ebenso wie das Vermitteln von Ruhe, wenn der sterbende Mensch unruhig wirkt, was auch vorkommen kann. Manche Menschen schlagen sogar vor lauter Unruhe um sich, was erschrecken kann, wenn man nicht weiß, dass das vorkommt. Wir erklären im Kurs, dass Unruhe kein Zeichen von Leiden sein muss, sondern oft ein Übergang zwischen den Welten.
Abschied nehmen: Was hilft im Moment des Sterbens und unmittelbar danach?
Dagmar Nitsche: Der Moment des Sterbens ist für Angehörige oft mit Ehrfurcht, Angst und Unsicherheit verbunden. Wir vermitteln auch, dass der Hörsinn der letzte Sinn ist, der vergeht, und es deshalb niemals zu spät ist, etwas Wichtiges zu sagen. Aber auch umgekehrt, dass man sich bewusst sein sollte, was man am Sterbebett sagt.
Viele Menschen erleben diesen Moment des Sterbens als still, friedlich und überraschend klar. Der Tod tritt ein, wenn Atmung und Herzschlag aufhören – manchmal begleitet von ein oder zwei „letzten Atemzügen“, die oft wie ein Ausatmen wirken.
Wir empfehlen, sich Zeit zu nehmen, beim verstorbenen Menschen zu bleiben, die Hand zu halten, den Körper warm zu bedecken oder einfach nur zu sitzen. Die ergänzende Broschüre beschreibt sehr schön, dass dieser Moment nicht gefürchtet werden muss, sondern auch berührend sein kann. Nach dem Tod gelingt vielen der Abschied besser, wenn sie noch eine Weile beim Verstorbenen verweilen. Abschied muss kein schneller Vorgang sein, er darf sich entwickeln.
Was macht das Vivantes Hospiz in Berlin-Tempelhof

Was macht das Vivantes Hospiz in Berlin-Tempelhof
Schwerstkranken und sterbenden Menschen bietet das Vivantes Hospiz in Berlin-Tempelhof eine palliative, pflegerische und medizinische Versorgung – und zwar mit einem multiprofessionellen Team und ehrenamtlich Tätigen, und das 24-Stunden am Tag. Symptomlinderung, Zuwendung und psychosoziale Betreuung unter Berücksichtigung der Lebensqualität sind dabei zentral.
Kapazität: 16 schwerstkranke Patient*innen
Versorgung: 24-Stunden-Betreuung durch qualifiziertes Pflegepersonal und spezialisierte Palliativärztinnen und -ärzte (SAPV)
Leistung: Linderung von Symptomen wie Schmerzen, Sicherung von Lebensqualität, psychosoziale Betreuung, Zuwendung
Kosten: 95 % werden von Kranken- und Pflegekassen übernommen, die restlichen 5 % werden durch Spenden finanziert
Das Vivantes Hospiz braucht Ihre Spende
Das Vivantes Hospiz möchte die letzten Lebenstage der Patient*innen so angenehm wie möglich gestalten. Mit Aromapflege, die Kunst- und Musiktherapie sowie Yoga und weiteren Angeboten. Um das möglich zu machen, ist das Haus dauerhaft auf Unterstützung angewiesen. Jede Spende hilft dabei.
Nächste „Letzte Hilfe“-Kurse
Die Termine der nächsten Kurse werden auf der Webseite veröffentlicht:
Entwickelt wurden die Letzte Hilfe Seminare von Letzte Hilfe Deutschland, der auch die Ausbildung von Seminarleitungen übernimmt.