Psychische Gesundheit im interkulturellen Kontext

Das Zentrum für transkulturelle Psychiatrie (ZtP) versorgt seit 2015 psychisch belastete Menschen aus verschiedenen Kulturen. Die Vorstellungsgründe sind vielfältig, wobei Fluchthintergrund, flucht-assoziierte oder durch die veränderten Lebensumstände bedingte psychische Beschwerden die Hauptrolle spielen.
Dr. Ramona Pietsch, Chefärztin des Ambulatorium Seelische Gesundheit am Vivantes Humboldt-Klinikum berichtet von ihren Erfahrungen.
Frau Dr. Pietsch, was ist die Besonderheit des ZtP im Vergleich zu anderen psychiatrischen Einrichtungen?
Wir behandeln Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Unser Fokus liegt auf dem psychischen Belastungserleben, das sich aus Vorerfahrungen im Herkunftsland, Krieg, Verfolgung, der Flucht selbst und der Ankunft in einer völlig neuen Lebensrealität zusammensetzt. Dabei geht es sowohl um bereits bestehende psychische Erkrankungen als auch um neue Belastungsreaktionen. Von Anfang an war es uns wichtig, möglichst muttersprachliche Mitarbeitende zu integrieren, um sprach- und kultursensibel arbeiten zu können.
Unsere Kolleg*innen haben größtenteils auch selbst einen Migrationshintergrund. So konnten wir spezialisierte Teams für bestimmte Sprach- und Kulturregionen aufbauen. Aktuell decken wir schwerpunktmäßig vier Sprachräume ab: Arabisch, Türkisch-Kurdisch, Ukrainisch-Russisch sowie Dari/Farsi. Wir sind multiprofessionell aufgestellt. Bei uns arbeiten Ärzt*innen, Therapeut*innen, Pflegekräfte und Sozialdienste eng zusammen.
Welche Patientengruppen betreuen Sie schwerpunktmäßig und mit welchen Erkrankungen?
Viele unserer Patient*innen sind durch die beschriebenen Lebensveränderungen und -umstände psychisch belastet. Beispielsweise durch den Verlust von Angehörigen, aber auch durch kulturelle Entwurzelung. Deshalb sehen wir häufig Belastungsreaktionen, wie Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen – manchmal aber auch schwere Traumatisierungen. Nicht selten stellen sich Menschen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen vor, wegen derer sie sich bereits im Herkunftsland in Behandlung befanden.
Was sind aus Ihrer Sicht besondere Herausforderungen in der Arbeit mit Geflüchteten?
Neben der Sprache sind es vor allem kulturelle Unterschiede im Umgang mit psychischer Gesundheit. Wenn etwa Medikamente verabreicht werden und Patient*innen in der Fastenzeit nichts zu sich nehmen dürfen. Oder wenn Patient*innen für psychiatrische Erklärungen und Konzepte gar nicht zugänglich sind, sondern ihre psychosomatischen Beschwerden unbedingt auf eine körperliche Erkrankung zurückgeführt haben möchten, obwohl in diese Richtung bereits eine umfassende Diagnostik erfolgte. Die erste Herausforderung besteht daher für uns in einer spezifischen Diagnostik. In der Folge müssen wir die Befunde kultursensibel kommunizieren und Verständnis für eine psychische Erklärung der Beschwerden wecken. Oft kommen Patient*innen auch mit sozialen Erwartungen in unsere Behandlung, erhoffen sich etwa Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung. In solchen Fällen vermitteln wir an Beratungsstellen, oder unterstützen dabei, die Abläufe im Gesundheitssystem zu verstehen.
Welche Behandlungsmethoden werden im ZtP angeboten?
Wir bieten ein umfassendes Behandlungsspektrum von klassischer psychiatrischer Versorgung mit medikamentöser Unterstützung, über Einzel- und Gruppentherapien in der jeweiligen Muttersprache sowie spezifische Gruppenangebote an. Ein Beispiel ist unser Empowerment-Programm für afghanische Frauen oder Stressbewältigungsgruppen für türkische Patientinnen.
Viele kommen mit Berührungsängsten – aber sobald sie sich auf die Angebote einlassen, spüren sie meist schnell eine Entlastung. Wir sehen das auch an der hohen Nachfrage. Perspektivisch planen wir, eine muttersprachliche Gedächtnissprechstunde aufzubauen, da wir ein gesteigertes Interesse an der Abklärung kognitiver Auffälligkeiten auch in transkulturellen Kontexten feststellen und wir diesem Bedarf entsprechen möchten.
Mit welchen anderen Einrichtungen arbeiten Sie zusammen?
Wir sind eng vernetzt mit anderen Kliniken – zum Beispiel mit den Vivantes-Krankenhäusern, der Charité, aber auch Einrichtungen wie dem Zentrum Überleben oder bezirklichen Institutsambulanzen. Auch mit sozialen Einrichtungen, Beratungsstellen und Integrationsdiensten arbeiten wir zusammen.
Auf welchem Weg gelangen die Patient*innen zu Ihnen?
Gerade in akuten Krisenzeiten – wie beispielsweise nach Beginn des Ukrainekriegs – kamen viele Patient*innen über Sozialdienste, Unterkünfte oder Notaufnahmen zu uns. Inzwischen gibt es überwiegend direkte Kontakte. Eine Bekannte oder ein Freund haben etwas erzählt, jemand wurde empfohlen, oder es gab eine Weiterleitung aus einer Klinik.
Wo muttersprachliche Angebote fehlen, übernehmen wir manchmal auch überbezirklich die Versorgung. Ziel ist aber immer eine möglichst wohnortnahe Betreuung.
Wie kam es ursprünglich zur Gründung des Zentrums für transkulturelle Psychiatrie?
Das ZtP wurde 2015 im Rahmen der damaligen Flüchtlingsbewegung gegründet. Die Idee war, auf die psychischen Belastungen bei neu in Deutschland ankommenden Menschen zu reagieren und gleichzeitig auf künftige Herausforderungen vorbereitet zu sein. Seitdem hat sich das Zentrum kontinuierlich weiterentwickelt –räumlich, strukturell, aber auch inhaltlich.
Zunächst begannen wir mit einer spezialisierten Ambulanz im Gelände des Humboldt-Klinikums, sind dann 2016 in den Bereich des ehemaligen Bonhoeffer Krankenhauses umgezogen, später weiter in die Waldstraße – mit einer Erweiterung um neue Inhalte. Seitdem gibt es bei uns auch eine Tagesklinik, in der Patient*innen über sechs Wochen in intensiven Programmen auf Arabisch, Türkisch, Dari/Farsi oder Russisch betreut werden.
Voraussetzungen & Termine im Zentrum für transkulturelle Psychiatrie
- Wir behandeln Menschen ab 18 Jahren
- Eine parallele Behandlung (im aktuellen Quartal) bei einer niedergelassenen Psychiater*in oder Psychotherapeut*in schließt die Behandlung in der PIA aus.
- Die Komplexleistungen der PIA bestehen aus ärztlichen (mind. 2 Termine pro Quartal) und nicht-ärztlichen (mind. 1 Termin pro Quartal, u.a. Psycholog*innen, Ergotherapeut*innen, Systemisches Coaching, Sozialarbeit, pflegerisches Personal) Leistungen.
- Eine Überweisung der behandelnden Hausärztin oder des behandelnden Hausarztes ist obligatorisch
Termine
- Schreiben Sie uns eine E-Mail an transkulturelle-psychiatrie@vivantes.de mit der Bitte um einen zeitnahen Termin. Wir melden uns so schnell wie möglich (auch in Ihrer Sprache) bei Ihnen zurück.
- Privat versicherte Patient*innen wenden sich bitte an E-Mail: department-seelischegesundheit.huk@vivantes.de
- Bitte bringen Sie zu Ihrem ersten Termin folgende Unterlagen mit: Überweisung, gültige elektronische Gesundheitskarte oder Betreuungsbescheinigung oder einen grünen Schein, Arztbrief, Befunde o.ä.
Gedächtnissprechstunde
Viele Menschen machen sich Sorgen, wenn Gedächtnis, Sprache oder Konzentration
nachlassen. In unserer Gedächtnissprechstunde klären wir gemeinsam ab, ob es sich
um normale Altersveränderungen oder Anzeichen einer Erkrankung handelt. Es gibt dieses Angebot für Menschen mit
arabischer, persischer, russischer oder türkischer Muttersprache.
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte per E-Mail an transkulturelle-psychiatrie@vivantes.de
Privatversicherte wenden sich bitte an Frau Braun (Tel. 030 130 12 2100).
Tagesklinik transkulturell
Bei Interesse an einem Behandlungsplatz in der Tagesklinik transkulturell melden Sie sich bitte unter:
Tel. 030 130 14 1896
Fax 030 130 14 1837
Oder Sie schreiben uns eine E-Mail an: tagesklinik-transkulturell.huk@vivantes.de



