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Hüftarthrose – wann sollte ich mich operieren lassen?

Anhaltende Gelenkschmerzen, ob an Schulter, Knie, oder Hüfte, können die Aktivität und Lebensqualität stark beeinträchtigen. Aber eine Operation macht Betroffenen auch Angst. Wann ist dafür der richtige Zeitpunkt? Kann ich mich mit 40 schon operieren lassen? Werden Menschen mit 80 „noch“ operiert? Ein orthopädischer Chirurg gibt Antworten.

PD Dr. Tilman Pfitzner ist Chefarzt der Kliniken für Endoprothetik, Knie- und Hüftchirurgie im Vivantes Humboldt-Klinikum in Reinickendorf und im Klinikum Spandau innerhalb der Departments für Bewegungschirurgie an beiden Standorten.

Herr Dr. Pfitzner, welche Gründe können Schmerzen in den Gelenken haben?

Die Ursachen sind vielfältig. Bei einem akuten Trauma nach einem Unfall kann ich Schmerzen haben, eine angeborene oder erworbene Fehlstellung des Gelenks (Achsfehlstellung) führt durch falsche Belastung zu Schmerzen und Verschleiß, oder es kommt erst später in einem schleichenden Prozess zur Abnutzung der Gelenke. Die gute Nachricht: Wenn wir als Behandlungsteam erfahren, wo der Schmerz genau liegt, stellen wir schnell fest, was ihn auslöst. Eine Untersuchung ermöglicht bei über der Hälfte der Fälle sofort eine konkrete Verdachtsdiagnose. Die darauffolgenden sogenannten bildgebenden Verfahren wie Röntgen, MRT oderCT bestätigen das nur. Wir sind also die Übersetzer zwischen den Patient*innen, ihren Symptomen und dem, was wir auf dem Bild diagnostizieren.

Und wer von den Betroffenen kommt schließlich in die Klinik?

Wenn wir bei hundert Menschen zwischen 50 und 60 Jahren ein MRT machen würden, könnten wir bei ungefähr siebzig Menschen bereits Zeichen des Gelenkverschleißes erkennen. Aber nur fünfzehn bis zwanzig von ihnen hätten überhaupt Beschwerden. Diesen Patienten*innen mit Beschwerden gilt unsere volle Aufmerksamkeit. Wenn keine Schmerzen vorliegen, ist eine spezifische Behandlung oder gar eine Operation in aller Regel nicht notwendig. Denn wir behandeln Schmerzen, keine Bildbefunde.

Wenn Patient*innen nun aber Schmerzen haben, wann ist eine Operation notwendig?

Das hängt davon ab, ob der Gelenkschmerz die Kontrolle über das Leben von Patient*innen erlangt und ob ein Abwarten ggf. negative Folgen haben könnte. Die Operation ist immer die letzte Option. Vorher nutzen wir eine Vielzahl konservativer Behandlungsmethoden: Physiotherapie, Einlagen, Bandagen, Nahrungsergänzung, Sport, um die Beschwerden zu lindern. In den orthopädischen Leitlinien ist klar definiert, wie wir stufenweise vorgehen. Ich rede mit den Patient*innen und gebe ihnen eine klare zeitliche Perspektive: „Wir versuchen das jetzt für zwei Monate, wenn es nicht wirkt, gehen wir einen Schritt weiter.“

Und je nachdem, ob die Behandlung wirkt, folgt die nächste Stufe?

Ja. Wir sprechen von „Respondern“, das sind Patient*innen, die gut auf die Behandlung ansprechen und deren Zustand sich verbessert oder zumindest stabil bleibt, statt sich zu verschlechtern. Aber entscheidend ist letztlich, was Patient*innen selbst wollen: Wenn ich keinen Sport mache, viel sitze und nur ab und zu mal einkaufen gehe, komme ich eventuell lange zurecht. Möchte ich aber ein aktives Leben führen und mich sportlich betätigen, zum Beispiel Bergwanderungen unternehmen, ist mein subjektiver Leidensdruck natürlich viel höher, auch wenn die Hüftarthrose gleichweit fortgeschritten ist.

Verschieben auch viele Patient*innen die Operation aus Angst, obwohl der Leidensdruck hoch ist?

Natürlich stehen die Beschwerden und die Sorgen vor einer OP in einem Verhältnis. Ich halte das für eine absolut normale Reaktion. Operationen bergen gewisse Risiken, aber eben auch oftmals die noch einzige verbleibende Chance auf Besserung – es bleibt für jede und jeden eine Abwägung. Ich erlebe allerdings oft, dass es irgendwann kippt, die Schmerzen und die Einschränkung der Lebensqualität machen eine Operation an einem Punkt unausweichlich. Patient*innen können das oft gut differenzieren und sagen entweder „die Einschränkung belastet mich derzeit nur mäßig“, oder „ich halte es nicht mehr aus. Ich will an Ostern mit meinen Enkeln endlich wieder Fußball spielen können“.

Die Operation ist immer die letzte Option. Entscheidend ist, ob der Gelenkschmerz die Kontrolle über das Leben von Patient*innen erlangt.

Chefarzt der Kliniken für Endoprothetik, Knie- und Hüftchirurgie im Vivantes Humboldt-Klinikum und im Klinikum SpandauPD Dr. Tilman Pfitzner

Es gibt die verbreitete Meinung, Kliniken drängten Patient*innen aufgrund von finanziellen Anreizen zu einer OP…

Ich kenne diese Meinungen auch. Hier kann man nur seinen gesunden Menschenverstand einsetzen. – Fühlt man sich in Ruhe und ausführlich über alle Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt? Gibt es ausreichend Bedenkzeit und die Möglichkeit sich ggf. eine zweite Meinung einzuholen? Ich wäre immer skeptisch bei jemandem, der behauptet „es muss sofort operiert werden!“ Es ist immer eine gemeinsame Entscheidung zwischen den Betroffenen und Behandelnden, es gibt kein „Muss“.

Existiert also kein „richtiges Alter“ für die Operation?

Nein. Aber die Frage, ob eine Operation mit 50, 60, oder 70 Jahren durchgeführt werden soll, hält sich hartnäckig. Dies liegt daran, dass ein solches künstliches Hüftgelenk auch einer Abnutzung (wenn auch sehr gering) unterliegt und somit eine begrenzte Lebenserwartung hat. Diese liegt für das Hüftgelenk aktuell bei ca. 20 Jahren, beim Kniegelenk bei ca. 15 Jahren. Je jünger man also ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man in höherem Alter eine Austausch-Operation benötigt. Wenn ich mit 40 Jahren operiert werde, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ich später einen weiteren Tausch brauche, auch mit 60-70 vermutlich. Mit 80 wird es mit ziemlicher Sicherheit die letzte OP sein. Daher hält sich die Empfehlung möglichst lange zu warten bzw. man sei „zu jung“.  Aus meiner Sicht sollte man es aber umgekehrt betrachten. Wenn es mir unabhängig vom Alter sehr schlecht geht beispielsweise aufgrund von einer Arthrose bei einer Hüftreifungsstörung, was sind meine Alternativen? Sollte ich die nächsten 10-20 „guten“ Lebensjahre, in denen ich noch aktiv sein kann mit Warten, Schmerzen und Einschränkung verbringen, bis ich dann vielleicht 60 bin?

Erneut ist nicht das Alter, sondern das Ausmaß an Schmerzen und Einschränkung das Entscheidende. Patient*innen mit fortgeschrittenen Beschwerden sehen für sich dann meist keine andere Wahl mehr.

Wie häufig kommt es zu Komplikationen und Problemen nach der OP?

Wir haben aufgrund der Endoprothesenregister inzwischen sehr gute Daten dazu. Die Komplikationsrate ist sehr gering. 95 Prozent der Betroffenen sind nach der OP schmerzfrei und zufrieden, andere Standardeingriffe wie z.B. eine Mandel- oder Blinddarm-OP ist letztlich oftmals risikoreicher. Aber natürlich sollte eine Komplikationsrate von Null angestrebt werden. Die schonenden und minimalinvasiven Techniken und die Maßnahmen um die OP herum entwickeln sich schnell weiter. Und auch wenn einmal doch etwas Unerwünschtes auftritt oder ein Kunstgelenk nach vielen Jahren abgenutzt ist, kann man oftmals problemlos einen Austausch durchführen so lange noch ausreichend Knochen, Muskeln und Weichteile vorhanden sind.  Wichtig ist, dafür Operateur*innen und interdisziplinäre Teams auszuwählen, die in diesem Bereich spezialisiert sind und diese Eingriffe möglichst häufig durchführen.

Im Vivantes Humboldt-Klinikum und im Vivantes Klinikum Spandau wurden 2023 aufgrund von Arthrose, Knochenbrüchen oder der Notwendigkeit eines Gelenkaustauschs rund 800 künstliche Knie- und Hüftgelenke eingesetzt bzw. gewechselt

Department für Bewegungschirurgie Reinickendorf

Department für Bewegungschirurgie Spandau