
Weaning: Nach schwerer Krankheit wieder selbstständig atmen lernen
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Wenn Patient*innen längere Zeit künstlich beatmet werden müssen, ist der Weg zurück zur selbstständigen Atmung nicht einfach. Dr. med. Dorina Thiemig, Leitende Oberärztin der Klinik für Pneumologie und Infektiologie im Vivantes Klinikum Neukölln und Leiterin des Weaningzentrums erklärt, was auf der Weaning-Station passiert.

Frau Dr. Thiemig, was genau versteht man unter Weaning?
Weaning bedeutet wörtlich übersetzt „Entwöhnung“. Gemeint ist damit die schrittweise Rückkehr zur selbstständigen Atmung nach einer künstlichen Beatmung.
Wenn jemand über einen längeren Zeitraum maschinell beatmet wurde, kann die Atemmuskulatur geschwächt sein. Das bedeutet, auch wenn die ursprüngliche Erkrankung behandelt wurde, schaffen es die Betroffenen möglicherweise noch nicht, dauerhaft selbstständig zu atmen.
Wir versuchen deshalb, die Eigenatmung Schritt für Schritt wieder aufzubauen, indem die Unterstützung durch das Beatmungsgerät reduziert wird. Das geschieht immer individuell und unter engmaschiger medizinischer Beobachtung.
In welchen Fällen wird ein Weaning benötigt?
Das kann beispielsweise nach einer schweren Lungenentzündung der Fall sein, ebenso nach einer Blutvergiftung (Sepsis) oder nach großen Operationen. Auch Menschen mit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, kurz COPD, können nach einer akuten Verschlechterung länger beatmungspflichtig sein. Ein weiteres Beispiel sind Patientinnen und Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen, bei denen die Atemmuskulatur selbst geschwächt ist. Häufig sind es ältere Menschen mit mehreren Vorerkrankungen, bei denen verschiedene Faktoren zusammenkommen.
Braucht jeder Beatmungspatient ein längeres oder spezielles Weaning?
Nein, bei vielen Patientinnen und Patienten gelingt die Entwöhnung relativ schnell. Schwierig wird es vor allem dann, wenn die Beatmung über einen längeren Zeitraum erforderlich war oder mehrere Faktoren die Atmung beeinträchtigen. Wenn jedoch auf einer Intensivstation deutlich wird, dass ein sogenanntes prolongiertes Weaning nötig wird, profitieren Betroffene erheblich von einer schnellstmöglichen Weiterbehandlung in einer zertifizierten Weaningeinheit.
Was ist das Besondere an einem zertifizierten Weaningzentrum?
Bei manchen Patientinnen und Patienten zeichnet sich früh oder im intensivmedizinischen Verlauf ab, dass die Entwöhnung schwierig und langwierig werden kann. Man spricht dann von einem prolongierten Weaning. Dafür braucht es besondere Erfahrung, ein eng abgestimmtes Team und Strukturen, die auf einen oft wochenlangen Entwöhnungsprozess ausgerichtet sind. Genau dafür sind wir von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) als Weaningzentrum seit 2016 wiederholt erfolgreich zertifiziert worden. Unser Ziel ist es, den Weaning-Bedarf möglichst frühzeitig zu erkennen und die Menschen zu betreuen, denn je früher ein strukturiertes Weaning beginnt, desto besser sind die Chancen. Deshalb übernehmen wir Patientinnen und Patienten auch von anderen Stationen und aus anderen Kliniken. Bei uns arbeitet ein spezialisiertes Team aus Ärzt*innen, Pflege, Atmungstherapeut*innen und Physiotherapeut*innen sowie Logopäd*innen eng zusammen. Unsere Qualität wird regelmäßig extern durch die Fachgesellschaft DGP überprüft. Gelingt eine vollständige Entwöhnung nicht, planen wir gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen die weitere Versorgung. Das Zertifikat Weaningzentrum ist also ein Qualitätsausweis.
Warum ist es so wichtig, wieder selbstständig atmen zu können?
Die künstliche Beatmung kann Leben retten. Sie ist aber auch mit Risiken verbunden, zum Beispiel Infektionen, und sollte deshalb nur so lange wie nötig dauern. Nach dem Weaning kann man nicht nur wieder selbstständig atmen, sondern auch sprechen, essen, trinken und schließlich aktiver am Alltag teilnehmen. Je länger eine Beatmung dauert, desto stärker können Atem- und Körpermuskulatur abbauen und desto höher ist das Risiko für Komplikationen.
Warum ist die Entwöhnung manchmal so schwierig?
Atmen ist für gesunde Menschen etwas Selbstverständliches. Nach einer schweren Erkrankung kann das Zusammenspiel von Lunge, Atemmuskulatur und Nervensystem aber erheblich beeinträchtigt sein. Häufig kommen mehrere Ursachen zusammen: Die Muskeln sind geschwächt, die Lunge ist noch nicht ganz erholt, es gibt Herz-Kreislauf-Probleme, Infektionen oder eine eingeschränkte Belastbarkeit. Auch psychische Faktoren wie Angst, Erschöpfung oder Unsicherheit können eine Rolle spielen, ebenso Schluckstörungen oder eine vorübergehende Verwirrtheit (Delir). Unsere Aufgabe ist es, diese Ursachen gezielt zu erkennen und zu behandeln.
Wie läuft ein Weaning konkret ab?
Weaning ist ein individueller Rehabilitationsprozess. Zunächst schaut sich unser interdisziplinäres Team sehr genau an, wie stabil die Betroffenen sind und wie gut die eigene Atmung funktioniert. Wenn es möglich ist, verlängern wir die Phasen der selbstständigen Atmung langsam. Oft atmen die Betroffenen zum Beispiel tagsüber selbstständig und werden nachts wieder beatmet, damit sich die Atemmuskulatur erholen kann. Parallel bauen wir die Patientinnen und Patienten durch Physiotherapie und gezieltes Training der Atemmuskulatur, durch Ernährung und Mobilisation wieder auf. Dazu gehören bei Bedarf auch die Beatmung über eine Maske, die schrittweise Entwöhnung von der Trachealkanüle und ein gezieltes Schlucktraining. Die erforderlichen Schritte und Ziele besprechen wir gemeinsam mit den Betroffenen.
Was können Angehörige tun?
Angehörige können vor allem eines geben: Geduld und Unterstützung. Vertraute Stimmen, Fotos oder Lieblingsmusik können Orientierung geben und motivieren. Der Verlauf eines Weanings ist sehr individuell. Entscheidend ist, die richtige Balance zu finden: Wir wollen die Eigenatmung fördern, den Menschen aber nicht überfordern. Und es ist ein längerer Prozess, bei dem auch Rückschritte manchmal dazugehören. Gerade nach einer schweren Erkrankung braucht der Körper Zeit. Angehörige können Fragen an das Behandlungsteam stellen. Wenn sie verstehen, warum bestimmte Schritte notwendig sind, kann das viele Ängste nehmen. Außerdem helfen uns Angehörige, die Wünsche und Werte der Betroffenen kennenzulernen, gerade wenn diese sich selbst noch nicht gut äußern können. Wir beziehen Angehörige bewusst mit ein, auch bei der Planung der Zeit nach dem Klinikaufenthalt.
Zertifiziertes Weaning-Zentrum
- Spezialisierte Behandlung: Erfahrung mit schwierigem und langwierigem Weaning (prolongiertes Weaning).
- Früher Start: Möglichst frühzeitiger Beginn eines strukturierten Weanings.
- Übernahme von Patient*innen: Auch von anderen Stationen und aus anderen Kliniken.
- Interdisziplinäres Team: Ärzt*innen, Pflege, Atmungstherapie, Physiotherapie und Logopädie arbeiten eng zusammen.
- Zertifizierte Qualität: Seit 2016 wiederholt durch die DGP als Weaningzentrum zertifiziert.
- Regelmäßige Prüfung: Externe Qualitätskontrolle durch die DGP.
- Individuelle Weiterbetreuung: Gemeinsame Planung der weiteren Versorgung, wenn eine vollständige Entwöhnung nicht gelingt.