
Seelische Gesundheit: Tipps für Angehörige
Eine psychische Erkrankung betrifft nicht nur den erkrankten Menschen selbst, sondern in höchstem Maße auch seine Angehörigen. Fragen zum richtigen Umgang mit psychisch kranken Familienmitgliedern sind nicht einfach zu beantworten.
Für Angehörige: Gut begleiten – und gut für sich sorgen
Wenn ein nahestehender Mensch eine psychische Krise oder Erkrankung erlebt, verändert sich oft auch der Alltag der Angehörigen. Viele übernehmen Verantwortung, machen sich Sorgen und möchten helfen – manchmal über einen längeren Zeitraum hinweg. Gleichzeitig entstehen häufig Unsicherheiten: Was hilft wirklich? Was sollte ich sagen oder tun? Und wie kann ich unterstützen, ohne mich selbst zu überfordern?
Darauf gibt es keine allgemeingültigen Antworten. Jede Erkrankung, jede Beziehung und jede Lebenssituation ist anders. Die folgenden Anregungen beruhen auf den Erfahrungen vieler Angehöriger und können Orientierung geben. Sie sind keine festen Regeln und kein Maßstab dafür, alles „richtig“ machen zu müssen. Auch Angehörige dürfen an ihre Grenzen kommen und Unterstützung in Anspruch nehmen.
Nicht alles muss sofort gelöst werden
In einer belastenden Situation scheint oft vieles gleichzeitig wichtig zu sein. Versuchen Sie dennoch, den Blick auf das zu richten, was im Moment wirklich zählt. Nicht jedes Problem muss unmittelbar gelöst werden. Kleine Schritte und realistische Ziele helfen häufig mehr als der Anspruch, alles auf einmal bewältigen zu wollen.
Unterstützung geben – Selbstständigkeit erhalten
Es ist verständlich, möglichst viel abnehmen zu wollen. Gleichzeitig kann es hilfreich sein, der erkrankten Person zuzutrauen, das zu tun, was ihr möglich ist. Unterstützung bedeutet nicht, alles zu übernehmen, sondern gemeinsam nach einer guten Balance zwischen Hilfe und Eigenständigkeit zu suchen.
Manchmal reicht schon die Botschaft: „Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.“
Sie müssen nicht alles auffangen
Als Angehörige oder Angehöriger sind Sie eine wichtige Bezugsperson – aber Sie müssen die Erkrankung nicht allein bewältigen. Sie tragen nicht die Verantwortung für den Behandlungserfolg und müssen keine therapeutische Rolle übernehmen. Professionelle Unterstützung kann sowohl der erkrankten Person als auch Ihnen selbst Entlastung bieten.
Veränderungen brauchen Zeit
Psychische Erkrankungen verlaufen selten geradlinig. Es gibt Phasen, in denen vieles gelingt, und Zeiten, in denen Fortschritte kaum spürbar sind oder Rückschläge auftreten. Das kann belastend sein.
Geduld, Ermutigung und realistische Erwartungen sind oft hilfreicher als Druck oder gut gemeinte Aufforderungen, sich zusammenzureißen oder schneller gesund zu werden. Häufig sind es die kleinen Schritte, die langfristig den Unterschied machen.
Bleiben Sie im Gespräch
Offene Gespräche können Halt geben – auch wenn sie nicht immer leicht sind. Oft hilft es, schwierige Themen in einem ruhigen Moment anzusprechen, aufmerksam zuzuhören und die eigene Sicht in Ich-Botschaften zu formulieren, zum Beispiel: „Ich mache mir Sorgen.“ oder „Wie kann ich dich im Moment gut unterstützen?“
Nicht für jedes Problem muss sofort eine Lösung gefunden werden. Manchmal ist es bereits entlastend, sich gegenseitig zuzuhören.
Den Menschen hinter der Erkrankung sehen
Eine psychische Erkrankung kann das Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen. Manche Reaktionen wirken für Angehörige schwer nachvollziehbar oder belastend. Es kann hilfreich sein, zwischen der Erkrankung und der Persönlichkeit des Menschen zu unterscheiden.
Gleichzeitig gilt: Niemand ist auf seine Erkrankung zu reduzieren. Interessen, Fähigkeiten, Erfahrungen und persönliche Stärken bleiben ein wichtiger Teil der eigenen Identität.
Den Blick auf Stärken richten
Im Alltag richtet sich die Aufmerksamkeit oft auf das, was gerade nicht gelingt. Ebenso wichtig ist es, wahrzunehmen, was trotz der Krise möglich bleibt. Vertraute Routinen, soziale Kontakte, Hobbys oder kleine Erfolgserlebnisse können Stabilität geben und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken.
Anerkennung und Ermutigung wirken häufig nachhaltiger als Kritik.
Wissen kann Orientierung geben
Viele Angehörige erleben es als entlastend, mehr über psychische Erkrankungen, Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützungsangebote zu erfahren. Wissen hilft dabei, Situationen besser einzuordnen, Unsicherheiten zu verringern und gemeinsam informierte Entscheidungen zu treffen.
Scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen oder Beratungsangebote zu nutzen.
Unterstützung annehmen
Auch Angehörige brauchen manchmal jemanden, der zuhört. Der Austausch mit anderen Angehörigen oder eine Beratung können neue Perspektiven eröffnen und entlasten. Selbsthilfegruppen, Angehörigenverbände und psychosoziale Beratungsstellen bieten Informationen, Erfahrungsaustausch und Unterstützung.
Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern kann dazu beitragen, die eigene Belastung besser zu bewältigen.
Auch Ihre Gesundheit ist wichtig
Die Begleitung eines nahestehenden Menschen kostet Zeit, Kraft und oft auch Geduld. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blick zu verlieren.
Nehmen Sie sich bewusst Zeit für Erholung, pflegen Sie soziale Kontakte, gehen Sie Ihren Interessen nach und achten Sie auf Warnzeichen einer Überlastung. Niemand kann dauerhaft für andere da sein, wenn die eigenen Ressourcen erschöpft sind.
Gut für sich selbst zu sorgen bedeutet nicht, den anderen allein zu lassen. Im Gegenteil: Wer auf die eigene Gesundheit achtet, kann meist auch langfristig besser begleiten.
Sie sind nicht allein
Viele Angehörige erleben ähnliche Sorgen, Fragen und Unsicherheiten. Auch wenn sich die Situation manchmal überwältigend anfühlen kann: Es gibt Unterstützung – für Menschen mit psychischen Erkrankungen ebenso wie für ihre Angehörigen.
Niemand muss diesen Weg allein gehen. Sich Hilfe zu holen, Fragen zu stellen oder Entlastung anzunehmen, ist ein wichtiger Schritt – für die erkrankte Person und ebenso für Sie selbst.
10 Tipps aus den Erfahrungen anderer
Die folgenden zehn „Tipps“ leiten sich ab aus Erfahrungen, die viele Angehörige gemacht haben. Sie lesen sich zwar einfach, sind in der Realität aber oft schwer umzusetzen, denn: Angehörige sind oft ‚zu nah dran‘, um sich immer richtig zu verhalten – das geht gar nicht und muss auch nicht sein.
- Beschränken Sie sich auf die wichtigsten Dinge und sehen Sie über manches Verhaltensproblem erst einmal hinweg. Setzen Sie Prioritäten!
- Zu viel Fürsorge tut niemandem gut. Versuchen Sie eine Balance hinzubekommen aus so viel Selbstständigkeit wie möglich und dem Vermitteln von Sicherheit. Geben Sie dem Betroffenen zu verstehen „Ich bin da, wenn du mich brauchst“
- Werden Sie nicht zum ‚Arzt‘ oder ‚Therapeuten‘. Das raubt die eigenen Kräfte.
- Passen Sie Ihre Erwartungen und Anforderungen der Erkrankung an – erwarten Sie keine schnellen Veränderungen und vermeiden Sie Druck auszuüben.
- Wenn Sie etwas erreichen wollen überlegen Sie sich vorher wie Sie vorgehen. Warten Sie den geeigneten Zeitpunkt ab. Drücken Sie sich möglichst klar und sachlich aus. Wenn Sie ärgerlich oder mit direktem Druck vorgehen, verringern Sie die Chance, dass Sie Ihr Ziel erreichen und schaffen sich zusätzlichen Stress.
- Bedenken Sie, dass die Symptome der Erkrankung nicht Ausdruck eines schlechten Charakters sind, sondern dass der Betroffene sie nicht beeinflussen kann.
- Helfen Sie dem psychisch erkrankten Familienmitglied, die gesunden Anteile zu stärken und zu entwickeln.
- Informieren Sie sich so gut Sie können über die Erkrankung. Dadurch werden Sie sicherer und verstehen vieles besser.
- Suchen Sie sich selber Hilfe, wenn Sie nicht mehr weiter wissen. Es gibt Angehörigengruppen und den ‚Verband der Angehörigen psychisch Kranker‘, wo Sie sich informieren können.
- Sorgen Sie gut für sich selbst! Gehen Sie sorgsam mit Ihren Kräften um, halten Sie innere Distanz und vernachlässigen Sie nicht Ihre eigenen Interessen und Kontakte.

