Wenn Schwangerschaft und Geburt seelisch belasten – was ist peripartale psychische Gesundheit?

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Woran Eltern psychische Belastungen in Schwangerschaft und Wochenbett erkennen – und wann es Zeit ist, sich Unterstützung zu holen. Am Vivantes Klinikum Am Urban in Kreuzberg gibt es jetzt eine Eltern-Sprechstunde.

Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit einem Baby sind besondere Lebensphasen – und können auch psychisch herausfordernd sein. Depressionen, Ängste oder andere psychische Beschwerden können bereits in der Schwangerschaft beginnen oder sich nach der Geburt entwickeln. In der „Elternsprechstunde für seelische Gesundheit“ der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Vivantes Klinikum Am Urban erhalten werdende und frischgebackene Eltern Beratung und Unterstützung. 

Im Interview erklären Dr. Puneh Arazm und Dr. Hanna Brückner, woran werdende oder frischgebackene Eltern psychische Belastungen erkennen können, was sie selbst tun können und wann professionelle Hilfe sinnvoll ist.

Was bedeutet peripartal?

Was bedeutet eigentlich „peripartal“ – und warum ist diese Zeit für die psychische Gesundheit so wichtig?

Dr. Puneh Arazm und Dr. Hanna Brückner: Peripartal bedeutet „rund um die Geburt“. Damit ist nicht nur die Zeit nach der Geburt gemeint. Psychische Erkrankungen können bereits in der Schwangerschaft beginnen, erstmals auftreten oder sich bei Menschen mit einer psychischen Vorerkrankung verschlechtern. Auch das erste Jahr nach der Geburt ist eine wichtige Phase.
Schwangerschaft und Geburt bringen viele Veränderungen mit sich: körperliche Veränderungen, die Geburt selbst, Schlafmangel, neue Aufgaben und einen Rollenwechsel. Auch die Beziehung zum Kind entwickelt sich erst. Wissenschaftlich ist bekannt, dass in dieser Zeit das Risiko für psychische Erkrankungen erhöht ist. Besonders häufig sind Depressionen und Angsterkrankungen.

Schon vor der Geburt: Psychische Gesundheit in der Schwangerschaft

Woran erkennen werdende Eltern, dass aus normalen Sorgen eine psychische Belastung wird?

Sorgen und Unsicherheiten gehören zur Schwangerschaft dazu. Problematisch wird es, wenn Beschwerden über längere Zeit anhalten und den Alltag einschränken. Eine Orientierung kann sein, wenn eine depressive Stimmung und Symptome länger als zwei Wochen bestehen und an mehr Tagen auftreten als nicht.

Bei einer Depression können als Symptome beispielsweise Antriebsminderung, Freudlosigkeit und Interessenverlust auftreten, aber auch Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit oder Gefühle von Wertlosigkeit. Bei Angststörungen stehen oft starke und anhaltende Sorgen oder innere Unruhe im Vordergrund. Unser Tipp: Nicht warten, bis die Beschwerden sehr stark werden. Ein Beratungsgespräch kann helfen, die Situation frühzeitig einzuordnen. Auch Angehörige können sich informieren und Unterstützung anregen.
 

Wer hat ein besonders hohes Risiko für psychische Erkrankungen in der Schwangerschaft?

Ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei Menschen, die bereits früher psychisch erkrankt waren, beispielsweise an einer schweren Depression oder einer bipolaren Erkrankung. Bei einer bipolaren Erkrankung besteht rund um Schwangerschaft und Geburt ein besonders hohes Rückfallrisiko. Gleichzeitig können psychische Erkrankungen auch erstmals im jungen Erwachsenenalter auftreten.
Deshalb ist eine frühzeitige Beratung wichtig – idealerweise bereits bei Kinderwunsch oder zu Beginn der Schwangerschaft. Medikamente sollten auch nicht eigenständig abgesetzt werden. Gemeinsam mit den behandelnden Fachärzt*innen kann geklärt werden, welche Behandlung in der Schwangerschaft sinnvoll ist und was für Geburt und Stillzeit berücksichtigt werden sollte.

Wie unterstützt die Elternsprechstunde werdende Eltern konkret?

Wir beraten bei Kinderwunsch, psychischen Beschwerden in der Schwangerschaft und bestehenden psychischen Erkrankungen. Gemeinsam können wir einen individuellen Peripartalplan entwickeln. Dabei besprechen wir beispielsweise Fragen zur Geburt, zu Medikamenten und Stillzeit und klären, welche Unterstützung vor und nach der Geburt notwendig ist. Je nach Situation beziehen wir weitere Fachdisziplinen ein, etwa die Neonatologie. Der Plan kann auch für die Vorbereitung in der Geburtsklinik hilfreich sein.
Die Elternsprechstunde gibt es seit Januar 2025 und wird gut angenommen. Wir bemühen uns, zeitnahe Termine innerhalb weniger Wochen anzubieten.

Nach der Geburt: Baby Blues und Wochenbettdepression

Wie häufig ist eine Wochenbettdepression und woran können Eltern sie erkennen?

Eine postpartale Depression, also eine Depression nach der Geburt, tritt bei etwa 5 bis 20 Prozent der Entbindungen auf. Die peripartale Depression – also während der Schwangerschaft - tritt bei 10 bis 15 Prozent auf, also etwas geringer.  
Die Depression nach der Geburt beginnt häufig zwischen der zweiten und sechsten Woche, kann aber auch später im ersten Jahr nach der Geburt auftreten. Der Beginn ist oft schleichend. Typische Beschwerden sind anhaltende Traurigkeit oder Leere, Erschöpfung, geringes Selbstwertgefühl, Ängste, Rückzug oder das Gefühl, den eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Auch innere Unruhe und Schlafprobleme können auftreten.
Eine Depression zeigt sich nicht immer als Traurigkeit. Manche Betroffene sind vor allem gereizt, angespannt oder fühlen sich völlig überfordert. Wenn sich das Befinden über längere Zeit deutlich verändert, sollten Eltern oder Angehörige Unterstützung suchen.

 

Baby Blues oder Wochenbettdepression: Wie können Eltern den Unterschied erkennen?

Der Baby Blues ist eine häufige, vorübergehende Stimmungsschwankung nach der Geburt. Er beginnt meist in den ersten Tagen und dauert typischerweise drei bis vier Tage. Der Hormonabfall nach der Geburt spielt dabei eine Rolle. Mütter können dann etwa schnell weinen, sich Sorgen machen oder sich überfordert fühlen. 
Bei einer Depression halten die Beschwerden länger an. Wenn jemand über mehr als zwei Wochen überwiegend traurig, niedergeschlagen oder freudlos ist oder sich deutlich zurückzieht, sollte eine fachliche Abklärung erfolgen.
Die Unterscheidung ist nicht immer einfach, weil Schlafmangel und Erschöpfung nach der Geburt normal sind. Ein Fragebogen kann eine erste Orientierung geben. Er ersetzt keine Diagnose, kann aber ein guter Anlass sein, sich Unterstützung zu holen.
Link zum Fragebogen zur Selbsteinschätzung

Welche Beschwerden werden nach der Geburt häufig verschwiegen – und wann ist schnelle Hilfe notwendig?

Manche Beschwerden sind mit großer Scham verbunden. Dazu gehören beispielsweise aufdringliche Gedanken, dem eigenen Kind etwas anzutun, auch wenn man diese Gedanken gar nicht denken möchte, sie aber vielleicht nicht loswird. Solche Zwangsgedanken können sehr belastend sein, werden oft als fremd und schambesetzt erlebt und bedeuten überhaupt nicht automatisch, dass die betroffene Person tatsächlich in irgendeiner Weise vorhat, dem Kind zu schaden – oft ganz im Gegenteil. Trotzdem sollte darüber gesprochen werden. Wir fragen in der Sprechstunde gezielt danach und helfen, die Gedanken einzuordnen. Unser Ziel ist es, möglichst früh zu unterstützen und eine Zuspitzung zu verhindern.
Suizidgedanken, psychotische Symptome oder konkrete Handlungen, durch die Mutter oder Kind gefährdet werden, sind Notfälle. Dann ist unmittelbar professionelle Hilfe erforderlich.

Wenn die Geburt als traumatisch erlebt wird

Wann kann eine traumatisch erlebte Geburt zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen?

Nicht jede schwierige oder traumatisch erlebte Geburt führt zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Bei manchen Menschen bleiben belastende Erinnerungen, Ängste oder eine starke innere Anspannung jedoch bestehen. Das kann Mütter ebenso wie Väter oder andere Partner*innen betreffen.
Hebammen und Gynäkolog*innen können helfen, ein belastendes Geburtserlebnis aufzuarbeiten. Wenn Beschwerden anhalten oder sehr stark sind, etwa Albträume oder sich aufdrängende Erinnerungen hinzukommen, kann eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung sinnvoll sein.

Hilfe für Eltern und Familien

Welche Unterstützung gibt es für Eltern und Angehörige, wenn psychische Beschwerden auftreten?

Die Behandlung richtet sich nach der individuellen Situation. Möglich sind Psychotherapie, psychiatrische und medikamentöse Behandlung sowie ambulante oder stationäre Angebote. Bei einer intensiveren Behandlungsindikation kommt auch eine stationsäquivalente Behandlung infrage – die psychiatrische Behandlung findet dann zu Hause statt.
Daneben können ganz praktische Hilfen wichtig sein, etwa psychosoziale Unterstützung, Mütterhilfe als Haushaltshilfe oder andere Familienhilfen. Es gibt außerdem Selbsthilfegruppen (etwa über Schatten und Licht) sowie Online-Angebote (wie Coping after Baby). Wir selbst bieten eine Eltern-Kind-Gruppe für das erste Lebensjahr bei psychischen Krisen und Erkrankungen an um die Interaktion zwischen Mutter, Vater und Kind zu stärken.
Wir schauen in der Elternsprechstunde gemeinsam: Was braucht diese Familie jetzt konkret? Partner*innen können auf Wunsch einbezogen werden. Auch sie können durch Schlafmangel und Stress psychisch belastet sein. Bei Vätern können sich depressive Beschwerden beispielsweise durch starke Anspannung, Rückzug in die Arbeit, Reizbarkeit oder Aggression zeigen.
Wir arbeiten mit Gynäkologinnen, Hebammen, dem Zentrum für sexuelle Gesundheit in der Urbanstraße, Familienzentren, Selbsthilfegruppen und den „Frühen Hilfen“ zusammen. Auch Babylotsinnen im Vivantes Klinikum Am Urban vermitteln Patient*innen direkt zu uns.
Unser wichtigster Rat: Sie müssen nicht alles allein schaffen. Je früher Eltern Unterstützung bekommen, desto besser kann man einer Verschlechterung entgegenwirken und die Eltern-Kind-Beziehung stärken.

 

Fotos: Header pixabay @C smpratt90; Frau liegend C istock 000012982880; Hand auf schwangerem Bauch istock 000019664935; Portraits privat

 

Weitere hilfreiche Informationen zum Thema finden Sie auch hier:

Wochenbettdepressionen: Seelische Erkrankungen im Wochenbett
 

• per Telefon: 030 130 22 6030 (psychiatrische Institutsambulanz, Stichwort: peripartal)

• per E-Mail: pia.kau@vivantes.de

 

Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie

Dr. Hanna Brückner, Dr. Puneh Arazm

 

Leitende Oberärztin

Priv.-Doz. Dr. Karolina Leopold

• Falls Sie schwanger sind, bringen Sie bitte den Mutterpass zum Termin mit

• Falls vorhanden, bringen Sie bitte 

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