
20. Jahrhundert
Ein Jahrhundert der Extreme: Die Berliner Krankenhauslandschaft erlebte in dieser Zeit sowohl rasante wissenschaftliche Durchbrüche und chirurgische Weltpremieren als auch massive Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg. Nach dem unermüdlichen Wiederaufbau begann in den späten Jahrzehnten bereits die strategische Zusammenlegung verschiedener Häuser. Damit wurden rechtzeitig die entscheidenden organisatorischen Weichen für das spätere Großnetzwerk gestellt.
20. Jahrhundert: Eine Epoche der Extreme in der Berliner Medizingeschichte
Im Verlauf dieses Jahrhunderts entwickelten sich die städtischen Einrichtungen durch medizinische Innovationen und zunehmende organisatorische Zusammenschlüsse schrittweise zu dem starken Fundament, auf dem Vivantes heute aufbaut.
1905 – 1922
Der bekannte deutsche Biochemiker Leonor Michaelis leitet das bakteriologische Laboratorium am Städtischen Urban-Krankenhaus
Michaelis gilt als Mitbegründer der Enzymkinetik und war wegweisend bei der Einführung physikalisch-chemischer Methoden in Medizin und Biologie.
1906
Eröffnung des Auguste-Viktoria-Krankenhauses

Von 1906 bis 1928 leitete Prof. Dr. Walther Kausch (1867 – 1928) das Krankenhaus und dessen chirurgische Klinik. Kausch gilt als Wegbereiter der Pankreaschirugie. Ihm gelang mit der 1909 durchgeführten Duodenpankreatektomie die erste erfolgreiche Operation dieser Art in der Medizingeschichte.


1909
Eröffnung Krankenhaus Rixdorf
Nach dreijähriger Bauzeit eröffnet das Krankenhaus Rixdorf mit vorerst 450 Betten. 1912 erfolgt die Umbenennung in Krankenhaus Neukölln. 1913 erhöht sich die Bettenanzahl nach Beendigung des zweiten Bauabschnitts auf 750.
Weltweit erste Duodenopankreatektomie
Noch schwieriger als der Name ist die Durchführung dieser Operation. Sie dient in erster Linie der Behandlung von Tumoren im Bereich
des Bauchspeicheldrüsenkopfes, des Zwölffingerdarmes und der Gallengangsmündung. Dazu werden neben dem Zwölffingerdarm (Duodenum) und dem Kopf der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), auch die Gallenblase, Teile der Gallengänge sowie des Magens und
die dazugehörigen Lymphknoten entfernt.
1910
Besuch der Namensgeberin Kaiserin Auguste-Viktoria im Auguste-Viktoria-Krankenhaus

Eröffnung des Krankenhauses der Gemeinden Reinickendorf, Tegel, Wittenau und Rosenthal in der Teichstraße
Das Krankenhaus ist eines der Vorgängerhäuser des 1985 eröffneten Humboldt-Klinikums.
1933 – 1945
Umbenennung des Reinickendorfer Krankenhauses
Während des Dritten Reiches wurde das Reinickendorfer Krankenhaus in Erwin-Liek-Krankenhaus umbenannt. Erwin Liek (1878 – 1935) war Arzt, konservativer Standespolitiker und Autor. Mit seinem konservativen Gedankengut stand er den Nationalsozialist*innen nahe. Er verstand die Rassenhygiene als eine wichtige ärztliche Aufgabe. Wenngleich er der Vernichtung lebensunwerten Lebens widersprach, hielt er die Unfruchtbarmachung „sozial unerwünschter Volksglieder wie Gewohnheitsverbrecher, Trinker, Geistesschwache, Dirnen für von größtem Nutzen“ (Erwin Liek: „Der Arzt und seine Sendung“).
1933
Umbenennung des Krankenhauses am Friedrichshain in „Horst-Wessel-Krankenhaus“

Horst Wessel war SA-Sturmführer. Er wurde 1930 niedergeschossen und verstarb im Krankenhaus im Friedrichhain. Von den Nationalsozialist*innen wurde er daraufhin als Märtyrer stilisiert und für seinen Tod wurde die KPD verantwortlich gemacht. Neben dem Krankenhaus wurde auch der Berliner Stadtteil Friedrichshain umbenannt: Er hieß bis 1945 Horst-Wessel-Stadt. Für das Krankenhaus beginnt eine dunkle Zeit: Ab 1933 werden jüdische Ärzt*innen sowie jüdische Pflegekräfte vertrieben.

11. März 1933
SA-Leute besetzen das Krankenhaus Am Urban
Die Ärztlichen Direktoren Franz Schück und Hermann Zondek – beide jüdischer Herkunft – werden entlassen, mehrere jüdische Ärzt*innen verhaftet und misshandelt. Bis 1934 werden rund 20 Ärzt*innen des Krankenhauses Am Urban entlassen und aus Deutschland vertrieben.
1934
Medizin im Dienst der NS-Ideologie
Auf Anordnung der NSDAP wird „unzuverlässiges und nichtarisches“ Personal im Auguste-Viktoria-Krankenhaus entlassen. Durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ werden Beschäftigte des Klinikums 1934 mit der „Durchführung von Unfruchtbarmachungen“ vertraut gemacht.
1938
Errichtung eines Betonluftschutzbunkers für das Krankenhaus Spandau
Im 2. Weltkrieg wurde der Bunker als Operationsbunker genutzt und heute dient er als „Strahlenbunker“. Im Krieg wurde das Krankenhaus zu 25 Prozent zerstört. Um die medizinische Versorgung der Spandauer Bevölkerung zu gewährleisten, wurde auch ein holländisches Hausboot als Kleinlazarett, das 60 Patient*innen aufnehmen konnte, eingesetzt. Zu Ehren der ersten, durch einen Luftangriff auf Berlin gefallenen Schwester trug es den Namen „Schwester Lieselotte Kruse“.
1939
Bau eines Operationsbunkers auf dem Geländes des Auguste-Viktoria-Krankenhauses
Dieser ist bis 1953 in Betrieb.
1943
Weitgehende Zerstörung des Krankenhauses Neukölln durch Bombenangriffe
Der eigentliche Krankenhausbetrieb wird in die Britzer Onkel-Bräsig-Schule ausgelagert.
16. Januar 1943
Luftangriff auf das Krankenhaus Am Urban

20 Mitarbeiter*innen und 29 Patient*innen finden den Tod. Circa 30 Prozent der Gebäude wurden zerstört.
23. August 1943
Bombenangriff auf das Auguste-Viktoria-Krankenhaus
Durch einen Bombenangriff am 23. und 24. August werden die meisten Gebäude des Auguste-Viktoria-Krankenhauses stark beschädigt. Die Häuser 8, 15 und 17 werden gänzlich zerstört.
1945 – 1961
Wirken Willibald Psychrembels als Chefarzt im Krankenhaus am Friedrichshain

Psychrembel war der Gründer des nach ihm benannten medizinischen Wörterbuches. Die Psychrembel ist bis heute ein Standardwerk der Medizin und wurde über 263 mal neu aufgelegt.

1945
Hilfslazarett Kaulsdorf
Das Hilfslazarett Kaulsdorf (1939 als Fremdarbeiterunterkunft errichtet) wird an den Stadtbezirk Berlin-Lichtenberg mit den Bereichen Innere Medizin, Infektions-, Haut- und Geschlechtskrankheiten sowie Chirurgie übergeben.

Vom Militärlazarett in Tempelhof zum Zivilkrankenhaus
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde aus dem bisherigen, zwischen 1875 – 1878 erbauten Militärlazarett in Tempelhof ein Zivilkrankenhaus, das seit dem Jahr 1951 den Namen Wenckebach-Krankenhaus trägt.
1964
Martin Luther King Jr. im Krankenhaus Am Urban
Der spätere Friedensnobelpreisträger Martin Luther King Jr. besucht im Krankenhaus Am Urban den jungen DDR-Flüchtling Michael Mayer, der wenige Stunden vorher bei seinem Fluchtversuch von DDR-Grenzsoldaten angeschossen und schwer verletzt worden war. King, der spätestens seit seiner „I have a dream“-Rede auch in Berlin als lebende Legende gilt, war einen Tag zuvor in die Stadt gekommen. Als er von dem Vorfall an der Grenze erfährt, eilt er nach Kreuzberg. Am gleichen Tag spricht er im West- wie auch im Ostteil der Stadt vor Tausenden begeisterten Zuhörern und verurteilt die „trennende Mauer der Feindschaft“.
1966
Grundsteinlegung für den Neubau des Krankenhauses Am Urban
Am 15. Juni 1966 legte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den Grundstein für den Neubau des städtischen Krankenhauses Am Urban.
1967
Die erste Lungentransplantation Europas in Neukölln

Die erste Lungentransplantation Europas wird durch Professor Emil Bücherl im Krankenhaus Neukölln durchgeführt. Bücherl, zu diesem Zeitpunkt ärztlicher Direktor des Klinikums, legt ferner durch seine Forschung die Basis der heutigen Herzklappenchirurgie. Operationen am offenen Herzen werden durchgeführt.
1968
Umbenennung in Wilhelm Griesinger Krankenhaus
Das städtische Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Wuhlgarten – vormals Anstalt für Epileptische Wuhlgarten – wird umbenannt in Wilhelm Griesinger Krankenhaus.
1970
Einweihung des Neubaus des Krankenhauses Am Urban

Am 28. August erfolgt die Einweihung des Neubaus des Krankenhauses Am Urban in Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann.
1972

Fertigstellung eines neuen Eingangsgebäudes des Krankenhauses Spandau
Inbetriebnahme des Rechenzentrums, das richtungsweisend im Westberliner Krankenhauswesen war. Das Städtische Krankenhaus Spandau und das Hospital Streitstraße (mit 730 Betten das größte Hospital in Berlin) werden zum Städtischen Krankenhaus Spandau Nord und die Krankenhäuser Hohengatow und Havelhöhe zum Städtischen Krankenhaus Spandau Süd zusammengefasst.
1974
Akademisches Lehrkrankenhaus
Das Auguste-Viktoria-Krankenhaus wird Akademisches Lehrkrankenhaus der Freien Universität Berlin.
1975
Neuordnung und Zusammenlegung der Berliner Krankenhausbetriebe
Mit der Zusammenlegung der selbstständigen städtischen Krankenhäuser Steglitz mit den Betriebsstellen Leonoren- und Malteserstraße sowie der Heilstätte in Wyk auf Föhr mit dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus entstand der „Krankenhausbetrieb von Berlin-Schöneberg“. Die Heilstätte in Wyk auf Föhr gehörte dem Verbund bis 1994 an.
Die Krankenhäuser Neukölln und Britz sowie die städtische Frauenklinik Berlin-Neukölln werden in Ausführung des vom Berliner Abgeordnetenhaus 1974 beschlossenen Landeskrankenhausgesetzes zu einer organisatorischen Einheit zusammengefasst. Das Krankenhaus Neukölln wird akademisches Lehrkrankenhaus der Freien Universität Berlin.
Im Zuge der Umsetzung des Landeskrankenhausgesetzes wurden die Krankenhäuser Spandau Nord und Spandau Süd zum „Krankenhaus Spandau, Krankenhausbetrieb von Berlin-Spandau“ mit insgesamt 2.640 Betten zusammengefasst.
1976
Zusammenführung zum Krankenhausbetrieb
Im Jahr 1976 wurden die Krankenhäuser Tegel Süd, die Klinik Wiesengrund und das Humboldt-Krankenhaus im Zuge der Umsetzung des Landeskrankenhausgesetzes zu einem gemeinsamen Krankenhausbetrieb zusammengeführt.
1. Oktober 1976
Akademisches Lehrkrankenhaus
Das Krankenhaus Am Urban wird Akademisches Lehrkrankenhaus.
1977
Neue Intensivstation im Auguste-Viktoria-Klinikum
Mit der Eröffnung einer neuen operativen Intensivstation erhielt das Auguste-Viktoria-Klinikum auch die erste Sauerstoff-Überdruckkammer West-Berlins.
3. Oktober 1985

Einweihung des neuen Humboldt-Krankenhauses
Der Berliner Senat hatte den Neubau 1972 beschlossen, da die Kapazitäten des Befehlskrankenhauses Tegel Süd sowie des überalterten Humboldt-Krankenhauses mehr als ausgelastet waren.
Die Grundsteinlegung zum Neubau war 1978 nach Entscheidung des Preisgerichtes für einen Entwurf der Architekten Tönies, Schroeter und Partner erfolgt.
1986
Einweihung des neuen Hauptgebäudes des Krankenhauses Neukölln
Nach 9-jähriger Bauzeit wird das neue Hauptgebäude des Krankenhauses Neukölln als „Berlins modernstes Krankenhaus“ (Neuköllner Rundschau, Juli 1986) feierlich eingeweiht.

Juli 1989
Richtfest des neuen Bettenhauses für das Krankenhaus Hellersdorf


10. Juni 1990
100 Jahre Krankenhaus Am Urban
Anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Krankenhauses Am Urban wurden die Alfred-Döblin-Patientenbibliothek sowie die Galerie Am Urban eröffnet.
1995
Das Krankenhaus Havelhöhe wechselt in anthroposophische Trägerschaft über
Die Nervenklinik Spandau und das Krankenhaus Spandau werden zu einem Krankenhausbetrieb zusammengeschlossen.

1997
Eröffnung der ersten Berliner Praxis für Radioonkologie und Strahlentherapie im Auguste-Viktoria-Klinikum

Zusammenführung zum Wohnpflegezentrum am Krankenhaus Spandau
Die Pflegeeinrichtungen Hohengatow, das Ernst-Hoppe-Heim und das Dr. Hermann-Kantorowicz-Heim werden zum Wohnpflegezentrum am Krankenhaus Spandau zusammengefasst.

Gründung des Krankenhauses Hellersdorf durch Fusion
Das Krankenhaus Hellersdorf entsteht aus einer Fusion des Wilhelm Griesinger Krankenhauses mit dem Krankenhaus Kaulsdorf.
Fusion des Humboldt-Krankenhauses und der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik
Durch die Fusion des Humboldt-Krankenhauses und der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (im Volksmund „Bonnies Ranch“) entstand das Krankenhaus Reinickendorf mit drei örtlichen Bereichen:
- dem Humboldt-Krankenhaus am Nordgraben,
- der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in der Oranienburger Straße, die für die Erwachsenen-Psychiatrie in Reinickendorf zuständig ist,
- sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wiesengrund.
1998
Neuerungen am Auguste-Viktoria-Klinikum
Am Auguste-Viktoria-Klinikum wurden verschiedene Neuerungen umgesetzt. Dazu zählt die Eröffnung des Gemeindepsychiatrischen Zentrums Dominicusstraße mit Wohnprojekt, Tagesklinik und Institutsambulanz. Im Zuge dieser Entwicklung übernahm das Klinikum die gemeindenahe psychiatrisch-psychotherapeutische Vollversorgung des Bezirks Schöneberg, während der örtliche Bereich Havelhöhe aufgegeben wurde. Ergänzend wurden das International Medicine Office (IMO) gegründet sowie eine Praxis für Kernspintomografie eröffnet.
26. Oktober 1998
Proteste und Lichterkette für den Erhalt des Krankenhauses Am Urban
Am 26. Oktober 1998 überreicht Hans Ake Fabricius, der Ärztliche Direktor des Krankenhauses Am Urban, dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen 51.000 Unterschriften für den Erhalt des Krankenhauses, das – wie auch andere städtische Krankenhäuser – mit Kürzungs- und Schließungsplänen des Senats konfrontiert wird. Am 11. November beteiligen sich rund 2000 Menschen an einer Lichterkette rund um das Krankenhaus und protestieren gegen eine drohende Schließung. Ein Jahr später kann die Schließung des Krankenhauses Am Urban abgewendet werden.
11. November 1998
Eröffnung des Neubaus des Krankenhauses Spandau
Der Neubau des Krankenhauses Spandau in der Neuen Bergstraße wird am 11. November 1998 feierlich eröffnet. Es verfügt über 424 Betten.